"New York kann ein wunderbarer Ort zum Sterben sein", wenn man wie Lou Reed im herbstroten Big Apple dahinscheidet, "inmitten der Schönheit der Natur", wie Reeds Ehefrau in ihrem Nachruf schrieb. Der glutheiße Sommer hingegen ist nicht der Ort für einen friedlichen Tod. Die Protagonistin von Verena Luekens Roman Alles zählt verbringt die heiße Jahreszeit in New York, Freunde haben ihr Apartment zur Verfügung gestellt. "Beißendes Licht, brüllende Hitze, eine erbärmliche Zeit, um zu sterben", liest sie bei James Salter, und sofort weiß sie, dass ihr Krebs zurück ist. Ein Tumor in der Lunge, zum dritten Mal in 15 Jahren. Und wieder bekommt sie, deren Name uns vorenthalten wird, die Diagnose in New York. Dem einzigen Ort, den sie als Heimat empfindet, wo sie sich als Journalistin neu erfinden, an einem Buch arbeiten wollte. Verena Lueken, Redakteurin im Feuilleton der FAZ, war lange als Kulturkorrespondentin in New York, seine autobiografischen Wurzeln verleugnet der Roman also nicht.

Kühl und routiniert nimmt die Protagonistin ein weiteres Mal den Kampf mit den bürokratischen Mühlen des amerikanischen Gesundheitssystems vor ObamaCare an. Begegnet erneut ihrer Chirurgin "ohne Charisma, mit Autorität und eisernen Händen", die ihr wieder durch den offenen Rücken in die Rippen greift und den Tumor herausschneidet. Wie hart diese Fakten auch sein mögen, Alles zählt räumt ihnen kaum Platz auf der Handlungsebene ein. Vielmehr arbeitet der Roman auf der Wahrnehmungsebene seiner Hauptfigur: Zur Bettlägrigkeit verdammt, schrumpft ihr Bewegungsradius, die Krankheit zieht die Welt um sie herum zusammen. In Ermangelung neuer Eindrücke plündert sie ihren Erinnerungsschatz, spricht mit den Toten, allen voran der Mutter. Über die erinnerte Mutter-Tochter-Beziehung nimmt Lueken einen kurzen Erzählumweg über ein erstaunliches Frauenleben im Nachkriegsdeutschland voller Polyamorie und Selbstbestimmung.

Überhaupt unterwirft sich die Autorin keinen Vorstellungen, wie ein Erzähltext zu funktionieren hat. Kapriziös und eigensinnig ergibt sich aus einer Erinnerung, aus einem Gedanken der Heldin ein neuer, alles zählt, ohne dass sich Zusammenhanglosigkeit einstellt. Durch Rückkopplungsschleifen zwischen dem blassgrauen Krankenstand des Jetzt und den Farbflashs aus der "Wunderkammer ihrer Kindheit" wirkt die Krankheit trotz aller Einschränkungen weltvergrößernd.

Diese Rückschauen unterbricht jäh das Martyrium der nicht anschlagenden Schmerztherapie, welches Lueken in seiner Drastik so wahrhaftig und intim schildert, dass zusätzliche Authentizitätsversicherungen unnötig und indiskret wären. Schmerzen stechen da "von innen mit scharfen Klingen in ihre Brust, als wollten sie die Brustwarzen herausschälen und nach innen und unten ziehen". Die größte Angst dieser Schmerzensfrau aber ist, auch mit fortschreitender Gesundung "lebensexterritorial" zu bleiben. Zwar unter den Lebenden, aber nicht vollständig lebendig.

Da das Sterben im New Yorker Sommer, auf welches der Roman hingeschrieben ist, aber nicht eintritt, bekommt Verena Lueken ein dramaturgisches Problem, das sie jedoch ganz wunderbar aufzufangen weiß. Sie lässt ihre Protagonistin eine Reise nach Myanmar wiederholen, auf den Spuren ihres alten, gesunden Ichs. Vor Ort fühlt sie sich beim Lauschen der Lebensgeschichte eines jungen Arztes ganz unvermittelt wiederhergestellt, gewissermaßen ganz lebensterritorial. Mit diesem raffiniert unspektakulären Schlussakkord umschifft sie sowohl das verbitterte als auch das versöhnliche Ende, mit dem das Erzählen über Krankheiten häufig ins Pathetische abrutscht.