Die Welt wäre humaner, wenn Angebot und Nachfrage bestimmen würden, wo Flüchtlinge leben. Wenn der Markt regeln würde, wer sie aufnimmt. Darauf läuft hinaus, was Ökonomen entwickelt haben, um Asylsuchende in Deutschland und Europa besser zu verteilen. Es ist eine typische Wirtschaftswissenschaftler-Idee. Sie erscheint kalt und herzlos, und wer möchte, kann ihr auch das Etikett "neoliberal" anheften. Trotzdem könnte sie helfen, Flüchtlinge tatsächlich gerechter und humaner zu verteilen als bisher.

Dass neue Regeln dringend nötig wären, ist unübersehbar. In Europa ist die Verteilung nach dem sogenannten Dublin-Verfahren faktisch gescheitert. Eigentlich müsste sich jeweils das Land um einen Asylsuchenden kümmern, in dem er zuerst den Boden der EU betritt. Danach wären vor allem Griechenland, Italien oder Malta vom Zustrom der Flüchtlinge betroffen – und wahrscheinlich überfordert. Aber längst winken sie und andere EU-Staaten Asylsuchende einfach durch, bis sie in Deutschland oder Schweden ankommen.

Eine Dauerlösung kann das nicht sein. Selbst Angela Merkel, die Wir-schaffen-das-Kanzlerin, erklärte in den vergangenen Wochen mehrfach, so gehe es nicht weiter, Europa benötige Regeln für eine "faire Verteilung". Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier forderten: "Wir brauchen einen dauerhaften europäischen Verteilungsschlüssel."

Es gibt auch schon Ansätze dafür. Ende September beschlossen die EU-Innenminister, in den nächsten zwei Jahren 120.000 Flüchtlinge aus EU-Grenzländern wie Italien und Griechenland umzusiedeln. Die EU-Kommission berechnete auf Basis der Bevölkerungsgröße, der Wirtschaftskraft und weiterer Faktoren, wie viele dieser Asylsuchenden andere EU-Staaten jeweils übernehmen müssen. Sie erhalten aus Brüssel für jeden Flüchtling eine Kostenerstattung in Höhe von 6000 Euro.

Dieser – einmalige – Verteilungsmechanismus sei "ein willkommener Schritt", aber er sei "unzureichend", meint der französische Ökonom Hillel Rapoport. Der Professor vom Centre d’Économie de la Sorbonne schlägt stattdessen ein dreistufiges Verfahren vor: Zuerst wird nach dem Schema der EU-Kommission eine Aufnahmequote für jedes Land berechnet. In der zweiten Stufe wird es erlaubt, diese Quoten gegen Geld zu tauschen. Vorbild ist der Emissionshandel. Bei ihm erhalten Firmen, die Kohlendioxid einsparen, Geld von Firmen, die dazu nicht in gleichem Maße in der Lage sind. So werden Emissionen dort reduziert, wo es am kostengünstigsten ist. Ähnlich wäre es bei den Flüchtlingen: Länder, die sich überfordert fühlen, ob aufgrund hoher Arbeitslosigkeit oder aus welchen Gründen auch immer, könnten Geld dafür zahlen, dass Länder, denen diese Aufgabe leichter fällt, mehr Flüchtlinge aufnehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Einen wichtigen Unterschied zu handelbaren Emissionsrechten gibt es allerdings, wie der Ökonom Rapoport betont: "Im Gegensatz zu Emissionspartikeln ist es Flüchtlingen nicht gleichgültig, wo sie hinkommen." Deshalb brauche es für ihr Verteilungsverfahren noch eine dritte Stufe: Alle Flüchtlinge geben dabei eine Rangfolge ihrer Wunschländer an. Anschließend wird nach dem Zufallsprinzip ein Flüchtling gezogen, der seinen Erstwunsch erfüllt bekommt, darauf folgt der nächste. Wenn ein Erstwunsch nicht mehr erfüllbar ist, kommt der jeweilige Zweit-, Dritt- oder Viertwunsch zur Geltung.

Rapoports Konzept sieht sogar vor, dass auch die Zielländer ihrerseits Wünsche angeben könnten – also etwa die bevorzugte Aufnahme von Flüchtlingen mit Kindern oder mit einer bestimmten Nationalität. Ein Verfahren, das die Interessen beider Seiten schließlich zusammenführt, ist kompliziert, es beruht auf Mechanismen, die der Nobelpreisträger Alvin Roth unter anderem für die Verteilung von Studienplätzen oder Organspenden entwickelt hat. Am Ende würde jedenfalls die größtmögliche Zahl an Flüchtlingen in einem Land landen, das sie aufnehmen will und in das sie selbst wollen. So, hofft Rapoport, würden Kosten minimiert und Integrationschancen maximiert.

Ein ähnliches, allerdings schlichteres Verfahren empfiehlt der Münchner Ökonom Volker Meier für die Verteilung von Asylsuchenden innerhalb Deutschlands. Bisher werden nur zwei Kriterien berücksichtigt: das Steueraufkommen und die Bevölkerungszahl der Bundesländer. Ob in einer Region Wohnungsnot herrscht oder Häuser leer stehen, ob es viele Arbeitslose gibt oder Fachkräftemangel, ob die örtliche Schule überfüllt oder halb leer ist, ob Einheimische helfen wollen oder Fremden feindlich gegenüberstehen – all das spielt keine Rolle. Meier, Professor am ifo Institut, schlägt nun vor, ein Bieterverfahren für die Aufnahme von Flüchtlingen einzuführen. Es soll helfen, alle örtlichen Informationen und Erwägungen in das Verteilungsverfahren einzubringen.

In Meiers Konzept müssten alle Gemeinden bestimmte Standards zur Unterbringung und Versorgung der Asylbewerber erfüllen, sie könnten aber Gebote dafür abgeben, zu welchem Preis sie bereit wären, einen Asylbewerber aufzunehmen. Städte, die bei sich besonders gute Integrationschancen sähen, würden tendenziell einen niedrigen Preis verlangen, erwartet Meier. Sie bekämen dann den Zuschlag. Auch bei diesem System sollen die Flüchtlinge vor allem dort landen, wo sie die geringsten ökonomischen und politischen Lasten verursachen – oder den größten Nutzen stiften.

Einige Experten für Migration befürworten solche Pläne, zumindest im Prinzip. So sagt Holger Kolb, Bereichsleiter im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration: "Die Verteilung über handelbare Quoten wäre ein überzeugendes System." Allerdings fügt er an: "Politisch wäre es aber Selbstmord." Zu leicht, fürchtet der Experte, könne dieses Modell skandalisiert werden. "Es wird dann heißen, man könne sich vom Asylrecht freikaufen." Womöglich wäre auch bald von "Menschenhandel" die Rede. Meier und Rapoport kennen solche Bedenken. Sie plädieren dennoch dafür, ihre Modelle einmal gründlich zu diskutieren.

Denn im derzeitigen europäischen System besteht ein massiver Anreiz, Flüchtlinge zu schikanieren oder zu vernachlässigen. Damit sie weiterziehen und ein anderer die mit ihnen verbundenen Kosten übernimmt. Wäre es da wirklich unsozialer, diese Kosten klar zu beziffern und fair aufzuteilen?