Willi Ruttensteiner sitzt in seinem Büro und deutet auf seinen Laptop. Auf dem Bildschirm leuchten Diagramme, auf denen Kurven steil nach oben zeigen. Der Sportdirektor des ÖFB klickt stolz von einer Folie zur nächsten. Österreichs Fußballnationalteam hat sich mit einem 4 : 1 in Schweden erstmals für eine Europameisterschaft qualifiziert. Seit 15 Jahren arbeitet Ruttensteiner darauf hin. Oft gegen Widerstände aus den eigenen Reihen und begleitet von Kritik. Wenn er im Anzug und mit seinem Laptop unterm Arm am Fußballplatz auftauchte, spotteten die ehemaligen Größen über den "PowerPoint-Willi". Der Boulevard nannte ihn verächtlich "Willi Wichtig".

Vor mehr als zehn Jahren posaunte Ruttensteiner seine Vision in die kleine heimische Fußballwelt: Das Nationalteam soll zu den besten der Welt aufschließen. Damals wurde er verlacht. Heute ist er der Vater des Erfolgs: In nur vier Jahren kletterte das Team von Platz 77 der Weltrangliste auf Platz elf. Jung und Alt laufen wieder mit rot-weiß-roten Dressen umher, ohne dabei rot anzulaufen. Das österreichische Nationalteam entfacht derzeit Jubelstürme. Ruttensteiner versucht jeden Moment tief einzusaugen.

Seine Geschichte ist die eines hartnäckigen Visionärs, der es sich zur Lebensaufgabe machte, den österreichischen Fußball zu reparieren, der immer wieder Hürden vor sich hatte und am Ende doch mit ausgestreckten Armen durchs Ziel lief.

Willi Ruttensteiner, grau meliertes Haar, weißes Hemd, dunkelblaue Jeans, seriöses Auftreten, sitzt in seinem Büro und scrollt wieder einmal durch eine PowerPoint-Präsentation, an der er gerade bastelt. In der Slowakei soll er einen Vortrag über den "österreichischen Weg" halten. "Alles verraten wir ihnen dort aber nicht", sagt er mit tiefer Stimme und grinst.

Der 52-Jährige wuchs im oberösterreichischen Wolfern bei Steyr auf. Der Vater werkte als Mechaniker. Er selbst wurde Lehrer, sattelte nach zehn Jahren zum Fußballtrainer um und coachte den Bundesligaverein FC Linz. Leopold Windtner, heute Verbandspräsident und ebenfalls Oberösterreicher, holte ihn zum ÖFB. Als Ruttensteiner damit begann, am österreichischen Fußball zu basteln, lag dieser am Boden. Österreich hatte neun Bummerln in Spanien kassiert, die letzten Stars um Toni Polster gingen in Pension. Die Liga wurde von billigen Legionären überschwemmt. Nachwuchsarbeit war nicht vorhanden. Ruttensteiner greift in einen Schrank neben sich. "Ich dokumentiere alles und archiviere es", sagt er und zieht eine Mappe aus einem riesigen Stapel. Sein erster Auftrag beim ÖFB sei es gewesen, die Nachwuchszentren im internationalen Vergleich zu analysieren. Ruttensteiner graste Europa ab und sammelte 32 Verbesserungsvorschläge. "Das holen wir nicht mehr auf", befand er damals entsetzt. Um im selben Moment zu denken: "Aber es wäre reizvoll, genau das zu tun."

"Der Teamchef will das nächste Spiel gewinnen, der Sportdirektor das nächste Jahrzehnt", betonte Ruttensteiner jahrelang gebetsmühlenartig. "Wo führt das alles hin?", motzten seine Kritiker. Als Sportdirektor ist er für die sportliche Linie verantwortlich. Er legt fest, nach welchen Mustern die ÖFB-Teams spielen und nach welchen Standards Talente ausgebildet werden. In seinen Entscheidungen ist er nicht frei. Im komplizierten Geflecht des Verbandes muss er sich immer mit allen abstimmen und Mehrheiten suchen, bis hin zu den Landesverbandspräsidenten, die letztlich im Präsidium Entscheidungen fällen. Während die heimischen Fußballlegenden jammerten, dass sich junge Kicker nicht mehr durchbeißen, wie sie es einst selbst getan hatten, sprach Ruttensteiner von einer veränderten Gesellschaft, die veränderte Rahmenbedingungen erfordere.

Ruttensteiner war kein Held von Córdoba, sondern Volksschullehrer. Als Fußballer brachte er es auf ein paar Spiele in der Bundesliga, ehe ihn eine Achillessehnenverletzung stoppte. Er sei als Spieler eher der Kreative gewesen, erzählt er. Eine Art Stratege, damals Spielmacher genannt. Was er einst aufgeben musste, scheint er jetzt nachzuholen: Er will das Spiel machen. Vom Büro aus.

Ruttensteiner hat viel für den Nachwuchs geschaffen

Früher galten Fußballfunktionäre als dickbäuchig, volkstümlich und kumpelhaft. Ruttensteiner ist nichts davon. Er wirkt nicht arrogant, aber auch nicht nahbar. Seine Sätze trägt er schablonenhaft mit sanfter, tiefer Stimme vor. Er wirkt bedacht, überlegt, überlegen. Eine Kombination, mit der er sich im kernigen Fußballmilieu der frühen 2000er Jahre nicht nur Freunde machte. Er galt schnell als Oberlehrer.

