DIE ZEIT: Bettina Reitz, als Verantwortliche für Spielfilme und Serien waren Sie eine Galionsfigur der ARD. Nun verlassen Sie das Fernsehen. Gibt es dort nicht mehr die Kultur- und Filmleidenschaft, die Sie antreibt?

Bettina Reitz: Das Angebot, die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen als hauptamtliche Präsidentin zu leiten, kam nun einmal gerade jetzt. Wäre die Anfrage nicht gekommen, wäre ich wahrscheinlich Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks geblieben. Aber ich verhehle nicht, dass ich die Zukunft des Films und der Serien innerhalb des öffentlich-rechtlichen Fernsehens skeptisch sehe. Zumindest einzelne Landesrundfunkanstalten wie der BR haben hier mit harten Einsparungen zu kämpfen. Salopp gesagt, fühlte ich mich irgendwann wie eine Art Sterbebegleiterin des klassischen Fernsehens.

ZEIT: Für Außenstehende ist nicht so einfach zu verstehen, weshalb das Fernsehen so hart sparen muss. Die Beiträge wurden doch erhöht.

Reitz: Mehreinnahmen liegen auf Sperrkonten. Die Budgets sind seit vielen Jahren eingefroren, die Ausgaben aber immer weiter gestiegen. Ein immenser Posten ist die Altersversorgung. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten gehen weitere Mitarbeiter in Pension, die in den Zeiten guter Personalausstattung eingestellt wurden. Hinzu kam eine aufwendige technische Entwicklung: unter anderem die Digitalisierung, die neu aufgebauten IT-Bereiche. All diese Ausgaben mussten wir erst einmal stemmen. Leider kann man an gar nicht so vielen Positionen einsparen, sodass es am Ende das Programm trifft. So bitter das ist.

ZEIT: Verzetteln sich die Sender nicht auch? Da fließt viel Geld in Web-Auftritte, in Apps, in Projekte zur Trimedialität, also zur Zusammenlegung von Fernsehen, Radio und Online. Es wird enorm viel herumgewurschtelt, ohne sich auf die eigentliche Stärke zu verlassen: das Programm.

Reitz: Das stimmt einerseits. Aber ich muss die Versuche der letzten Jahre verteidigen. Ob Web-Angebote etwas bringen oder nicht, kann man nur sagen, wenn man sie ausprobiert hat. Am Anfang wurde sogar gefordert, die Sender von allen digitalen Aktivitäten völlig abzuhalten. Nach dem Motto: "Die private Wirtschaft geht jetzt ins World Wide Web, und ihr macht mal schön klassisches Fernsehen." Aber die Politik musste einsehen, dass wir auch im Netz präsent sein müssen. Es gab eine ganz große Unsicherheit über das, was der klassische öffentlich-rechtliche Rundfunk darf. Und so wie er in Deutschland nach dem Krieg aufgebaut wurde, war er nicht sofort mit dem vereinbar, was sich der digital user so wünscht. Es war eine historische Umbruchphase.

ZEIT: Hätte man die Budgets also erhöhen müssen?

Reitz: Vonseiten der Politik hieß es: "Lernt erst einmal zu sparen!" Daher wurde das von ARD und ZDF gemeinsam entwickelte Jugendangebot viel zu spät freigegeben und ist nur online verfügbar. Die Jugend ist inzwischen längst von amerikanischen Angeboten "erzogen" worden – und das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat sie verloren.

ZEIT: Kann man sie zurückgewinnen?

Reitz: Unter anderem um diese Frage gemeinsam mit der Jugend zu beantworten, gehe ich zur Filmhochschule. Trotzdem überkommt mich da eine gewisse Melancholie, weil wir, wenn überhaupt, dann mit unseren Film- und Serienangeboten einmal die Chance hatten, den Kontakt zur Jugend zu halten. In diesem Bereich haben wir eine riesige Lücke hinterlassen, obwohl wir mit Serien wie Berlin, Berlin oder Türkisch für Anfänger mal ganz vorne lagen. Die Einbindung der Jugend ist aber eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der sich die Sender und die Politik gemeinsam hätten stellen müssen.

