Schon 1952 bauten unverbesserliche Nationalsozialisten die Wiking-Jugend auf. In ihren Lagern wurden unter anderem der Nazi-Liedermacher und mehrmalige NPD-Bundespräsidentschaftskandidat Frank Rennicke sowie der Oktoberfest-Attentäter Gundolf Köhler ausgebildet. Die Wiking-Jugend wurde 1994 vom damaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther wegen ihrer "Wesensverwandtschaft mit der NSDAP und der Hitlerjugend" sowie der "Heranbildung einer neonazistischen Elite" verboten.

Auch heute, sechs Jahre nach dem Ende der HDJ, gibt es noch nationalsozialistische Kinder- und Jugendlager. Sie werden von anderen Organisationen ausgerichtet. Die Eltern, die ihre Kinder dort anmelden, sind Mitglieder in der NPD oder in rechtsextremen Kameradschaften. Die Nachfrage ist ungebrochen.

Ermittlern zufolge gibt es mehrere Tausend Kinder, die wie Heidi und ihre Schwestern mitten in der Bundesrepublik in Familien aufgewachsen sind, die seit 1933 ungebrochen nationalsozialistisch denken. Die meisten dieser Familien leben in Bayern, Niedersachsen, Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Kinder tragen meist germanische oder nordische Namen: Sirik, Reinhild, Thor. Ungefähr 15 Familien zählen zum harten Kern der Szene, nicht selten mit bis zu sieben Kindern in einer Generation. Eine der prominentesten ist die Familie Nahrath, angeführt vom Rechtsanwalt Wolfram Nahrath, der Vorsitzender der Wiking-Jugend war, bis die Organisation verboten wurde. Wolfram Nahrath hatte seinen Posten von seinem Vater übernommen – so wie dieser ihn zuvor von seinem Vater übernommen hatte. Beim NSU-Prozess tritt Wolfram Nahrath derzeit als Verteidiger des Angeklagten Ralf Wohlleben auf.

Die Idee aller nazistischen Jugendorganisationen war stets die gleiche: Wer von klein auf eingebunden ist, wird es immer bleiben. Er wird innerhalb der Gemeinschaft heiraten und "gleichgeartete Kinder" zeugen.

"Davon träumte in der HDJ jeder, nicht nur mein Vater", sagt Heidi Benneckenstein heute.

Aber schon damals hatte sie selbst andere Träume als ihr Vater. Heidi Benneckenstein erinnert sich: Als sie sich eine enge Jeans wünschte, kaufte er weite Cordhosen bei Aldi. Als sie für den Rapper Eminem schwärmte, verbot er ihr, die Musik des "weißen Negers". Als sie nach Italien ans Meer wollte, nahm er sie mit aufs Land nach Ungarn.

In den Erzählungen der Tochter wirkt der Vater wie ein Oberbefehlshaber. Wie jemand, der nicht seine Kinder großzieht, sondern Soldatinnen befehligt. Der Kommandos gibt, keine Ratschläge. Der aus allem einen Wettkampf unter Heidi und ihren beiden älteren Schwestern macht: Wer räumt am besten auf? Wer schleppt die meisten Umzugskisten? Wer rennt am schnellsten? "Es ging immer nur um Leistung. Der Beste erhielt eine Belohnung, die anderen wurden bestraft. Das war keine Erziehung, das war Erpressung", sagt Heidi Benneckenstein. Und die Mutter ließ den Vater jahrelang gewähren.

Als sich Heidi als Achtjährige einmal selbst die Haare schnitt, legte der Vater sie übers Knie. Als sie auf einer Autofahrt schrie, hielt der Vater an und verprügelte sie. "Manchmal schlug er uns so heftig, dass er seinen Pullover ausziehen musste, weil er so schwitzte", erinnert sie sich. Wenn eine der Schwestern gezüchtigt wurde, mussten die anderen zusehen.

Wenn Heidi aus ihrer Kindheit erzählt, kommt sie immer wieder auf eine Szene zu sprechen: Als sie, zehn Jahre alt, bei einem Aufnahmeritual schwört, "stets ein treuer Kamerad zu sein", vergisst sie, zu ihren Worten strammzustehen. Ihr Vater habe – wie so oft – gesagt: typisch du, faul, verwöhnt, keine Disziplin.

"Mein Vater hat keine hohe Meinung von mir. Nie gehabt", sagt Heidi.

Helge Redeker widerspricht nahezu allem, was seine Tochter erzählt, vor allem, was die heimischen Erziehungsmethoden betrifft. In einem Brief an die ZEIT, in dem er sie "das Kind Heidrun" nennt, schreibt er: "Die Erziehung der Kinder vor der Scheidung wurde von der Mutter durchgeführt." Er sei kaum zu Hause gewesen. In der Tat trennten Heidis Eltern sich, als Heidi zwölf war. Danach wohnte Heidi zwar zwei Jahre lang bei ihrem Vater, das sei aber, so schreibt Helge Redeker, zu kurz gewesen, als dass er Einfluss auf sie gehabt haben könnte. Und: "Heidrun wurde von mir nie geschlagen." Über seine anderen Töchter sagt er nichts.

Gerne hätte die ZEIT auch mit anderen Verwandten von Heidi Benneckenstein, geborene Redeker, gesprochen. Aber weder Großeltern und Geschwister noch ihre Mutter sind für ein Interview zu gewinnen. Heidis älteste Schwester schreibt, wie der Vater, einen Brief. Darin nennt sie Heidis Äußerungen "unstimmig und falsch". Bis heute wohnt diese Schwester im Haus des Vaters in Bayern.

Heidi Benneckenstein verabscheut, was ihr Vater tut und wie er mit ihr und den Schwestern umgegangen ist. Sie will keinen Kontakt mehr zu "diesem Menschen". Und doch scheint es, als sei er ihr alles andere als egal. Wenn Heidi Benneckenstein von ihrem Vater spricht, vergräbt sie ihre Finger im Pullover und schaut kurz hoch, als suche sie irgendetwas an der Decke.

Die nationalsozialistische Einstellung hat in Heidis Familie eine lange Tradition. Heidis Urgroßvater war Anhänger der NSDAP, im Haus ihrer Großmutter hing, seit Heidi sich erinnern kann, ein Porträt von Adolf Hitler. Sie weiß auch noch, dass der Vater im Keller eine Ausgabe der Nürnberger Rassengesetze aufbewahrte.