Absturz in die Hölle – Seite 1

"Ein Mythos geht zu Boden" – so ähnlich lauten die Schlagzeilen, mit denen der Massenbetrug des Volkswagenkonzerns mal fassungslos, mal hämisch kommentiert wird. Eben noch baute VW "Das Auto". VW war Deutschland. VW war Autoweltbaumeister. Dann stürzte der Mythos VW vom Olymp in den Hades und wird dort von Höllenhunden gehetzt. Von Anwälten und Aktienbesitzern, von Kunden und Journalisten.

Das Wort "Mythos" ist keine Phrase. Tatsächlich gibt es keinen deutschen Autokonzern, der so viel intellektuellen Aufwand betrieben und so viel echtes Geld investiert hat, um seinen Erzeugnissen eine kulturelle Aura zu verleihen. Denn der Volkswagenkonzern hatte verstanden: AudiBMWMercedesOpel – all diese Karossen bestehen doch nur aus Blech, Plastik und einem Haufen Elektronik und werden sich unter der Haube immer ähnlicher. Der Kunde weiß das. Er kauft kein Auto, nur weil es ein Auto ist. Er kauft die Sexiness einer Marke, ihre "Werte" und ihr "Lebensgefühl" (Martin Winterkorn). Mit einem Wort: Der Endverbraucher kauft einen Mythos.

Moderne Mythen entstehen in Fantasiefabriken. Sie werden von Kopfarbeitern und Kulturindustriellen erdacht, sie werden aus künstlerischen, religiösen und philosophischen Fertigbauteilen zusammengelötet, anschließend auf Hochglanz poliert und unters Volk gebracht. In Wolfsburg heißt die Mythenschmiede "Autostadt"; nur durch einen künstlichen See getrennt, liegt sie direkt neben den Montagehallen und dem 1939 gebauten Heizkraftwerk mit seinen vier emblematischen Schornsteinen.

In der Autostadt besitzen die Kernmarken des VW-Konzerns jeweils einen eigenen Pavillon. Sie sehen aus wie Autobahnkapellen und erzählen über jede Produktlinie eine unverwechselbare Geschichte. Während also im Stammwerk etwas Reales vom Fließband läuft, produziert die Autostadt etwas Imaginäres – sie mythisiert das Blech und versucht, jedem Produkt ein Markengefühl, ein eigenes Image einzubrennen. Die Mythenmacher von Volkswagen wissen nämlich: Der Mensch ist ein symbolisches Tier. Er denkt in Bildern und fühlt in Metaphern. Er träumt in Ideen und Geschichten. Der Mythos lebt.

Als die Eine-Millarde-DM teure Autostadt im Jahr 2000 eröffnet wurde, wuchsen im Škoda-Pavillon die Autos organisch aus Kunstpalmen, und der VW-Phaeton hockte sprungbereit auf einem grünen Hügel. Damals schien es, als wolle sich Volkswagen nicht mehr nur auf die Qualität und die solide Eleganz seiner Produkte verlassen; nein, die Autos mussten kulturell tiefergelegt und zu einem Sinnträger aufgemotzt werden.

Als inszenatorische Meisterleistung erwies sich der Markenpavillon von Audi, er war gleichsam das Prachtexemplar der Wolfsburger Mythologen. Der Besucher wurde über eine Rolltreppe in das Atelier eines New Yorker Holzbildhauers geführt, die ganze Einrichtung war in einem warmen, pompejiroten Vintage-Stil gehalten, einem ausgesucht ästhetischen, keineswegs protzigen Metropolen-Chic. Im Regal standen die Klassiker der Kunst-und Geistesgeschichte, die Buchrücken etwas abgegriffen, als würde der Holzbildhauer mit vollem Einsatz darin lesen. Und was machte er sonst? Er schälte einen Sportwagen aus einem dicken Baumstamm. Er war ein Künstlergott, er war der verlängerte Arm der Evolution. Der Mann hatte das Auto nicht erfunden, er hatte es in der Natur vorgefunden.

"Wiederverzauberung der Technik" – so lautete das VW-Marketing-Konzept

Die Pointe lag auf der Hand. Wie der Holzbildhauer, so ist auch ein Autoingenieur das ausführende Organ einer Evolution, die immer schon weiß, was sie will. Die Evolution will einen Audi, und tatsächlich präsentierten die "Engel der Verkündigung" zu wohliger Sphärenmusik das jeweils neueste Modell.

Wie soll man das nennen? Mythisierung? Oder Biologisierung der Technik? Systematisch erzeugte das Wolfsburger Gesamtkunstwerk damals den Eindruck, ein Auto sei nicht das tote Erzeugnis des Menschen, sondern die Gabe der lebendigen Evolution – das Wunderwerk eines Regisseurs, den wir niemals zu Gesicht bekommen und dessen Weisheit wir nur an seinen Taten zu erkennen vermögen. In seinem grandios hintergründigen Naturtheater sind die Menschen wie Marionetten, die dem Willen des großen Werkzeugmachers zum Durchbruch verhelfen. Und so suggerierte der VW-Konzern, wenige Jahre, bevor er anfing, Abgaswerte zu manipulieren, dem Publikum diese frohe Botschaft: Wenn alles Technische ein Geschenk der Evolution ist, dann können Autos der Natur nicht ernsthaft schaden. Und da der Selbstlauf der Evolution auch niemals irren kann, muss man ihm bedingungslos vertrauen. Truth in engineering hieß der Reklamespruch, mit dem Audi in den USA das Rennen machen wollte.

