Stellen Sie sich vor, es ist Krieg – und zwei Komponisten schreiben darüber. Welche Töne fallen ihnen ein? Dumpfe? Tosende? Satirische? Erstickte? Würden sie sich den Zorn von der Seele schreiben oder den Patriotismus? Würden sie die Waffen musikalisch erklingen lassen oder die Trauer der Witwen?

Schauen wir 100 Jahre zurück, nach Frankreich, so finden sich zwei große Meister, die mit der Welt und ihrem Krieg haderten. Reynaldo Hahn (1874 bis 1947) hatte sich euphorisch an die Front gemeldet. Nun, im Jahr 1915, saß der in Venezuela geborene, in Paris groß gewordene Komponist in der Nähe von Verdun, hörte in der Ferne den Kanonendonner und empfand Angst, Faszination und "tödliche Langeweile". In diesen Tagen komponierte er einen Zyklus von zwölf Walzern für zwei Klaviere unter dem Titel Le ruban dénoué ("Das entknotete Band").

Was die Musik betrifft, so ist die Diagnose einfach: Der Krieg findet nicht statt. Der Zyklus ist vielmehr eine nostalgische Reverenz an eine untergegangene Zeit, ans französische 19. Jahrhundert mit seinen Walzern, Salons und Bällen. Dieser kapriziösen, hierzulande kaum je gespielten Musik kommt das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen in seiner hinreißenden neuen CD 1915 nun auf die Spur. Die beiden Musiker lassen uns den Dreivierteltakt maximal auskosten – und doch mitunter wirbelnd den Boden unter den Füßen verlieren.

Ein wahres Meisterwerk dieser Zeit für zwei Klaviere ist auch En blanc et noir ("In Weiß und Schwarz") von Claude Debussy, in dem der Komponist – der wegen seiner chronischen Krankheit mit dem Krieg nur mittelbar etwas zu tun hatte – ausgerechnet im langsamen Satz einen aktuellen politischen Kommentar von unerwarteter Intensität abgibt. Hier ertönt eine verzerrt-martialische Version des deutschen Chorals Ein feste Burg ist unser Gott, der sich gegen die versteckte Marseillaise zu behaupten hat. Siegt die Melodie oder der Marsch? Man weiß es nicht, so sehr man mit aller Aufmerksamkeit in die Musik hineinhorcht. Durch diesen abgründigen Subtext unter der schillernden Oberfläche raffinierter Klavierkunst erweist sich En blanc et noir als geheimes Hauptwerk von 1915 – und so fabelhaft spielen es Tal/Groethuysen auch.

Klavierduo Tal/Groethuysen: 1915 Werke von Hahn und Debussy (Sony)