DIE ZEIT: Herr Wiesing, seit Jahrtausenden zerbrechen sich Philosophen den Kopf über die Gerechtigkeit, die Vernunft oder die Ästhetik, die ganz großen Fragen. Über Luxus hat vor Ihnen noch kein Philosoph gründlich nachgedacht. Warum?

Lambert Wiesing: Mich wundert das auch. Ich kann es mir nur psychologisch erklären: Vielleicht hatten viele Sorge, durch dieses Thema automatisch in eine dekadente Ecke zu geraten.

ZEIT: Wie haben Sie den Luxus entdeckt?

Wiesing: Auslöser war tatsächlich ein Forschungsaufenthalt in Oxford. Dort habe ich eine derart reichhaltige Idee von zweckfreier Bildung erlebt, die ganz sicher etwas Luxuriöses hat. Und wenn man heutzutage durch Paris oder London läuft, dann trifft man in Geschäften oder Wohnungen sehr oft auf unfassbaren Luxus, der in seiner verschwenderischen Art einfach nur irrational ist. Mit Zweckrationalismus kommt man nicht weit, wenn man solche Lebensformen beschreiben möchte.

ZEIT: Überraschenderweise schreiben Sie aber in Ihrem Buch, dass es beim Luxus gar nicht um Materielles geht.

Wiesing: Genau. Mit dem Luxus verhält es sich wie mit schönen Sachen oder einem Kunstwerk: Wir können diese Dinge nicht durch Messen oder sonst wie physikalisch nachweisen oder durch objektive Eigenschaften definieren. Luxus entsteht durch eine ästhetische Erfahrung mit Dingen, die sich ändern können: Was heute für den einen Luxus ist, muss es morgen schon nicht mehr sein. Daher ist der materielle Reichtum auch nur dann Luxus, wenn für seinen Besitzer ein besonderes Erlebnis damit verbunden ist. Manch ein Milliardär empfindet das, was er besitzt, als normal und alltäglich – und nicht als Luxus.

ZEIT: Aber jeder hat doch ziemlich konkrete Vorstellungen von Luxus.

Wiesing: Gewiss, aber unterschiedliche! Denn Luxus ist ein Bruch mit den Vorstellungen vom Passenden, Zweckmäßigen und Angemessenen. Diese Vorstellungen sind oft durch Ideologien und persönliche Vorlieben geprägt: Für den einen ist ein bestimmtes Auto Luxus, für den anderen sind es Opernbesuche oder Fleischessen. Die Debatte über Luxus hat sich darauf konzentriert, wie man diesen Bruch bewerten soll: Die einen sagen, Luxus ist verwerflich für die Moral, die anderen meinen, er sei förderlich für die Wirtschaft. Doch diese Diskussion hat mich nicht interessiert; ich möchte überhaupt erst einmal Luxus als Phänomen beschreiben – also was Luxus ist.

ZEIT: Der Soziologe Werner Sombart hat vor hundert Jahren Luxus definiert als das, "was nicht notwendig ist". Sie sagen, er sei darüber hinaus eine ästhetische Erfahrung – was noch?

Wiesing: Luxus ist einerseits immer eine irrationale Verschwendung, die aber andererseits nicht auf öffentliche Darstellung aus ist. Es wird ein Aufwand betrieben, der unnötig ist. Dies gilt auch für den Protz, den man jedoch klar vom Luxus unterscheiden kann. Denn Protz und Prestigeobjekte richten sich als Selbstdarstellung nach außen, meist als ein recht plumper Beweis von Kaufkraft. Luxus als ästhetische Erfahrung ist hingegen auch ohne Öffentlichkeit möglich, denken Sie an üppige Privatgärten oder auch luxuriöse Schlafzimmer. Ich möchte Protz und Prestige als ein soziologisches Phänomen vom Luxus als einem ästhetischen unterscheiden. Im Überfluss leben heißt nicht, Luxus erfahren – denn man kann erst sinnvoll von Luxus reden, wenn mit einer überflüssigen Sache eine bestimmte Erfahrung gemacht wird: Zum Luxus gehört, die Erfahrung zu machen, dass die eigene Vorstellung von dem, was angemessen ist, überschritten wird.

ZEIT: Aber das Besitzenwollen gehört doch auch dazu?

Wiesing: Unbedingt. Wer einen unvernünftigen Gegenstand nur anschaut, ist selbst noch nicht unvernünftig. Doch wir können Luxus nur erleben, wenn wir etwas Irrationales und Unangepasstes selbst machen. Und tatsächlich kann man, indem man etwas Unangemessenes besitzt, etwas Unvernünftiges machen.