Er tingelte auf Erkundungstour durch Europa. Ruttensteiner bemerkte, dass Zehn- bis Vierzehnjährige mangelhaft gefördert wurden, und initiierte Landesausbildungszentren. Eine Fußballakademie nach der anderen wurde aus dem Boden gestampft. Ruttensteiner organisierte dazu Individualtrainings für die Rohdiamanten des Landes. "Wozu brauchen wir das?", nörgelten Ligavertreter. Ruttensteiner argumentierte: "Wenn Kinder nicht mehr die Zeit haben, stundenlang am Tag Fußball zu spielen, muss das Training verdammt gut sein." Vor zehn Jahren hatte Österreich keine Handvoll Spieler im Ausland, heute gibt es sie im Überfluss.

Ruttensteiners Frau wohnt in Oberösterreich. An den Wochenenden pendelt er zu ihr. "Die nächsten eineinhalb Monate habe ich aber kein Wochenende frei." Es ist Ehrgeiz, der ihn antreibt. Auch damals als Lehrer. "Wir haben ein antiquiertes Schulsystem", sagt er. "Weniger Begabte werden mit Hochbegabten nach ein und demselben Lehrplan unterrichtet." Ruttensteiner schüttelt den Kopf. "Da sind wir im Fußball schon weiter." Als Volksschullehrer überzeugte er einst Eltern, aus ihrer Privatschatulle Montessori-Material um 50.000 Schilling zu kaufen. "Ich sagte: Wenn wir das haben, können wir die Kinder noch besser unterrichten."

Die nackten Zahlen sprechen für Ruttensteiner. In seinen 15 Jahren beim ÖFB fuhren Nachwuchsauswahlen 14 Mal zu einem großen Turnier, während die Nationalmannschaft auf der Stelle trat. Ruttensteiner wollte, dass das Herrenteam nach ähnlichen Mustern spielte wie der Nachwuchs. Aber die amtierenden Teamchefs entpuppten sich zumeist als Patriarchen. Hans Krankl sagte: "Beim Team kann nur einer das Sagen haben – das ist der Teamchef." Und Didi Constantini brummte: "Wenn einer mit 17 vom Berg runterkommt und alle deppert rennt, ist das auch in Ordnung. Da braucht es kein System." Kurz darauf war der Tiroler Teamchef. "Ich war bei Teamchefbestellungen nie eingebunden", erklärt Ruttensteiner. Er wollte mit dem Nationalteam zu den besten vorstoßen, durfte aber paradoxerweise als sportlicher Leiter nicht mitbestimmen. Den Teamchef suchten gesetzte Herren in Präsidiumssitzungen aus. Ruttensteiner wollte lange ein Spiel gewinnen, in dem er gar nicht bis vors Tor mitspielen durfte.

Erst sein Förderer, ÖFB-Präsident Windtner, ließ ihn vor vier Jahren ein Anforderungsprofil erstellen, in dem internationale Erfahrung ganz oben stand. Der Schweizer Marcel Koller passte hinein. Ruttensteiner überzeugte Windtner und Windtner seine Landesverbandskollegen im Präsidium. "Wenn der Teamchef scheitert, muss Ruttensteiner das Schicksal des Teamchefs teilen", urteilte der Tiroler Landespräsident Josef Geisler, im Zivilberuf Richter, während er sich über zu wenig Mitspracherecht beklagte.

Ob sich Josef Geisler entschuldigt habe? "Das muss er nicht", winkt Ruttensteiner ab. Fragt man ihn nach seinen Kritikern, schlängelt er sich geschickt um klare Antworten herum. Er weiß, dass er auch für seine nächsten Ideen Mehrheiten braucht. Die Landespräsidenten könnten jeden Vorschlag Ruttensteiners überstimmen.

Der sportliche Erfolg hilft dem ÖFB auch wirtschaftlich. 2014 hatte der Verband ein Budget von 27 Millionen Euro. Nun verhandelt er mit neuen Sponsoren, die Uefa lockt mit einer fetten Prämie, und der Werbewert des Teams, bislang 65 Millionen Euro, wird nach oben schnellen. Mit mehr Geld lässt sich vielleicht noch mehr bewegen, überlegt Ruttensteiner. "Vielleicht bis zur europäischen Spitze."

Bislang habe er seine Entscheidungen immer verteidigen müssen und sei immer kritisiert worden. Wirklich beliebt ist Ruttensteiner in Fußballerkreisen nicht. Vieles klingt nach persönlichen Befindlichkeiten, anderes nach reschem Umgang mit Mitarbeitern. Wer sich jetzt am meisten mit ihm freue? "Meine Familie", sagt er. "Und der Präsident Windtner." Ende der Aufzählung.

Während Teamchef Koller im Stadion die Herzen der Fans zufliegen, reibt sich Ruttensteiner im Kabinengang bloß die Hände. Nur nach dem 4 : 1 gegen Schweden lief er aufs Spielfeld. Er lief wirr im Kreis umher. Im Feiern wirkt Ruttensteiner noch ungeübt. Beim Wandern wurde er zuletzt von zwei Herren angesprochen. "Danke dafür, wie Sie den österreichischen Fußball entwickelt haben", sagten sie zu ihm. Ruttensteiner wirkt gerührt. "Wissen S’", sagt er, "so was bin ich ja gar nicht gewohnt".