"Erst einmal müssen wir sehen, dass die Flüchtlinge nicht emotional Amok laufen", sagt Aida Dedovic. "Nach dem, was sie erlebt haben, können selbst die Härtesten innerlich einbrechen." Aida Dedovic leitet den Helferkreis Münchner Muslime. Neben ihrer Arbeit. Sie hat eine Whatsapp-Gruppe aufgebaut. Hundert Leute machen schon mit, und es werden mehr. Die hundert Freiwilligen koordinieren die Hilfsbereitschaft der Muslime, sie bauen Kontakte auf zu den über 50 Moscheen der Stadt, zu Caritas, Diakonie und Stiftungen. "Und wir vernetzen uns mit der Bayernkaserne", sagt Dedovic. Das Haus in München-Freimann, in der Nähe der Allianz-Arena, dem Stadion von Bayern München, ist der Ankunftsort für viele Flüchtlinge. Aida Dedovic ist die lebende Antwort auf den mitunter zu hörenden Verdacht, dass Muslime zu wenig für Flüchtlinge tun. Muslime helfen genauso wie andere auch. Aber ihnen fehlen Büros und Hauptamtliche. Und Öffentlichkeitsarbeit.

Die Leute vom Helferkreis bieten Deutschunterricht an und Mathematik, sie geben Möbel ab, Fernseher und Computer und Geld. Sie schneiden den Neuankömmlingen kostenlos die Haare. "Und wir gehen mit unserer Hilfe ins Umland, wo die Flüchtlinge untergebracht werden", sagt Aida Dedovic. Wie viele Flüchtlinge der Helferkreis erreicht, weiß sie nicht. Statistik gehört nicht zu ihren Aufgaben. "Wir haben Anfang September beschlossen, etwas aus dem Boden zu stampfen", erzählt sie. Eine Gruppe fuhr kurz darauf mit Hilfsgütern an die kroatisch-serbische Grenze und verteilte sie an die Flüchtlinge, die zu Fuß nach den letzten Schlupflöchern auf dem Weg nach Nordwesten suchten.

Der Helferkreis Münchner Muslime ist eine Gruppe um den Penzberger Imam Benjamin Idriz. Der baut in München gerade ein islamisches Zentrum auf. Die beiden großen Kirchen sind im Kuratorium vertreten. Früh hat er alle Muslime aufgerufen, den Flüchtlingen zu helfen, ihnen das neue Land und seine Gesetze zu erklären. Am vergangenen Freitag predigte er in seiner Moschee über 25 Jahre Wiedervereinigung, Verfassungstreue und die neue Generation der Muslime. Damit ist er eine Ausnahme.

Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, hatte selbstkritisch gefragt, wie viele Imame am Tag vor dem 25. Geburtstag der deutschen Einheit darüber reden würden. Idriz wurde früher vom Verfassungsschutz beobachtet. Man warf ihm vor, er habe sich bei erzkonservativen Muslimbrüdern ausbilden lassen und pflege Kontakte zu ihnen. Doch die Kirchen vertrauen ihm. Und er sagt, dass die Aufnahme der Flüchtlinge ein Bewährungsfeld für Muslime ist. Er hat angeboten, bis zu tausend Flüchtlinge in muslimischen Familien unterzubringen. Zusammen mit Menschen wie Aida Dedovic. Sie weiß, was in den Menschen vorgeht, denn sie ist als Kind selber geflüchtet, vor dem Krieg in Bosnien, der vor 20 Jahren zu Ende ging.

Der Psychologe Ahmad Mansour in Berlin sagt, dass in Moscheegemeinden und Verbänden ein freundliches Klima gegenüber Flüchtlingen herrsche. Am Wochenende ist er mit dem Muslimischen Forum Deutschland erstmals seit dessen Gründung im Frühjahr mit 17 Thesen an die Öffentlichkeit getreten. Die letzte These lautet: "Die Flüchtlingsunterbringung muss professionalisiert werden und im Einklang mit den Prinzipien des Grundgesetzes sowie der Menschenrechte stehen." Mansour engagiert sich für Jugendliche, die Salafisten in die Hände zu fallen drohen. Er kritisiert, dass es auch in der zweiten und dritten Generation von Migranten mitunter konservative Geschlechterrollen gibt und Jugendliche anfällig sind für Islamismus. Wer dafür verantwortlich sei, dürfe keine Flüchtlinge betreuen. Meint er damit die meist konservativen islamischen Verbände? Die haben das Forum kritisiert: Es vertrete nicht die Mehrheit der Muslime. Aber das tun die Verbände auch nicht. Alle zusammen vertreten gerade einmal 20 Prozent der geschätzt 4,5 Millionen Muslime in Deutschland.