Was hat Martin Winterkorn nicht alles in Gang gesetzt, um Volkswagen zum weltgrößten Autobauer zu machen. Ganz besonders stolz waren die Vorstände in Wolfsburg auf ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung. Über elf Milliarden Euro waren es zuletzt und damit sogar mehr, als Samsung oder Microsoft im Jahr in Zukunftsprojekte stecken.

Nun weiß man seit dem Abgasskandal, dass Volkswagen wohl nicht immer so innovativ unterwegs ist, wie es das Forschungsbudget glauben macht. Jüngstes Beispiel: Die Wolfsburger könnten einen Trend verpasst haben, für den ausgerechnet Erzrivale Toyota steht.

Die Japaner präsentieren in diesen Wochen in Europa ihr erstes serienmäßiges Brennstoffzellenauto, den Mirai. Ein Auto, das fährt wie ein normales Auto und keine Schadstoffe ausstößt?

So zumindest lautet Toyotas Versprechen, das mit einigen Zahlen zementiert wird. Von einer Reichweite von 550 Kilometern wird berichtet, die Höchstgeschwindigkeit wird mit 175 Stundenkilometern angegeben. Die Automatik, der Tankvorgang und alles andere funktioniert so, wie man es von Autos mit Verbrennungsmotor gewohnt ist. Der Unterschied: Der Mirai schluckt kein Benzin oder Diesel und zapft keinen Strom aus der Steckdose – er tankt Wasserstoff, auch Hydrogen genannt.

Der Mirai, japanisch für Zukunft, gehört neben Hyundais iX35 zu den ersten in Serie hergestellten Brennstoffzellenautos der Welt. Toyotas Chefingenieur Yoshikazu Tanaka schwärmt begeistert von "einer neuen Ära der Mobilität". Anders als der Koreaner wurde der Mirai praktisch um den neuen Antrieb herumgebaut. Sein Start übertrifft alle Erwartungen.

Als der Wagen vor einem knappen Jahr auf Toyotas Heimatmarkt Japan in den Handel kam, gingen allein im ersten Monat 1.500 Bestellungen ein – weit mehr, als der Hersteller gehofft hatte. Im Frühjahr verkündete Toyota, das Fertigungsvolumen von 700 in diesem Jahr auf 3.000 von 2016 an zu erhöhen.

In Deutschland gehen Ende Oktober die ersten Mirais an die Kunden. Noch ist das ein recht exklusives Vergnügen. Nur 100 Einheiten wollte Toyota ursprünglich im ersten Jahr in ausgewählten europäischen Ländern absetzen.

Wer drin sitzt, wird schnell merken: Der Wagen fährt sich tatsächlich wie ein herkömmliches Auto, mit dem Vorteil, dass der Motor dank der Brennstoffzelle kaum zu hören ist. Die Reaktion des Wasserstoffs mit Sauerstoff in der Brennstoffzelle, die der Stromerzeugung für den Elektromotor dient, funktioniert praktisch geräuschlos. Hinten kommt nur Wasserdampf aus dem Auto. Als Nächstes fällt auf: Mit einem Preis von 80.000 Euro ist der Wagen so teuer wie ein Nobelschlitten, was er in vielerlei Hinsicht aber nicht ist. Die Geschwindigkeit reicht kaum an die eines Sportwagens, die Ausstattung lässt den Mirai nicht als Luxuskarosse durchgehen. In Deutschland gibt es das Auto vorerst nur im "Full-Service-Leasing" und kostet inklusive Wartung gut 1.200 Euro im Monat – es ist etwas für Technikpioniere. Für Menschen, denen die leise Fortbewegung und der Gedanke ans schadstofflose Fahren viel Geld wert ist.

Die Vorteile gegenüber klassischen Elektroautos liegen auf der Hand: Der Mirai ist in drei Minuten vollgetankt und muss nicht stundenlang an die Steckdose, die Reichweite übertrifft Elektroautos um Längen (herkömmliche E-Modelle fahren oft keine 200 Kilometer weit).

Das erste Auto, das mit einer Brennstoffzelle läuft, ist der Mirai nicht. Der koreanische Hersteller Hyundai bietet seinen Wasserstoffwagen iX35 schon seit Ende 2013 an, in Deutschland gibt es ihn für gut 65.000 Euro zu kaufen. Bis Ende des Jahres sollen hierzulande 120 Exemplare ausgeliefert sein. Andere Hersteller wie Fiat, Peugeot, Chrysler, General Motors und vor allem Mercedes haben seit Längerem Testflotten auf der Straße. Honda kündigt die Serienpremiere für 2016 an. Mercedes hat die Massenfertigung für 2017 versprochen. Und Volkswagen? Die Wolfsburger haben ein paar VW und Audi als Hydrogen-Testautos auf der Straße, warten aber mit der möglichen Serienfertigung ab. Sie beschäftigen schon heute Heerscharen an Ingenieuren, die sich mit der neuen Technologie befassen, aber Pionier wollten sie nicht werden. Schließlich fehle es vielerorts noch an Tankstellen für die neue Antriebsart, so die offizielle Sprachregelung.