Den Holocaust, sagt Heidi Benneckenstein, hatte es für ihren Vater nie gegeben. Migranten habe er "Fidschis, die Ratten essen" oder "Sozialschmarotzer" genannt. Den Kontakt zu einer thailändischen Mitschülerin habe er ihr verboten. Sie beschreibt das Leben einer Familie, in der die Zeit 1945 stehen geblieben war: Aus dem Kassettenrekorder tönten Soldatenlieder und Marschmusik, im Schlafzimmer der Eltern hing ein Kalender mit Aktbildern aus den dreißiger Jahren, die Familie hatte die rechtskonservative Preußische Allgemeine Zeitung abonniert. Barbies waren als Spielzeug verboten. Als der Vater einmal eine Hanni und Nanni-Geschichte bei Heidi fand, rastete er aus. Seine Töchter sollten lieber Baska und ihre Männer lesen, ein Buch über eine "tapfere Wolfshündin", die jahrelang von der Wehrmacht an der Ostfront eingesetzt wurde und als einziges Tier mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde.

In seinem Brief an die ZEIT streitet Helge Redeker bis auf das Baska-Buch, das Zeitungs-Abo und die Aktbilder all diese Details minutiös ab. Die Nürnberger Rassegesetze zum Beispiel will er nie besessen haben, angeblich sind sie ihm sogar "vom Titel unbekannt".

Nach außen den Schein wahren – dieses Prinzip lernte das Kind Heidi früh kennen. Im Kindergarten und in der Schule war sie das wohlerzogene blonde Mädchen mit den akkurat geflochtenen Zöpfen. Auf Fotos aus dieser Zeit sieht man ein scheu lächelndes Mädchen. Aber über die Welt daheim, ihre Kindheit in Braun, durfte Heidi mit niemandem außerhalb der Familie sprechen, nicht einmal mit ihrer besten Freundin. Das schärfte ihr der Vater immer wieder ein.

"Das war hart, andererseits kam ich mir unheimlich wichtig vor, weil meine Eltern mir Geheimnisse erzählt haben, die ich anderen nicht erzählen durfte", sagt Heidi Benneckenstein heute. Auch da widerspricht ihr Vater – mit dem Hinweis, schließlich lebten wir "in einer Demokratie und haben Meinungsfreiheit. Da braucht man seinen Kindern doch nichts verbieten!"

Die Familie ist in der Ideologie jener Naziwelt, in der die Redekers sich bewegen, der Kern, der alles zusammenhält, ein Bollwerk gegen alles Übel, das höchste Gut. Doch mit einer heilen Familie hat jedenfalls das Zuhause, in dem Heidi aufwächst, wenig zu tun. Die Familie Redeker ist gespalten.

Es beginnt, als Heidi in die Pubertät kommt. Ihre Mutter hat immer wieder Migräneanfälle. Der Vater macht sich darüber lustig. Die Migräne, sagt er, sei doch bloß eine Erfindung, damit die Mutter sich nicht um die Kinder kümmern müsse. Dann wird Heidis Mutter noch einmal schwanger – ein Nachzüglerkind. An dem Tag, als es geboren wird, fährt Helge Redeker Heidi zufolge mit seiner Geliebten ins Allgäu. Das "Funki" stellt er aus. Helge Redeker sagt heute, er habe an jenem Tag "mit einer fachkundigen Person" seine Steuer überarbeitet.

Als die Ehe der Redekers zerbricht, geht eine der älteren Schwestern freiwillig in eine Pflegefamilie, die Große ist schon aus dem Haus. Heidi, damals zwölf, zieht zu ihrem Vater und seiner Neuen. Heidi glaubt ihm, dass die Mutter ihre Krankheit nur vortäuscht. Die Ferien verbringt Heidi nun stets in Sachsen. Hier, an einem See in der Nähe von Görlitz, erwirbt der Vater zusammen mit seiner neuen Frau eine alte DDR-Bungalowsiedlung. Noch heute pendelt Helge Redeker zwischen Bayern, wo er arbeitet, und dem Feriendorf.

Der Weg zum "Niederschlesischen Feriendorf" führt durch ein Naturschutzgebiet, vorbei an Sonnenblumenfeldern. Von einem Mast hängt schlaff eine gold-weiße Schlesien-Flagge herab. Vor der Seeschenke steht Helge Redeker und verkauft Angelpässe. Heidis Vater, graues kurzes Haar, asketische Figur, ist ein unauffälliger Mann mit leiser Stimme. Drinnen in der Schenke, hinter einer Holztheke, zapft seine Frau Änne Bier. Eine kleine, dunkelhaarige Person mit einem etwas angestrengten Lächeln, die laut einem Beamten einer Sicherheitsbehörde alle Schwarzen "Nigger" nennt.