ZEIT: Warum ist das nicht geschehen?

Reitz: Man sollte die Kleinteiligkeit der Entscheidungen in einem Hörfunk- und TV-System wie der ARD nicht unterschätzen. Jeder agiert nach seinen Interessen, es gibt keine Gesamtstrategie. So haben wir auch zugelassen, dass die von uns gekauften Filme und Serien nicht in die Mediathek eingestellt werden dürfen. Es hieß, das verzerre den Wettbewerb mit den Privaten. Ich kann aber meinem achtzehnjährigen Sohn oder den HFF-Studierenden nicht erklären, dass wir coole Filme im Programm haben, die sie nicht mehr sehen können, weil sie den Sendetermin verpasst haben. Die wollen das, was sie interessiert, was im Netz diskutiert wird, nachholen können. Die Sender haben diese Möglichkeit des Diskurses mit den Jungen aktuell verloren.

ZEIT: Auch durch den starren Blick auf die Quote?

Reitz: Wir brauchen einen Rückhalt in der Bevölkerung, und den gibt es nun mal auch durch erfolgreiche Programme. Die Frage ist aber, wie viele solcher Erfolge wir brauchen und wie viel Spielerisches, Originäres, Überraschendes wir uns darüber hinaus leisten können.

Es droht ein Seniorenfernsehen

ZEIT: Wie lange wird es Fernsehprogramme und -programmierungen überhaupt noch geben?

Reitz: Das klassische, lineare Fernsehen, über das wir hier reden, ist ein Auslaufmodell. Die Menschen haben heute die Möglichkeit, ich weiß nicht wie viele Programme anzusehen und auch selbst herzustellen. Es geht eher darum, ein starkes Angebot publizistisch, auch über die Sozialen Netzwerke, als ein "Das-muss-man-sehen-Ereignis" anzukündigen.

ZEIT: Solange es das klassische Fernsehen noch gibt, muss es sich aber vorwerfen lassen, seinem Bildungsauftrag nicht nachzukommen.

Reitz: Da kann ich als Kulturliebhaberin kaum widersprechen. Wir haben die Kultur auf Spartenkanäle wie 3sat geschoben. Warum ist Sport fester Bestandteil der Nachrichtensendungen, Kultur aber nur in Ausnahmefällen? Meine eigenen Interessen, all das, was ich mit Freunden diskutiere, findet nicht genügend Widerhall. Meine Generation wurde noch mit einem Fernsehen groß, bei dem man abends eine Wundertüte aufgemacht hat, ohne zu wissen, was drin ist.

ZEIT: Die epochale Herausforderung wäre also, wieder mehr Vielfalt zu erreichen, ohne an der Kleinteiligkeit zu ersticken?

Reitz: Deutschland tickt anders als andere Länder. Hier hängt man an Ritualen wie der Tagesschau, der Sportschau oder dem Tatort. Und bei aller Kritik: Es gibt hier ein viel besseres öffentlich-rechtliches Fernsehen als in anderen Ländern. Trotzdem herrscht in den Sozialen Netzwerken ein Bashing. Es gibt einen immer größeren Spalt zwischen denen, die 50 plus sind und auf ihr Fernsehen nicht verzichten wollen, und denen, die 30 minus sind und den Tatort schauen, ohne sich darum zu scheren, wer ihn produziert. Wird der Abgrund nicht überbrückt, dann wird das System auseinanderbrechen. Dann wird es ein Seniorenfernsehen geben, namens Das Erste und ZDF – und ein digitales Angebot.

ZEIT: Was bedeutet Ihre Diagnose für das deutsche Kino, das ja von den Geldern der Sender abhängt?

Reitz: Sie bedeutet, dass sich das Kino und die Serien andere Unterstützer neben dem öffentlich-rechtlichen und dem privaten Fernsehen suchen müssen. Etwa Pay-TV und andere Anbieter wie Netflix oder Amazon. Diese Plattformen fangen nun an, selbst Kinoprojekte in Auftrag zu geben und auch ganz anders auszuwerten. Sie rücken in Bereiche vor, die lange Zeit das Alleinstellungsmerkmal des deutschen Fernsehens waren. Und das Fernsehen wird für das Kino einfach nicht mehr in derselben Weise attraktiv bleiben können.

