Binnen sechs Monaten, von Oktober 1965 bis März 1966, vollzog sich in Indonesien einer der größten politischen Massenmorde des 20. Jahrhunderts: Rund eine halbe Million Menschen fiel ihm zum Opfer – Mitglieder und Sympathisanten der Kommunistischen Partei. Zwar ist unter Experten umstritten, ob politische Morde überhaupt als Genozid bezeichnet werden können. Doch die Geschehnisse in Indonesien stehen auf einer Stufe mit den sowjetischen Säuberungen, der chinesischen Kulturrevolution und den Gräueltaten der Roten Khmer in Kambodscha.

Gegründet wurde die Partai Komunis Indonesia (PKI) 1920, als Indonesien noch niederländische Kolonie war. Zulauf fand sie besonders auf dem Land, wo man sich einen Weg in die Freiheit und Moderne versprach, der nicht über simple Nachahmung der europäischen Gesellschaft führte. Nach einem versuchten Aufstand wurde die PKI 1927 von den Kolonialbehörden verboten, doch 1945 war sie wieder da, als Indonesier aller politischer Gruppierungen erst gemeinsam gegen die Rückkehr der niederländischen Kolonialherrschaft, dann in einem blutigen Bürgerkrieg gegeneinander kämpften.

Nach der international anerkannten Unabhängigkeit Indonesiens 1949 befand sich die PKI in der Opposition. Die Revolutionsidee ließ sie nun fallen; das neue Ziel lautete, auf demokratischem Weg an die Macht zu gelangen: Die Kommunisten warben mit Bildungsangeboten und Kulturveranstaltungen, und sie halfen den Bauern in Konflikten mit den Grundherren. Bei den Wahlen von 1955 wurde die PKI mit 16 Prozent der Stimmen viertstärkste Partei.

Daraufhin nahm die Furcht vor den Kommunisten zu: Die Großgrundbesitzer und das Militär, nach der Verstaatlichung niederländischen Eigentums 1958 Herr über die großen Plantagen, fürchteten die Stärkung der Landarbeiter. Und die islamischen Konservativen konnten nicht damit einverstanden sein, dass die PKI die Gleichstellung von Frauen förderte.

Dieses Klima begünstigte, dass die meisten antikommunistischen Parteien Präsident Sukarno zustimmten, als dieser 1959 die "gelenkte Demokratie" einführte. Das neue System beraubte das Parlament nahezu vollständig seiner Macht, alle politische Aktivität drehte sich um den Präsidenten. In der Praxis regierte Sukarno mittels Verordnungen. Aber er setzte zunehmend auf die PKI als Gegengewicht zur Armee. Denn die Partei hatte mittlerweile drei Millionen Mitglieder, was sie zur drittgrößten kommunistischen Partei der Welt machte.

Anfang der sechziger Jahre näherte sich Sukarnos Politik China, Nordvietnam und Nordkorea an. Zugleich nahm die öffentliche Kritik der PKI an "kapitalistischen Bürokraten" und "Dorfteufeln" zu; lautstark forderte die Partei die stets von lokalen Behörden und Großgrundbesitzern blockierte Landreform.

1965 wirkte Sukarno zunehmend anfällig. Mit der Wirtschaft ging es steil bergab – der Abbruch der Beziehungen zum Westen tat ein Übriges. Und die antikommunistischen Kräfte stellten sich die bange Frage, ob im Fall seines Todes womöglich die PKI an die Macht käme.

Aus heute zugänglichem Archivmaterial geht hervor, dass die USA und andere Westmächte gewisse Hoffnungen darauf setzten, dass die PKI durch überstürztes Handeln einen Vorwand für Gegenmaßnahmen liefern würde. Chinesisches Archivmaterial wiederum deutet darauf hin, dass PKI-Chef Aidit hoffte, den Stand seiner Partei zu festigen, wenn bestimmte Offiziere aus dem Oberkommando entfernt würden.

Am frühen Morgen des 1. Oktober 1965 entführten und töteten Sukarno-freundliche Armeeeinheiten sechs ranghohe antikommunistische Generäle. Sie nannten sich "Bewegung 30. September" und hatten die Aktion zusammen mit wenigen PKI-Anführern geplant, unter ihnen Aidit. Sie behaupteten, mit ihrer Aktion einen Militärputsch verhindert zu haben, und erklärten, ein Revolutionsrat habe die Macht übernommen. Doch die Operation war mangelhaft durchgeführt und wurde bald von General Suharto niedergeschlagen, dem Befehlshaber der Strategischen Reserve der Armee. Er hatte bis dato nicht als politischer General gegolten. Doch jetzt ging er entschlossen daran, nicht nur die am Putsch beteiligten Einheiten festzunehmen, sondern auch Präsident Sukarno aus dem Amt zu drängen.