"Truth in engineering"

Inzwischen ist die Wolfsburger Inszenierung kühler und sachlicher geworden, die biomorphen Paradiesgärtlein sind weitgehend verschwunden, kein Auto wächst hier mehr aus naturidentischen Riesensträuchern. Seat erweckt "Technologie zum Leben", im atmosphärischen Premiumbereich von Audi ist die "Natur Marktführer", und ausgerechnet VW zeigt der nachwachsenden Jugend, wie sie mit Blue-Tec Mutter Erde sauber hält – das war es schon. Dennoch ist die Ursprungsidee von der "Wiederverzauberung der Technik" in der Hügel- und Seenlandschaft noch immer gut zu erkennen. Diese Idee hatte ihre große Zeit in den "nuller Jahren", ihren Höhepunkt feierte sie bei der Expo 2000 in Hannover und der Berliner Wissenschaftsschau Sieben Hügel. Damals regierte der unvergessene Gerhard Schröder (SPD), und im Kultursektor gaben die sogenannten Medienphilosophen den Ton an. Sie fanden nichts langweiliger als "Technikkritik", "Umweltgifte" oder andere Gutmenschenthemen. Ihr Leitstern war der Soziologe Niklas Luhmann, der von seiner Bielefelder Kanzel aus rechtzeitig Entwarnung gegeben hatte: "Die moderne Gesellschaft leidet nicht mehr an den Widersprüchen des Kapitalismus, weder in der Sache noch intellektuell."

Bald galten auch die Geistes- und Sozialwissenschaften als alte Tanten mit Hut, während die neuen Biotechnologien und die Hirnforschung auf spektakuläre Weise Karriere machten. Die Ära von Aufklärung und Gesellschaftskritik, so tönte es, sei abgelaufen, vorbei die Zeit der Meckerköppe, der Moralapostel und Bedenkenträger. Deutschland brauche nicht Kritik, sondern Vertrauen. Vertrauen in Wissenschaft und Fortschritt.

Mit einem einfachen Trick überlisteten US-Aufklärer den "Clean Diesel"

Kurzum, für Schröder war der alte Industriekapitalismus aus guten Gründen nicht überlebensfähig. Stattdessen sollte der computergetriebenen Wissensgesellschaft die Zukunft gehören, einschließlich der Genindustrie mit ihren Menschenverbesserungsfantasien.

In Deutschland traf die New Science naturgemäß auf tief sitzende Ängste und musste der skeptischen Gesellschaft erst einmal schmackhaft gemacht werden. Aber wie? Gewiss nicht, indem man die Fortschrittsängste frontal angriff, denn das machte sie nur noch stärker. Stattdessen sollten sie durch eine Großerzählung ruhiggestellt werden – eben durch den Mythos vom höheren Sinn der gütigen Evolution. Demnach stellt die Gentechnik für den Menschen keine Bedrohung dar, sondern eine evolutionär sinnvolle Offerte. Und auch Automobile sind nur ein Rädchen im Naturschauspiel der Weltgeschichte – einer Evolution, die begnadeten VW-Ingenieuren unsichtbar die Hand führt.

Es war dieser ideologische Humus, in dem der Mythos vom sauberen VW angepflanzt wurde, und man muss neidlos anerkennen, dass er sich lange, sehr lange gehalten hat. Die Kritik an ihm perlte ab wie der Wassertropfen auf dem Lack des Neuwagens, und selbst als US-Aufklärer ihnen schon dicht auf den Fersen waren, verhinderten VW-Manager den Absturz des Mythos in die Hölle der Tatsachen. "Wir sind sauber." Wie ohnmächtig doch die Zweifler waren, all jene, die noch nie an den gesunden Diesel made in Germany geglaubt hatten, an ein Wunderauto, das hinten sauberere Luft ausstößt, als es vorne einsaugt. Auf den Konzernfluren gelten Diesel-Skeptiker ohnehin als selbstzündende Giftzwerge, die den Halbgöttern des deutschen Ingenieurwesens in die Suppe spucken und deshalb von einer Titanenarmee aus Lobbyisten in Schach gehalten werden müssen. Nur nebenbei: Es war natürlich reiner Zufall, dass BMW-Anteilseigner über 600.000 Euro Parteispenden an die CDU überwies – just in dem Moment, als in Brüssel eine neue, verschärfte Abgasverordnung durchgesetzt werden sollte.

Wie jeder Mythos, so starb auch der Wolfsburger am Ende an sich selbst. Er war nicht perfekt, und er konnte es auch nicht sein, weil kein Mythos seine Außenwelt vollständig unter Kontrolle hat. In der Außenwelt gelten Recht und Gesetz, es gibt Schlaglöcher und die miese Luft in den Städten, und ein wenig kritische Vernunft soll es hin und wieder auch noch geben. So klaffte zwischen Mythos und Realität ein Loch, und das Loch war groß genug, um ein Abgasmessgerät dazwischenzuschieben. Immer wieder stellten amerikanische Aufklärer einen Volkswagen auf den Prüfstand, bis sie schließlich auf die genial schlichte Idee kamen, einfach mal am Lenkrad zu drehen, um dem Prüfling vorzugaukeln, er fahre frei und unbeobachtet auf der Straße. Und siehe da: Die Katalysatoren fielen in den Schlafmodus, und der Clean Diesel pustete mehr Stickoxide in die Luft, als die Polizei erlaubt.

Das war’s dann. Die Aufklärer hatten den VW-Mythos entzaubert und bewiesen, dass es keine Motoren gibt, die so sauber sind wie die Luft zwischen Himmel und Erde. Die Mythe log, und Truth in engineering erzeugte eine Epidemie des Misstrauens. Zurück bleibt schickes Blech, das garantiert mythenfrei die Luft verpestet. "VW. Das Auto".

Richtigstellung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass die Spende an die CDU von BMW kam. Tatsächlich stammte sie von BMW-Anteilseignern. Der Satz wurde korrigiert.