Richard Williams war in Deutschland ein Unbekannter, als er zum neuen künstlerischen Leiter des Berliner Jazzfests erkoren wurde. Erste Recherchen ergaben wenig Erhellendes: ein Engländer, geboren 1947, Journalist beim Londoner Guardian im Sportressort. Ein nicht mehr ganz junger Fremder also, der mit der Landessprache und den deutschen Befindlichkeiten so wenig vertraut ist wie mit den geschäftlichen Aspekten einer Festivalplanung als künstlerischer Leiter. Und das beim traditionsreichen Jazzfest Berlin, das seit seiner Gründung durch Joachim-Ernst Berendt im Jahr 1964 einerseits zu den wichtigsten Jazzfestivals in Europa zählt und andererseits gegen die Überalterung seines Publikums kämpft.

Vor Williams liegt also eine große Aufgabe, zumal da die Struktur des Festivals mit den meinungsstarken ARD-Jazz-Redakteuren im Hintergrund als ein Minenfeld gilt.

Mittlerweile weiß man: Richard Williams ist ein freundlicher, gelassener Kollege mit weit gestreuten musikalischen Vorlieben, der seit Jahrzehnten zu den führenden Musikjournalisten in England zählt. Zu schreiben begann er in den sechziger Jahren als Lokalreporter in Nottingham, bevor er 1969 nach London zum Melody Maker wechselte, bei dem man eine Form von Musikkritik kultivierte, die ihren Gegenstand ernst nahm und weniger den Klatsch im Umfeld: "Wenn mich ein Stück interessiert und berührt, dann versuche ich herauszuarbeiten, warum", sagt er. "Was das ausmacht, welche Teile da zusammenkommen. In dieser Hinsicht bin ich mehr am Klang interessiert als an der Bedeutung."

In der Redaktion des Melody Maker genoss Williams die große Freiheit jener Zeit, die Vielfalt der Perspektiven, den tastenden, experimentellen Charakter der sich ständig verändernden Musik.

"Ich habe mich nie als Rockkritiker verstanden", sagt er heute. "Ich verstand mich als jemand, der über eine bestimmte Spanne von Musik schreibt, die mich interessiert. Dazu gehören Jazz und bis zu einem gewissen Grad Rock, Pop, Blues und Folk und ein bisschen Country und bestimmte Arten von klassischer Musik. Jazz ist wahrscheinlich die wichtigste Musik für mich. Aber ich möchte mein Leben nicht ohne Motown oder The Velvet Underground leben."

Später schrieb er für die Times und den Independent, er schrieb Bücher, moderierte im Radio, arbeitete als Künstlerbetreuer bei Island Records und gab ein Gastspiel als Moderator im ersten TV-Magazin der BBC, das sich mit Popmusik beschäftigte.

Irgendwann hatte er genug davon, über Musik zu schreiben. Als beim Guardian kurz vor den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 ein Reporter ausfiel, fand er ein neues Spielfeld: den Sport. Eine faszinierende Welt aus Leichtathletik, Autorennen, Fußball und weniger glamourösen Wettkämpfen, denkbar weit entfernt von der Sphäre der Musik, von schmuddeligen Clubs, Independent-Labels, schütteren Finanzen und der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.

"Nachdem ich jahrzehntelang über Musik geschrieben hatte, genoss ich diese neue Perspektive", sagt er. "Es war aufregend, und ich konnte beschreiben, was ich sah. Auf eine Art ist das Schreiben über Sport mit dem Schreiben über Musik verwandt: Du schreibst über etwas, das total spannend ist. Du weißt vorher nicht, wie es ausgeht. Und mir fiel es leicht, passende Worte für das, was ich da sah, zu finden, weil ich darin geübt war, so abstrakte Dinge wie Klänge und Rhythmen zu beschreiben." Ein Fremder im Sport, der vor neuen Perspektiven nicht zurückschreckt.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass er sich nun als Intendant betätigt. Diese Perspektive fehlte ihm noch, und er geht die neue Herausforderung mit offenem Visier an. "Bei meinem ersten Festival – dem ersten der zweiten 50 Jahre in der Geschichte des Berliner Jazzfests – soll es keine Hommagen und Rückblicke geben. Ich will in die Zukunft schauen und zeigen, wo wir heute stehen", sagt er. "Ich will zeigen, dass Jazz eine Zukunft hat und es nicht nur um seine Geschichte geht. Die Geschichte ist mir sehr wichtig, aber das Festival 2015 soll die Plattform sein, auf der sich die Zukunft des Jazz präsentiert."