Ausgerechnet in einer saudischen Universitätsbibliothek stößt Mona Eltahawy zum ersten Mal auf feministische Bücher. Es sind Texte der marokkanischen Soziologin Fatima Mernissi und von Leila Ahmed, Professorin für Frauen- und Nahoststudien in Harvard, und sie fragen nach dem Sinn des Kopftuchs. Warum sollten Frauen ihre Körper verhüllen, um kein männliches Begehren zu wecken? Warum sind Männer nicht selbst für ihr Verlangen verantwortlich? Bis heute weiß Eltahawy nicht, wer die Bücher in die Bibliothek von Dschidda stellte. Saudi-Arabien ist ein Land, das auf Rankings zur Gleichberechtigung stets einen der letzten Plätze belegt. Aber die Bücher haben die damals 19-jährige Mona Eltahawy geprägt, sie, die 1967 in Ägypten geboren wurde, ist heute Journalistin und Aktivistin. Mit der Lektüre begann ihr Fragen nach der Lage der Frauen im Nahen Osten und in Nordafrika. Eltahawy hat nun ein sehr wütendes Buch geschrieben. Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt heißt es.

Der Begriff "sexuelle Revolution" ist etwas irreführend. Es geht Eltahawy um die Akzeptanz sexueller Bedürfnisse und um Fragen der Sexualmoral. Sie streitet für eine Gleichstellung der arabischen Frauen, juristisch und kulturell, in der Familie wie im Gesellschaftsleben. Die Unterdrückung findet in großem Maß über den Körper statt. Eltahawy spricht von einer "Hypersexualisierung" von allem, was weiblich ist. Und sie belegt dies mit einer bestürzenden Sammlung von Zahlen: In einem Bericht der Vereinten Nationen geben 99,3 Prozent der ägyptischen Mädchen und Frauen an, sexuell belästigt zu werden, also praktisch alle. 125 Millionen Mädchen und Frauen im Nahen Osten und in Nordafrika sind beschnitten. Laut Human Rights Watch werden im Jemen 52 Prozent der Mädchen verheiratet, bevor sie 18 Jahre alt sind, 14 Prozent sind sogar jünger als 15 Jahre.

Mona Eltahawy beschreibt das Geflecht aus Kultur, Religion und einer von Männern dominierten Rechtsstaatlichkeit, das diese Gewalt an Frauen ermöglicht. Und sie erzählt von dem Thema dahinter: dem Kampf um Identität. Der von Frauen, die entscheiden müssen, wie sie leben wollen, der von Männern, deren Selbstbild davon anhängt, ob sie eine Frau dominieren können.

Die Autorin erzählt dies entlang ihrer eigenen Biografie. Als junge Frau trägt sie, eine Feministin, ein Kopftuch, bis sie feststellt, dass sie mit ihrer persönlichen Interpretation – Verhüllung als autonome Entscheidung – nicht ankommt gegen die Symbolik des Kleidungsstücks. Sie legt den Hidschab ab und kämpft mit einem neuen Körpergefühl: Man kann sie jetzt sehen. Sie versteht, dass der Hidschab sie auch vor sich versteckt hat.

Das Buch ist ein zorniger Appell für mehr Freiheit für die Frauen in der arabischen Welt. Eltahawy kritisiert Frauen, die ihre Töchter nicht vor Grausamkeiten beschützen, und Männer, die die Regeln machen. Jene Männer, die Frauen nicht verachten, kommen vielleicht zu kurz, auch wenn Eltahawy von ermutigenden Begegnungen erzählt.