Das klingt nach selbstbewusster Positionierung, ist jedoch gar nicht so weit vom Ansatz seines Vorgängers Bert Noglik entfernt. Drei Jahre lang hatte der Leipziger Noglik thematische Bögen aus dem Jetzt in die Jazzgeschichte geschlagen. Er beschäftigte sich mit der Gegenwart, ohne die Vergangenheit zum Tabu zu erklären.

Williams hat aus Nogliks Erfahrungen gelernt: Zur rituellen Kritik am Berliner Jazzfest zählt der Vorwurf, die lokale Szene nicht hinreichend abzubilden. Williams beugt dem vor, indem er zwei Großformationen auftreten lässt, deren Musiker zumeist in Berlin leben. "Das Programm soll die Vielfalt des Jazz heute reflektieren, die Art, wie Jazz vor hundert Jahren aus dem Zusammenfluss vieler verschiedener musikalischer Elemente entstanden ist. Wie der Jazz viele verschiedene Musiker auf der ganzen Welt beeinflusst und infiziert hat, die Jazz als eine gemeinsame Sprache oder zumindest Philosophie benutzen. Wir haben Musiker aus 30 Ländern bei diesem Festival. Gleichzeitig passiert in Berlin so viel, diese Spannung sollte das Festival widerspiegeln. Genau das drücken das Splitter Orchester oder auch der Diwan der Kontinente aus."

Das Splitter Orchestra © Kai Bienert

Die beiden Großensembles bilden die Energiepole des Programms: Da ist einmal das Splitter Orchester, eine 24-köpfige Bande von radikalen Improvisatoren aus der Berliner Echtzeit-Szene, die eine Komposition des Posaunisten, Elektronikmusikers und Jazzgelehrten George Lewis aufführen. Mit dem Titel Creative Construction Set verweist Lewis – ein Musiker aus dem Umfeld der Chicagoer Musikerinitiative AACM, die vor genau 50 Jahren einen zweiten Strom der afroamerikanischen Avantgarde auslöste – auf die Creative Construction Company, ein Sextett um Anthony Braxton, Leroy Jenkins und Wadada Leo Smith, das eine Brücke über den Graben zwischen frei improvisierter und komponierter Musik schlug.

Einen anderen Horizont öffnet Diwan der Kontinente, ein 22-köpfiges Ensemble mit drei Sängerinnen, allerlei Percussion, klassischen und östlichen Blech-, Holzblas- und Saiteninstrumenten. Für sie schreiben die 1978 in Braunschweig geborene iranischstämmige Sängerin Cymin Samawatie und der drei Jahre später in Neu-Delhi geborene Schlagzeuger Ketan Bhatti, die gemeinsam an der Universität der Künste in Berlin studierten, Stücke, in denen die rhythmischen und klanglichen Dimensionen von Ost und West aufleuchten.

Natürlich weiß auch Williams, dass die Vitalität der Musik allein nicht ausreicht, um dem Berliner Jazzfest eine Zukunft zu sichern. Dem Festival stellt sich auch die Frage nach den Hörern. "Ich muss dafür sorgen, dass wir ein neues Publikum gewinnen. Jeder muss denken, er ist willkommen, er gehört hier hin: die Zuhörer und die Musiker, Junge und Alte. Robert Glasper hat neulich von einem Jazzclub erzählt, die Wände voll mit Porträts der großen Musiker. 'Das saugt dir die Energie aus', sagte er. So etwas ist eine große Gefahr."

Ähnlich wie sein Vorgänger sieht Williams in der Kontinuität der Kunstform einen Schlüssel zum Erfolg. Auch in seinem Programm finden sich jüngere und ältere Musiker, Europäer und Asiaten und Afroamerikaner, experimentierfreudige und traditionsverbundene. "Wir müssen deutlich machen, dass die Vergangenheit in der Gegenwart und Zukunft enthalten ist", sagt er. "Wenn man sieht, wie die Älteren, Musiker wie Charles Lloyd oder Louis Moholo-Moholo, nach wie vor auf Kurs sind, spürt man die Bedeutung der Vorwärtsbewegung und weiß, dass immer wieder neue Dinge und Begegnungen entstehen. Das neue Publikum, das kommt dann schon."

Bleiben wir also gelassen. Richard Williams, der Fremde, macht es vor. "Ich sehe dem Festival eher mit Hoffnung entgegen als mit Erwartungen. Ich hoffe, dass die Musik so funktioniert, wie ich sie mir vorstelle, und dass sich das Publikum von einigen der musikalischen Begegnungen mitreißen lässt. Dass die Musik die Leute erhebt und dazu bringt, aufzuspringen und seltsame Dinge zu tun."

Jazzfest Berlin 2015, 5. bis 8. November 2015, mehrere Spielstätten