Neutrinos scheint man schlichtweg alles zuzutrauen, von der Überlichtgeschwindigkeit bis zur Lösung des globalen Energieproblems. Von den seltsamen Elementarteilchen sind bereits so viele bizarre Eigenschaften bekannt, dass man sich bei ihnen über nichts mehr wundert.

Als etwa vor einigen Jahren Physiker des Forschungszentrums Cern verkündeten, ihren Messungen zufolge würden sich Neutrinos schneller als Licht bewegen und damit Einsteins Relativitätstheorie über den Haufen werfen, hielt das sogar die restliche Fachwelt für denkbar – bis sich herausstellte, dass die vermeintliche Sensation nur ein Messfehler war. Bei dem Reifen- und Kabelhersteller Pirelli träumten Forscher davon, mit Neutrinos quer durch den Erdball zu kommunizieren. Und vergangenes Jahr trat beim Bundespresseball eine Firma als Sponsor auf, die angeblich mithilfe von "Neutrino-Energie" kostenlos Batterien aufladen will (ein Geschäftsmodell, das vor allem der Kontoaufladung der Firmengründer zu dienen schien).

Kann man den Aufschneidern ihre Märchen verdenken? Schließlich haben die Neutrinos auch die Experten ein ums andere Mal verblüfft – was sich auch daran ablesen lässt, dass für ihre Erforschung nun schon zum vierten Mal ein Nobelpreis verliehen wurde: Takaaki Kajita und Arthur McDonald sind dieses Jahr die Glücklichen, die für den Nachweis geehrt werden, "dass die Neutrinos ihre Identität wechseln", wie das Nobelkomitee schreibt.

Die Erforschung der Neutrinos ist damit jedoch keineswegs beendet. Denn das Neutrino ist das merkwürdigste Tier im physikalischen Teilchenzoo. Einerseits ist kaum eine Spezies allgegenwärtiger und zahlreicher: In jeder Sekunde wird ein Quadratzentimeter Haut von rund 70 Milliarden Neutrinos durchdrungen. Andererseits spüren wir davon rein gar nichts, weil Neutrinos auf kaum eine physikalische Kraft reagieren. Nur über die "schwache Wechselwirkung" treten Neutrinos in Beziehung zu ihrer Umwelt, und diese Anziehung ist so schwach, dass die Geisterteilchen ganze Planeten durchqueren können, ohne anzuecken. Weil sie dabei auch noch ständig ihre Identität ändern, bezeichnete sie der französische Astrophysiker Michel Cassé einmal poetisch als "transsexuelle Engel". Andere Physiker reden schlicht von Poltergeistern.

Die Neutrinoforschung ist wissenschaftliches Handwerk, aber auch ein Symbol: für den Erkenntnisdrang der Spezies Mensch, die in den letzten Winkeln der Welt ihre Instrumente aufbaut, um das Rätsel ihrer Existenz zu lösen. Mit Neutrinos kann man keine Bomben bauen, wohl aber das Universum besser verstehen.

Von Anfang an ließ dieses merkwürdige Teilchen die Physiker ebenso staunen wie verzweifeln. "Ich habe etwas Schreckliches getan", notierte Wolfgang Pauli 1930, als er die Existenz des Neutrinos postulierte. "Ich habe ein Teilchen vorausgesagt, das nicht nachgewiesen werden kann." Er irrte. Denn hin und wieder – wenn auch extrem selten – hinterlassen Neutrinos doch eine Spur, dann nämlich, wenn sie mit Atomkernen zusammenstoßen. Das nachzuweisen gelang erstmals in den fünfziger Jahren, als die ersten Kernreaktoren einen entsprechend großen Neutrinofluss erzeugten. Mit vierzigjähriger Verspätung gab es 1995 für den Nachweis den Nobelpreis. Die spätere Entdeckung, dass es nicht nur eine Neutrinoart gibt, sondern deren zwei, wurde hingegen schon 1988 in Stockholm ausgezeichnet – eine der vielen kuriosen Volten des Nobelkomitees.