Stolz ist eine gefährliche Emotion. Wenn das, worauf man stolz ist, zu Bruch geht, dann entwickelt sich schnell ein Gefühl der Scham. In Deutschland gibt es den Hang, sich mit den großen Marken der Autoindustrie zu identifizieren, so wie früher mit der D-Mark. Deshalb entsteht leicht ein Gefühl nationalen Versagens, wenn ein Konzern wie VW sich beim Betrug ertappen lässt. Und die Frage ist, wie hoch der Fall zu hängen ist und was er wirklich über Deutschland aussagt.

Noch ist so ziemlich jede Fallhöhe im Angebot, von "Ein paar Ingenieure bei VW sind durchgedreht" bis "Das deutsche Wirtschaftsmodell steht infrage".

Das mit den paar Ingenieuren hat VW eine Weile versucht – und probiert es teilweise immer noch. Zwar misslang der Versuch des langjährigen Chefs Martin Winterkorn, einen Teil seiner Macht zu erhalten. Aber der Finanzchef Hans Dieter Pötsch soll Aufsichtsratsvorsitzender werden, und Ferdinand Piëch, der erst kürzlich seine dominante Stellung im Aufsichtsrat des Konzerns einbüßte, erfreut sich wieder neuen Einflusses.

Auf der anderen Seite des Spektrums steht die Deutung, VW ziehe ganz Deutschland in eine Krise. Die Washington Post sah gleich zu Beginn des Skandals das Versprechen verlässlicher deutscher Ingenieurskunst zerbröckeln, und die New York Times meinte, der VW-Fall treffe Deutschland im Kern. In seiner Selbstgewissheit nämlich, eine rechtschaffene Nation zu sein. "Es ist einer dieser Momente, wenn die ganze Kultur einer Nation infrage gestellt wird", behauptete einer ihrer Kommentatoren. Von Paris bis San Francisco lässt sich aus Äußerungen in Politik und Medien leicht eine Botschaft herauslesen: Die Deutschen sollen von ihrem hohen Ross heruntersteigen und zugeben, dass es mit ihrer Erhabenheit nicht weit her ist.

Natürlich sind manche Kommentare schlicht aus Schadenfreude und Antipathie gespeist. Und ebenso selbstverständlich versuchen ausländische Industriekonzerne, die Gunst der Stunde zu nutzen und "made in Germany" in Verruf zu bringen.

Die eigentliche Gefahr ist aber, dass die Deutschen sich auf dieses Spiel einlassen und sich einreden, der VW-Skandal sei in Wahrheit ein Angriff des Auslands auf die deutsche Industrie. Das anzunehmen wäre grotesk, wenn man bedenkt: VW hat diese Krise heraufbeschworen, und deutsche Aktivisten haben die Missetat aufgedeckt. Dem Konzern ergeht es auch nicht wie dem Siemens-Konzern, dessen Bestechungen Amerika gar nicht direkt betrafen und der dort nur verfolgt wurde, weil seine Aktien an der Wall Street notiert waren. Nein, VW hat Behörden und Verbraucher in den Vereinigten Staaten getäuscht und darf sich nicht wundern, wenn das dortige Rechtssystem nun zurückschlägt, was immer man von Amerikas Hang zu extremen Strafen halten mag.

Die Deutschen sollten sich also nicht von der eigentlichen Frage ablenken lassen: Was bedeutet der Skandal für uns? Niemand kann genau sagen, wie er sich entwickelt, welche Kosten VW tragen muss und ohne staatliche Hilfe tragen kann. Ob sich das Wolfsburger Drama aufs ganze Land auswirkt, das allerdings hängt stark davon ab, wie sehr sich die Deutschen den vielleicht größten Fehltritt der nationalen Industriegeschichte zu Herzen nehmen.

Die Parallelen zwischen Volkswagen und dem Volk sind schnell gezogen. Als bei dem Konzern vor gut zehn Jahren die Luxus- und Lustreisen von Betriebsräten ruchbar wurden, war das ein Zeichen für die schwache, mit sich selbst beschäftigte deutsche Wirtschaft. Ebenso spiegelte der Wiederaufstieg VWs, mit dem Ziel, die Nummer eins auf der Welt zu werden, in den vergangenen Jahren die deutsche Genesung wider – vom kranken Mann Europas zum China des Westens, von einem Extrem ins andere. Und jetzt? Geht es automatisch auch wieder abwärts mit dem Exportland D?