Ein letzter tiefer Atemzug, und dann geht es auf in den Kampf. Er schreitet zur Bühne, 186 Zentimeter Körperspannung und jeder einzelne zeigt: Contenance. Die Haare adrett nach hinten gegelt, ein Lächeln wie ins Gesicht gemeißelt:

Heinz-Christian Strache, 46, Parteiobmann der FPÖ, ein Mann, der von Rechtsaußen kommt und nach ganz oben will, ins Zentrum der Macht.

Deshalb sitzt er jetzt in den Wiener Sophiensälen, in denen an diesem Montagabend die Elefantenrunde stattfindet. Die fünf Wiener Parteichefs treffen hier bei einem Fernsehduell aufeinander. Am Sonntag wird in Wien gewählt, es sind Landtags- und Gemeinderatswahlen, und wenn ihre Bedeutung weit über Österreich hinausreicht, dann liegt das an Strache.

Denn dies sind die ersten Wahlen in einer europäischen Metropole seit Ausbruch der Flüchtlingskrise. Und Wien steht mitten im Zentrum dieser Krise. In den vergangenen vier Wochen sind zwischen 160.000 und 300.000 Flüchtlinge durch Österreich gezogen. Wie viele es genau sind, kann keiner sagen. Die meisten wollen nach Deutschland, einige aber bleiben, Anfang September beherbergte Wien 105.000 Flüchtlinge. Relativ gesehen, nahm Österreich zumindest bis Ende Juli mehr Flüchtlinge auf als Deutschland. Damals kam ein Asylantrag auf 232 Österreicher, doch nur einer auf 368 Deutsche.

Jetzt stellt sich die Frage, wie Europas Rechte dieses Thema für sich zu nutzen wissen. In Paris, Budapest, Warschau, vor allem aber auch in Wien, denn das ist nicht irgendeine Stadt. Seit Urzeiten rot regiert, wurde sie zum Schaufenster sozialdemokratischer Sozialpolitik. In internationalen Umfragen zur Lebensqualität rangiert sie stets auf den ersten Plätzen. Die FPÖ war hier schon früher stark, bei der letzten Wahl kam sie auf 25,7 Prozent der Stimmen, jetzt aber scheint sie kaum aufzuhalten zu sein.

Schräg gegenüber von Strache hat SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl, 66, Platz genommen, er hat das Amt seit 1994 inne, ein Mann wie aus dem sozialdemokratischen Bilderbuch. Er verströmt brummige Gemütlichkeit und lehnt sich weit zurück. Der Kabarettist Thomas Maurer wird später twittern: Häupl wirke wie ein Familienoberhaupt bei einer Weihnachtsfeier, die ihm auf die Nerven gehe.

Strache hat sich in Kampfhaltung positioniert, er ahnt, was jetzt kommt. Mangel an Anstand werfen ihm die anderen Parteichefs vor, Hetze, rechte Stimmungsmache. Gleich kommen sie zum Hauptthema des Wahlkampfs, und da wird er, das weiß er, punkten können. Er wird sagen, was er immer sagt, wenn es um Flüchtlinge geht. Dass es keine Passkontrollen gebe, man stelle "moralische Überzeugungen vor Gesetze", dass da viele angebliche Syrer kämen, die keine seien. Dass es Probleme bei der Integration gebe. Erstaunlich ist dabei nicht so sehr, was er sagt, sondern wie viele Menschen genau das hören wollen. Zur Halbzeit der Sendung finden 35 Prozent der Zuschauer Strache am überzeugendsten, er liegt damit vor allen anderen. So wie übrigens auch bei landesweiten Umfragen, denn auch dort liegt seine Partei mit derzeit 33 Prozent vorn. Wohin wird das Strache führen?

Sicher nicht in die Wiener Regierung, denn alle Wiener Parteien haben Koalitionen mit ihm ausgeschlossen und scheinen standfest zu sein. Doch Strache denkt schon viel weiter: an die Kanzlerschaft im Jahr 2018. Und bis dahin könnten sich unter den etablierten Parteien schon Koalitionswillige finden.

Nach der Fernsehaufzeichnung steht Strache vor der Bühne herum, Fans wollen Fotos und Autogramme, viele von ihnen sind jung. Genau die will er ansprechen, wenn er Fotos von sich beim Discobesuch auf Ibiza oder in Badehose postet oder in einem denkwürdigen Clip zum Song Steht auf, wenn ihr für HC seid rappt. Strache verliert auch vor der Bühne nicht die Kontrolle: "Die Fotos bitte nicht im Gegenlicht." Er hat nicht viel Zeit, er ist ein viel beschäftigter Mann, morgen etwa trifft er Thilo Sarrazin zu einer Diskussionsveranstaltung. Leute wie Sarrazin könnte Strache in der Wiener Sozialdemokratie brauchen, denn natürlich, sagte er, könne eine rot-blaue Koalition hier in Wien Vorbild für eine im Bund werden. "Doch wenn wir erst mal stärkste Kraft sind, wird es auch ein Umdenken bei den anderen und auch bei der SPÖ geben."

Und ist "Wählt wie ihr wirklich denkt" nicht ein viel geschmeidigerer Slogan als "Ausländer raus"? Schwingt da nicht gleich viel mit? Lasst euch nichts vormachen, schon gar nicht von all diesen Gutmenschen. Schaut auf eure eigenen Interessen.