Neil MacGregor ist ein Phänomen. Man stellt ihn sich nicht als Mann hinter einem riesigen Schreibtisch vor, sondern als jemanden, der jederzeit mitten im Museum stehen könnte oder gerade zur BBC saust. Der in Glasgow geborene Direktor des Britischen Museums in London begeisterte mit seinem Buch über Die Welt in 100 Objekten internationale Leserschaften. Er weiß geschickt die Kenntnisse seiner Kuratoren sowie den Medienstandort London zu nutzen. Sein Alltag scheint ebenso tief in das riesige Gebäude des Museums wie aus ihm heraus zu führen. Daraus entsteht eine neue Art, Geschichte zu schreiben, die aus dem Umgang mit Objekten und dem Gespräch mit einer Vielzahl von Experten schöpft.

MacGregors Buch über Deutschland birgt alle Spuren dieses Prozesses. Es ist dem Kurator Barrie Cook als "Polyhistor, Kollege und Berater sine qua non" gewidmet. Ton und Dramaturgie folgen einer Radioserie für die BBC. Man hört deshalb, indem man liest, insbesondere durch die vielen Einblendungen von Experten: "Nochmals Karen Leeder"; "Dazu Joachim Whaley"; "Christopher Clark: ...". Das Ganze liest sich etwas ungewohnt, ist aber Konzept. Zu Wissenschaftlern und Kuratoren gesellen sich Schriftsteller, Künstler, Persönlichkeiten aus dem politischen und religiösen Leben in Deutschland und Großbritannien.

Im englischen Original war das Buch zunächst als Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des vergangenen Jahres konzipiert. Der Penguin-Verlag ermöglichte eine bahnbrechende Bebilderung, die der Beck-Verlag übernahm. Dadurch sieht man nun auch auf neue Art, indem man liest: 330 farbige, oft doppelseitige Abbildungen auf 640 Seiten spielen im Wortsinn mit dem Text zusammen. In der verlegerischen Ambition kommt dies einer Schedelschen Weltchronik für unsere Zeit gleich. Kein Vergleich zu den 77 kleinen Schwarz-Weiß-Bildern, die noch im Jahr 2001 bei Beck in zwei Bänden Deutsche Erinnerungsorte vergegenwärtigten.

Die Einleitung zu Deutschland nun versucht vorsichtig, Erwartungshaltungen zu umgehen. Das Buch möchte "einige" der kollektiven Erinnerungen daran, "was Deutsche getan und erlebt haben", aufrufen – beginnend mit dem Mainzer Erfinder des Buchdrucks, Gutenberg. Zum Glück zählen aber gar nicht nur kollektive Erinnerungen, die "wahrscheinlich" von den "meisten Deutschen geteilt werden", sondern auch Erinnerungen, die "nicht jedermann gleich in den Sinn kommen". MacGregor wählt aus, was vielleicht doch breiter zu erinnern wäre.

Warum sind Deutschlands Denkmale anders als die anderer Länder? Beispiel: die Südseite des Münchner Siegestors, deren Inschrift nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zum Frieden und gegen militärischen Siegeswahn mahnt. Ein Denkmal, das sich selbst zum Gegendenkmal wurde. Die Deutschen haben das Erinnern als Aufgabe angenommen, die selbstkritisch zu bewältigen ist und gleichzeitig als nahezu unbewältigbar offengelegt werden kann. Jede Verortung mit Symbolkraft verhandelt das deutsche Ringen mit der Geschichte neu. Deutschland blickt deshalb auch anders als andere Länder nach vorn. Dem Reichstag ist daher ein ganzes Kapitel gewidmet.

Aber Deutschland handelt bei Weitem nicht nur von Denkmalen. Neil MacGregors Eltern erzogen ihn zum überzeugten Europäer und schickten ihn schon als Jungen allein nach Frankreich. Nach Schottland zurückkehrt, zog es ihn in den Delikatessenladen eines jüdischen Inhabers, der Deutsch sprach und deutsche Würste verkaufte. Dem Heranwachsenden wurden solche alltäglichen Erlebnisse zur Frage, wie Menschen die Geschichte im Umgang mit der dinglichen Welt erleben und überleben. Auch in Deutschland fehlt das Kapitel zur Wurst nicht, einschließlich der Currywurst. Man merkt seinem Buch an, wie MacGregor weiter nach menschlichen Begegnungen, Handwerks- und Kunstobjekten als Zeitzeugen der Vergangenheit und Gegenwart sucht. MacGregor studierte Deutsch und Französisch in Oxford, wollte in Paris über Diderot promovieren, wurde aber dann vom Vater angehalten, Jurist zu werden. Mit 27 Jahren brach er mit diesem väterlichen Wunsch, um erst Kunsthistoriker und mit 41 Jahren Museumsdirektor zu werden.

Diesen Bruch mit dem väterlichen Willen teilt MacGregor mit einem der Deutschen, den er zu bewundern scheint: Martin Luther. Kurz werden die problematischen Charakterzüge und der Antisemitismus des Reformators angesprochen, nicht jedoch seine Apokalyptik und sein Teufelsglauben. Er wird vor allem als Einiger gefeiert, der den Deutschen ihre Sprache gab und einfachen Menschen durch seine Bibelübersetzung den Glauben öffnete. MacGregor sieht eine intime Frömmigkeit in der Nachfolge Christi als Wesensmerkmal der protestantischen Theologie.

Der Katholizismus fällt dagegen ab. Das Lustige, Laute findet als kreativer, anarchischer Anstoß in dieser Darstellung kaum seinen Ort. An Riemenschneider wird erinnert, weil er still und untheatralisch war. Seine "ruhige Kraft" spricht von dem Zug der inneren Stille, wie sie vor allem in pietistischen Strömungen im Luthertum zum Tragen gekommen sei, die wiederum die deutsche "Bewunderung für Bescheidenheit und Zurückhaltung" tief prägten. Hierin steckt Glaube: Kunst spricht für und beeinflusst eine Nation.