Zwei Wochen nach der Wahl in Griechenland ist auch in Portugal, einem anderen europäischen Krisenstaat, gewählt worden. Und Ende des Jahres wird in Spanien abgestimmt. Auch wenn die Wahltermine Zufall sind, so fügen sie sich doch zu einem Bild: In allen drei südeuropäischen Ländern geht es um dieselbe Frage: Gibt es eine Alternative zu der Spar- und Reformpolitik, die nicht zuletzt die deutsche Kanzlerin seit dem Ausbruch der Finanzkrise in Europa predigt?

In Griechenland haben die Wähler zwei Mal innerhalb von acht Monaten mit großer Mehrheit für die linke Syriza gestimmt. Auch wenn beide Wahlen unter unterschiedlichen Voraussetzungen stattfanden, konnte man die Ergebnisse zu Recht als Absage jede Form der Austerität interpretieren. (Dass die Austerität unter dem Druck der Geldgeber dennoch fortgeführt wird, nun ja, das ist ein Paradox.)

In Portugal ist das Pendel nun scheinbar zur anderen Seite ausgeschlagen: Zum ersten Mal seit dem Beginn der Eurokrise ist in einem der (ehemaligen) Programmländer die amtierende Regierung, eine Mitte-Rechts-Koalition, als stärkste Kraft bestätigt worden. Rund 38 Prozent der Stimmen für das Regierungsbündnis "Portugal vorn" von Ministerpräsident Pedro Passos Coelho stehen nur etwas mehr als 32 Prozent für die oppositionellen Sozialisten (bei uns vergleichbar mit der SPD) gegenüber. Dabei hatte die Opposition noch vor wenigen Wochen in den Umfragen vorne gelegen.

Für die Parteien der linken Mitte in Europa, Sozialdemokraten und Sozialisten, ist das portugiesische Ergebnis ein Tiefschlag. Ihr Versprechen, dass es eine gemäßigte Alternative zur ungeliebten Austeritätspolitik geben könnte, ist entzaubert. Trotzdem wäre es falsch, diese Wahl als Bestätigung der voherrschenden Wirtschaftspolitik zu deuten.

Mit dem Rücken zur Wand hat die Regierung Passos Coelho Portugal in den zurückliegenden Jahren einer Schocktherapie unterzogen: weniger Ausgaben, weniger Sozialleistungen, höhere Steuern. Im Gegenzug haben die EU und der IWF dem Land vorübergehend 78 Milliarden Euro geliehen. Bereits seit Mai 2014, früher als geplant, kann sich Lissabon wieder aus eigener Kraft finanzieren. In Brüssel und Berlin gelten die Portugiesen deshalb als Musterschüler, zusammen mit Irland. Dabei hatte die Schocktherapie erst einmal auch hier zu noch mehr Arbeitslosen, noch mehr Schulden und weniger Wachstum geführt.

Erst allmählich bessern sich die Zahlen. Die Arbeitslosigkeit ist von mehr als 16 Prozent (2013) auf rund 13 Prozent gefallen. Auch die Wirtschaft ist im vergangenen Jahr erstmals seit drei Jahren wieder ein wenig gewachsen (plus 0,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts in 2014). Diese zarten Erfolge haben sich für die Regierung bei der Wahl offensichtlich ausgezahlt. Trotzdem hat das Mitte-Rechts-Bündnis ein Fünftel seiner Stimmen und damit die absolute Mehrheit verloren. Hinzu gewonnen haben hingegen auch in Portugal die radikalen Linken, obwohl es dort keine einheitliche, neue Kraft gibt, die mit der griechischen Syriza oder der spanischen Podemos-Bewegung vergleichbar wäre. Der traditionelle Linksblock hat seinen Stimmenanteil von rund fünf auf mehr als zehn Prozent verdoppelt; auch die anti-europäischen Kommunisten haben sich bei rund acht behauptet. Schließlich ist, ähnlich wie vor zwei Wochen in Griechenland, auch in Portugal die Wahlbeteiligung auf einen neuen Tiefstand gesunken; in beiden Ländern liegt sie nur noch bei etwa 56 Prozent.

Vieles spricht also dafür, dass die Portugiesen sich nicht einfach für eine Fortsetzung der Austeritätspolitik entschieden haben. Sie haben nur keine Alternative gefunden, die sie überzeugt hätte. Und sie neigen glücklicherweise nicht zur Wut.

Also wird die bisherige Regierung wohl weitermachen, als Minderheitsregierung oder mit Unterstützung der Sozialisten. Der Kampf um Europas Süden ist noch nicht vorbei: Im Dezember geht er in Spanien in die nächste, möglicherweise entscheidende Runde.