Heidi ist nicht einmal drei Monate alt, als sie 1992 zum ersten Mal von den Eltern in ein Lager des "Bundes Heimattreuer Jugend" mitgenommen wird, aus dem später die HDJ entsteht. Das weiß sie von ihrer Mutter – ihr Vater wird es später abstreiten, wie so vieles, was seine Tochter erzählt. Angeblich ist ihm von deren Teilnahme an HDJ-Veranstaltungen "nichts bekannt". Kurz nach ihrem siebten Geburtstag, so hat sie selbst es jedoch in Erinnerung, muss Heidi zum ersten Mal ohne die Eltern fahren. Ein Jahr später habe ihr Vater sie in ein HDJ-Lager nach "Ostpreußen" geschickt. "Das Wort Polen kam dort niemandem über die Lippen", sagt Heidi Benneckenstein in dem Café in München. Sie weiß noch, wie sie einer polnischen Pfadfindergruppe die Fahne stahlen und sie zerschnitten und verbrannten.

Nach außen sollte die HDJ wie eine harmlose Pfadfinderorganisation wirken. Zelte, Lagerfeuer, Kanutouren. Doch schon ein altes Werbevideo macht deutlich, wer mit "Pfingstlagern" und "Volkstanzwochenenden" angesprochen werden sollte: "Wir suchen den Kerl und nicht den Blassen (…) Wir suchen den Kämpfer, der dem Feinde nie wich, wir geben uns selbst – und suchen dich!" Schriftliche Einladungen zu den HDJ-Lagern, die der ZEIT vorliegen, beginnen mit dem Gruß "Heil Euch, Kameraden!", dann ist die Rede von einer "krankhaften ›BRD-Gesellschaft‹", in der "unsere Kultur in der ›Multikultur‹ erstickt" wird.

Zu den Treffen kamen bis zu 120 Kinder und Erzieher zusammen, überall in Deutschland, zum Beispiel im westfälischen Detmold, im fränkischen Ansbach und im mecklenburgischen Bad Doberan. Meistens campierte die HDJ auf Zeltplätzen und in Wäldern, manchmal sogar in Jugendherbergen. Bevor morgens die Putzfrauen in die Zimmer kamen, mussten die Kinder alle Fahnen, Abzeichen und Gesangsbücher verstecken. Als Heidi einmal gefragt wurde, von welchem Verein sie sei, antwortete sie spontan: "Wir kommen von der KDJ, von der Katholischen Deutschen Jugend."

Die Tage im Lager sind minutiös getaktet. Aufstehen zur Fanfare um 6 Uhr, dann Frühsport. Morgenlauf, Gymnastik, egal, bei welchem Wetter. Um 6.30 Uhr waschen und anziehen. Knöchellanger blauer Rock und weiße Bluse für die Mädchen. Zimmermannshose und sogenannte Jungenschaftsjacken für die Jungs: schwere marineblaue Schlupfhemden. Um 7 Uhr Strammstehen zur Zeltabnahme. Frühstück um 7.15 Uhr, Tischspruch: "Neben dem Pflug führt das Schwert! Ernten kann nur, wer sich wehrt", heiße Milch, Haferflocken, Apfelmus, Rosinen. Um 7.45 Uhr an der Fahnenstange der Größe nach aufstellen, die schwarz-weiß-rote HDJ-Flagge hissen, dann: "Unterricht" zu den Themen Lagersicherheit, Rassenkunde, Blutreinheit, Bräuche. Anschließend Arbeitsgemeinschaften: Nähen, Kräuterkunde, Kalligrafie für die Mädchen, Boxen, Speerwerfen, Lagerbau für die Jungs.

Heidi hat noch vor Augen, wie ein siebenjähriger Junge seine Laubsägearbeit ganz selbstverständlich mit einem Hakenkreuz verzierte. Sie weiß auch noch, dass die Gruppe ab und zu ins Schwimmbad fuhr – aber das war selten, weil sich kaum Betreuer fanden, die sich mit freiem Oberkörper in die Öffentlichkeit wagten: Sie trugen verfassungsfeindliche Symbole auf der Haut.

Der Ton der Betreuer war militärisch streng, es ging um Gehorsam und Unterordnung. Alles war geregelt, auch die Sprache: Wer "Handy" statt "Funki" sagte oder "T-Shirt" anstelle von "T-Hemd", musste zehn Liegestütze machen. Erzieher ohrfeigten Kinder und ordneten stundenlanges Strafstehen in der Sonne an.

"Gewalt ist in der Szene ein ganz normales Erziehungsmittel", sagt Heidi, auch wenn die meisten Kinder in der HDJ keine Schläge gebraucht hätten, um bedingungslos zu gehorchen. Tagelange Märsche über 150 Kilometer waren keine Seltenheit, auch Schießübungen wurden abgehalten. Als der Verfassungsschutz einen Neonazi aus Norddeutschland überwachte, bekamen die Spione mit, wie zwei Kinder ihrem Vater stolz von einer Pistole erzählten, mit der sie in einem HDJ-Lager gespielt hatten. Sie waren beide noch keine zehn Jahre alt.

"Wir brauchen eine Jugend, die hart ist. Wir brauchen Kämpfer von fanatischer Besessenheit und zäher Ausdauer." So formulierte der ehemalige "Bundesführer" Sebastian Räbiger einmal den Anspruch der HDJ.

Jeder Mensch begegnet im Laufe seiner Kindheit Personen, die ihn beeinflussen. Eltern, Lehrern, Trainern, Freunden. Für Heidi war Räbiger eine dieser Figuren. Räbiger leitete damals Schulungen über germanische Stammeskunde, völkisches Liedgut und "Wehrmachtshelden". Neben Heidi saß in diesen Kursen damals häufig ein junger Mann namens Ragnar Dam, der später selbst zur prägenden Figur für viele HDJ-Kinder werden sollte. "In Ragnar waren damals alle Mädchen ein bisschen verknallt", sagt Heidi. "Er war der bestaussehende Nazi." Dam wurde später "Sektionsführer" für Norddeutschland. Er bastelte mit Kindern Gipsmasken von ihren eigenen Gesichtern und ließ sie Hakenkreuze daraufmalen. Und er zeigte ihnen den Propagandafilm Der ewige Jude, der die Deutschen 1940 auf die "Endlösung der Judenfrage" einstimmen sollte. Weil er Minderjährige in "rassepolitischen Schulungen" gedrillt hatte, wurde Dam rechtskräftig verurteilt.

2006 schrieb Dam im Funkenflug, der Vereinszeitschrift der HDJ, Kinder müssten früh beeinflusst werden, weil niemand so begeisterungsfähig und idealistisch sei wie sie. Dams Argumentation gleicht jener, mit der Adolf Hitler 1938 im Völkischen Beobachter den Sinn der Hitlerjugend erklärte: Kinder seien "schon von ganz klein an für diesen neuen Staat zu dressieren". Offensichtlich sollte die HDJ in einer langen Tradition paramilitärischer Kindererziehung stehen, die 1926 mit der Gründung der Hitlerjugend begonnen hatte und sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ohne längere Pause fortsetzte.