Am Anfang ihres Ausstiegs, sagen beide, habe ein Gefühl der Lächerlichkeit gestanden. "Wir haben gemerkt, dass wir uns lustig machten über die anderen, die doch eigentlich unsere Kameraden sein sollten", sagt Felix. Auf einmal fanden Heidi und Felix es lächerlich, dass an allem immer die "Scheißkanaken" schuld sein sollten. Dass die Polizei angeblich einen Krieg gegen "deutsche Patrioten" führte. Dass man sich ständig prügeln musste, um zu beweisen, wie stark man war. Nach und nach spürten sie, dass sie keine Antworten mehr fanden auf Fragen und Widersprüche, die sich häuften.

"Plötzlich", sagt Felix, "hältst du dieses Gerede über die Islamisierung der Gesellschaft und den ganzen Schmarrn nicht mehr aus. Du begreifst: Eine Dönerbude bringt noch keine Religion!"

Mit 18 wird Heidi schwanger. Auf einmal steht sie mit Felix vor einer Entscheidung: Bekommen wir ein Kind oder nicht? Falls ja: Soll es wirklich mit dieser Ideologie aufwachsen? Und was, wenn es behindert zur Welt kommt? Der Vater hatte seiner Tochter immer wieder eingebläut, behinderte Kinder seien "nicht lebenswert". So schildert es Heidi Benneckenstein – der Vater bestreitet es. Heidi und Felix versicherten einander, dass sie dieses Kind wollten, auch wenn es behindert sein sollte. Auch wenn die Szene es ablehnen würde. Dann erleidet sie eine Fehlgeburt. "Das war das Schlüsselerlebnis", sagt sie.

Heidi und Felix tauchen unter, monatelang. "Wenn man daher kommt, wo ich herkomme, dann gibt es nur die Möglichkeit: dabei zu bleiben oder mit allem und allen zu brechen", sagt Heidi Benneckenstein.

Von mehreren Hundert Kindern, die in der HDJ gedrillt wurden, haben nach Recherchen der ZEIT nur drei der Szene öffentlich den Rücken gekehrt. Eines davon ist Heidi. Wer aus der Naziszene aussteigt, schließt mit seiner kompletten bisherigen Existenz ab: Er braucht einen neuen Namen, einen neuen Wohnort, ein neues Leben. Doch Heidi und Felix wollen sich nicht verstecken, nicht mehr. Sie gründen die Aussteigerhilfe Bayern, einen Verein, der Neonazis helfen will, der Szene den Rücken zu kehren. Oft stehen die beiden heute vor Schulklassen und warnen Kinder und Jugendliche vor dem Vergiftungspotenzial rechter Gruppen.

"Die Szene", sagt Heidi Benneckenstein, "lebt von ihren Gewaltfantasien und Racheplänen. Sie konnte sich in den vergangenen Jahren in aller Ruhe formieren, um jetzt zur Tat überzugehen." Die Proteste vor Flüchtlingsunterkünften, glaubt Heidi, seien ein Zeichen: "Die Botschaft lautet: Jetzt geht es los!"

Wenn Heidi Benneckenstein nun manchmal Kameraden von einst demonstrieren sieht, dann stehen die selten in der ersten Reihe. Sie sagt, nie legten diese Leute selbst ein Feuer. Sie verbreiteten Begriffe wie "Ausländerkriminalität". Sie streuten Gerüchte bei denen, die sich eh schon unterlegen fühlten. Asylbewerber, geht so ein Gerücht, erhielten 4000 Euro Begrüßungsgeld, Asylbewerber schliefen in Vier-Sterne-Hotels. Dann nimmt alles seinen Gang.

Heidi Benneckenstein weiß, dass es auch nach dem Verbot der HDJ überall in Deutschland illegale Nazi-Jugendlager gibt. Sie sagt: "Das ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Die hören nicht einfach auf, Nazis zu sein, weil man ihnen etwas verbietet."

Seit dem Verbot der Heimattreuen haben Eltern mit ihren Kindern die "Schlesische Jugend" unterwandert – inzwischen ist sie eine militärisch-rechtsextreme Gruppe, die Zeltlager mit Orientierungsmärschen und Fahnenappell anbietet. Andere sind zu Gruppen wie dem "Jugendbund Pommern", dem "Freibund" oder dem "Sturmvogel" dazugestoßen. Manche Eltern melden ihre Kinder zu "Waldläuferlehrgängen" an, die ein ehemaliger HDJ-Führungsfunktionär veranstaltet. Für 150 Euro bildet er Kinder in "Selbstverteidigung" sowie in "Funk- und Meldewesen" aus.

Und dann gibt es noch die Camps der "Interessengemeinschaft (IG) Fahrt und Lager". Die Organisation weist "sowohl inhaltlich als auch personell Parallelen" zur HDJ auf, wie es in einem als "Verschlusssache" klassifizierten Dokument des Verfassungsschutzes heißt, das die ZEIT einsehen konnte. Kinder und Jugendliche würden dort "unter dem Deckmantel harmloser Freizeitaktivitäten einer ideologischen Schulung im Sinne rechter Weltanschauung unterzogen". Das Dokument stammt aus dem Jahr 2011 und ist somit ein Jahr älter als die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linken im Bundestag. Auf die Frage, inwieweit es nach dem Verbot der HDJ zu Neugründungen von Organisationen durch ehemalige HDJ-Mitglieder kam, hieß es lapidar: "Der Bundesregierung liegen keine entsprechenden Erkenntnisse vor." Der Gründer der "IG Fahrt und Lager" war bis zu deren Verbot in der HDJ aktiv.

Die rhetorisch und strategisch geschulten Nazikader von heute wurden in der Wiking-Jugend, der HDJ und ihren Nachfolgeorganisationen zu dem gemacht, was sie heute sind. Man kann also sagen, dass diese Organisationen das Fundament sind, auf dem der Ausländerhass in Deutschland steht. Doch die Aufklärung über diese Gruppen überlässt der Staat – der doch seit der Entdeckung des NSU auf gar keinen Fall auf dem rechten Auge blind sein will – einer Handvoll Freiwilliger. Zwei von ihnen heißen Heidi und Felix Benneckenstein.

Bei Demonstrationen laufen diese beiden dem Mob inzwischen nicht mehr hinterher, sie stellen sich ihm entgegen. Neulich, als sie die Teilnehmer einer Neonazi-Veranstaltung filmten, versuchte einer, ihnen die Kamera aus der Hand zu schlagen. Sie sind jetzt Heidi und Felix, die "Zeckenfotografen". Sie sind jetzt der Feind.

Auf Facebook und in Foren finden die beiden Kommentare wie diese: "Solltet ihr Flex sehen, zeigt ihm, was wir Nationalisten mit Verrätern machen!" Und: "Leute wie die gehören aufgehängt."

Die beiden wissen: Irgendwo in den Wäldern, auf versteckten Zeltplätzen, an entlegenen Seeufern machen junge Erwachsene, die einmal Kinder waren, jetzt die nächste Generation scharf.

Mitarbeit: Tobias Zwior

Hinweis der Redaktion, 27. November 2015: Die Online-Version dieses Artikels unterscheidet sich in wenigen Punkten geringfügig von der gedruckten Fassung.