ZEIT: Liegt es eigentlich auch am Einfluss des deutschen Fernsehens, dass die hiesige Kinolandschaft gerade nicht sonderlich in Form ist.

Reitz: Das ist zu einseitig formuliert. Aber auch da kranken wir an Einzelinteressen. Wo bleibt der Mut zu einer gewissen Größe für Kinofilme und auch für gute Serien? Größe im Denken, im Erzählen, in der Ausstattung. Das Miniland Dänemark ist mit seinen Filmen und Serien talk of the town. Sind die Dänen künstlerisch so viel freier? Nun, sie haben einen anderen Willen, mit ihren Filmen international Gesprächsstoff zu geben. Hierzulande genügt es den Machern oft, in einer kleinen Nabelschau am Ende irgendwie ihr Filmchen zu machen.

ZEIT: Wie lässt sich daran etwas ändern?

Reitz: Das Schlimme ist, dass man niemandem einen Vorwurf machen kann. Es haben sich keine Banden gebildet, die Filmförderer sind sympathisch. Aber die deutschen Produzenten hängen am Tropf der Fernsehanstalten und der Förderer und können nicht einfach sagen: Ich mach das Ding jetzt mal!

Kino funktioniert anders

ZEIT: Und wer soll Abhilfe schaffen? Die Politik?

Reitz: Auch, denn ich glaube, dass das System an seine Grenzen gekommen ist und dass es von innen heraus weder bei den Förderern noch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern verändert werden kann.

ZEIT: Was kann die Politik tun?

Reitz: Erstens: Die Gremien, die über die Filmfördergelder entscheiden, sollten verkleinert werden, und es sollte stärkere Rotation geben. In die Gremien müssen mehr Menschen berufen werden, die die innere Freiheit haben, ausschließlich über Qualität zu diskutieren. Einzelne Filme und vor allem die Drehbuchentwicklung brauchen mehr Geld und kein Gießkannenprinzip der Fördergelder.

ZEIT: Und zweitens?

Reitz: Am Ende müssen Produzent, Regisseur und Verleih entscheiden, wie der Film auszusehen hat. Wie groß der Einfluss des Fernsehens auf einen Kinofilm ist und wie fernsehmäßig er dann am Ende aussieht, hängt am einzelnen Redakteur. Hier gibt es hervorragende Beispiele, aber die Abhängigkeit bleibt immer. Das heißt, die Institutionen haben letztlich mehr Macht über die Qualität des Werkes als der Künstler selbst. Für Fernsehproduktionen mag das gehen. Aber Kino funktioniert eben anders.

ZEIT: Sie plädieren für eine inhaltliche Entflechtung von Fernsehen und Kino. Dabei waren Sie innerhalb der alten Verflechtung sehr erfolgreich.

Reitz: In den Sendern müssen aber immer mehr Aufgaben erfüllt werden, auch unter der Aufforderung zu mehr Transparenz. Es ist einerseits richtig, dass man weiß, wohin die Gelder fließen. Aber wenn Youngster ihre Visionen beim Fernsehen unterbringen wollen, dann stoßen sie auf eine Wand von Kontrollinstanzen. Alles wird durchgecheckt, damit auch das kleinste kreative Pflänzchen sich noch in gefühlten 20.000 Mails erklären muss.

ZEIT: Wird es in 20 Jahren in Deutschland noch ein öffentlich-rechtliches System geben?

Reitz: Ich bin immer noch davon überzeugt, dass dieses föderale öffentlich-rechtliche System als Folge unserer deutschen Geschichte richtig und wichtig ist. Die Vielfalt, die Unabhängigkeit, die künstlerischen Spielräume, das sind doch unschätzbare Güter, die wir – mit Veränderungen – in die Zukunft retten müssen.