Dieser Hunger nach Bildung. Alles hat Ziauddin Yousafzai ihm zu verdanken. Die Liebe seiner Frau. Den Respekt der Öffentlichkeit. Die Kugel im Kopf seiner Tochter.

Ziauddin Yousafzai sitzt im Fabrikbau einer Filmfirma, irgendwo im Westen Londons. Wo genau das Gespräch stattfindet, darf keiner wissen. Männer mit Knopf im Ohr laufen durch das Gebäude, davor parkt ein Bus mit getönten Scheiben. Journalisten aus Japan, Indien, Kenia, Italien wurden damit herangekarrt. Um die Geheimhaltung sicherzustellen, hat die Filmfirma nicht nur ein Foto- und Telefonverbot verhängt, sondern auch gleich Hotel und Transfer gezahlt. Den Journalisten ist es egal. Sie wollen die Geschichte hören, die vom 22. Oktober an unter dem Titel He Named Me Malala in den Kinos der Welt erzählt wird.

Es ist auch die Geschichte von Ziauddin Yousafzai, dem Schuldirektor, der bekannt wurde, weil er im Swat-Tal, im Norden Pakistans, für Bildung und gegen die Taliban stritt. Und der berühmt wurde als Vater von Malala, der jüngsten Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten. Malala, seiner Tochter, der die Taliban in den Kopf schossen, weil sie dafür kämpfte, dass Frauen zur Schule gehen dürfen. Auf das Attentat folgten weltweite Entrüstung und der Umzug der Familie ins Exil nach Birmingham, wo Ärzte das Leben von Malala retteten.

Es ist eine Geschichte, die von Familie handelt, von Idealen und von der Frage, was Bildung wert ist. Im Westen geht es dabei um Geld. In Pakistan geht es um alles. Was ist dir die Bildung wert? Das eigene Leben? Das Leben deiner Tochter? Ist Ziauddin Yousafzai ein Held? Oder ein verantwortungsloser Vater?

"Sie meinen, ob mein Kampf für meine Ideale mein Leid wert war?" Ziauddin Yousafzai lehnt sich zurück in seinem Sessel, hebt die Hände. "Niemand weiß, was die Zukunft bringt. Aber Leid, das so entsteht, lässt sich glücklich ertragen."

Ziauddin Yousafzai blickt auf den Sessel neben sich. Ein Mann lümmelt sich darin herum. Davis Guggenheim ist Regisseur. Er hat der Welt von Al Gores Kampf gegen den Klimawandel erzählt und von Jimmy Pages Kampf mit der Gitarre. Nun erzählt er vom Kampf der Yousafzais um die Bildung. Anderthalb Jahre lang hat Guggenheim die Familie begleitet. Ziauddin und Malala, auch Malalas Mutter Tor Pekai und die kleinen Brüder Khushal und Atal. Man sieht die Familie in Birmingham beim Frühstück und beim Streiten, man sieht Malala im Weißen Haus, bei den UN und in einer Mädchenschule in Kenia. Immer an ihrer Seite: Ziauddin Yousafzai. Ein Mann mit Schnauzer, Seitenscheitel, Hemd und Sakko.

Davis Guggenheims Hemd hängt aus der Hose. Sein Haar ist lang. Er sagt: "Zia ist bescheiden. Seine Familie hat Millionen Mädchen und Väter inspiriert. Dieser Film soll eine Bewegung starten, so wie der mit Al Gore." – "Stimmt!", ruft Ziauddin Yousafzai. "Als wir noch in Pakistan lebten, rief mich einst einer aus Karatschi an und sagte: Bruder, ich schicke meine Töchter in die Schule, weil ich Malala im Fernsehen sah."

Nur zwei Prozent seines Bruttoinlandsproduktes gibt Pakistan für Bildung aus. Weniger als die Subventionen für seine nationale Fluggesellschaft. 50 Prozent der Schulgebäude verfügen laut Unesco nicht über Elektrizität. Von zehn Kindern gehen sechs nicht auf eine weiterführende Schule, bei den Mädchen bleiben sogar 68 Prozent zu Hause. Im Schnitt gehen sie keine fünf Jahre zur Schule. Im Global Gender Gap Report, der die Gleichstellung der Geschlechter analysiert, rangiert Pakistan auf Platz 141. Von 142 Ländern.