Das Grundstück der Redekers ist unüberschaubar groß. Hunderte, vielleicht Tausende Bäume schirmen es von der Außenwelt ab. In den vergangenen 15 Jahren haben Helge und Änne Redeker hier ein braunes Urlaubsparadies errichtet: Auf ihrer Homepage begrüßen sie die Gäste in Frakturschrift, auch die Hinweisschilder in den rund 40 Bungalows sind in altdeutscher Schrift gehalten. Die Ideologie wird in Details sichtbar: In der Willkommensmappe stecken zwischen Ausflugstipps zwei Artikel aus einer Lokalzeitung. Junge Polen vertreiben Görlitzer Kinder ist der eine überschrieben, in dem anderen wird die Region als "Supermarkt für polnische Kfz-Gangs" bezeichnet.

Ein paar Schritte von der Theke entfernt öffnet sich die "Afrika-Stube", ein abgedunkelter Raum voller "Deutsch-Südwest"-Devotionalien. An der Wand eine alte Reichsflagge, daneben gerahmt der Text des Südwesterlieds: "Hart wie Kameldornholz ist unser Land", heißt es da, "und kommst du selber in unser Land und hast seine Weiten gesehn, und hat unsre Sonne ins Herz dir gebrannt, dann kannst du nicht wieder gehn." Verklärung der deutschen Kolonialgeschichte – und Reminiszenz an die Heimat der in Namibia geborenen Änne Redeker. Auf die Frage, ob es in ihrem Feriendorf Afrikaner gebe, antwortet sie mit einem abschätzigen "Nee".

Das Camp ist seit vielen Jahren ein Treffpunkt für Rechtsextreme. In einem moosbewachsenen alten Schuppen traten Dutzende Male Rechtsrockbands auf: Sleipnir, Brutal Attack – und auch Sturmwehr, deren Alben Vermächtnis unserer Art oder Familie – Volk – Vaterland heißen und reihenweise indiziert wurden. Auf einem dieser Konzerte lernte Heidi ihren ersten Freund kennen, sie war 14, er war Gitarrist. Neonazis trafen sich auf dem Areal der Redekers zu Schulungen, die NPD lud zum Sommerfest. Einmal feierte die NPD-Zeitung Deutsche Stimme hier ihr "Pressefest".

Auch die HDJ nutzte das Camp für ihre Lager. Im Juli 2007 sei die HDJ-Einheit Niedersachsen/Sachsen auf dem Gelände gegründet worden, sagen Ermittler der Polizei. Als sich unweit/in der Nähe des Feriendorfs im Juni 2011 - zwei Jahre nach dem Verbot der HDJ - mehr als 70 ehemalige Erzieher und Schützlinge der Organisation zu einem "Pfingstlager" unter dem Motto "Ihr Untergang muss unser Aufstieg sein" zusammenfinden wollten, löste die Polizei das Treffen auf.

Offiziell ist das Feriendorf im Besitz von Änne Redeker, und in seinem Brief an die ZEIT legt Helge Redeker Wert darauf, dass seine Frau es alleine betreibt. Er schreibt: "Ich wirke in ihren Betrieben nicht mit, sondern gehe meinen eigenen Geschäften nach." Doch im Grundbuch ist Helge Redeker als Eigentümer des Geländes mit eingetragen. An erster Stelle, vor seiner Frau. Bis vor zwei Jahren waren auf der Internetseite des Feriendorfs in der Rubrik "Inhaber" Helge Redekers Kontaktdaten angegeben. Noch heute kann man über eine E-Mail-Adresse mit seinem Vornamen Stellplätze für Campingwagen buchen.

Dass Heidis Vater so zurückhaltend auftritt, könnte einen Grund haben: Im Hauptberuf arbeitet er als Zollbetriebsinspektor. Das Hauptzollamt Rosenheim will sich zu den Aktivitäten seines Beamten im mittleren Dienst nicht äußern.

Es ist der erste kühle Tag nach dem Sommer, als Heidi in dem bayerischen Örtchen, in dem sie jetzt lebt, in einem Wirtshaus sitzt. Ihre Haare, die kürzlich noch lila waren und dann blau, sind inzwischen blond. Neben ihr sitzt Felix, ihr Mann. Auch er war einmal ein Neonazi – und als Liedermacher Flex eine kleine Berühmtheit in der Szene.