Nicht allen Büchern bekommt es gut, wenn man sie zehn Jahre nach ihrem ersten Erscheinen nochmals liest. Die erneute Lektüre von Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt jedoch ist ein großes Vergnügen. Wieder bewundert man den Witz und die Intelligenz der höchst originellen und zugleich bizarren Geschichte. Es handelt sich um die fiktive Parallelbiografie zweier Geistesriesen des 19. Jahrhunderts, des Mathematikers Carl Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt. Die beiden kannten sich, sie haben miteinander korrespondiert, und es gab auf dem Höhepunkt ihrer Karriere eine Begegnung. Sie fand statt im September 1828 auf dem von Humboldt geleiteten Naturforscherkongress in Berlin.

Mit der Reise des reiseunlustigen und übermäßig schlecht gelaunten Gauß von Göttingen nach Berlin beginnt Kehlmanns Roman, und in der Folge werden wir Zeuge bedeutender Lebensepisoden der beiden Helden, der Expeditionen Humboldts in die sichtbare Welt des Kosmos und der Expeditionen des Wunderkindes Gauß in die unsichtbare Welt der Zahlen. Beide sind sie die Protagonisten einer neuen Epoche: Was wichtig ist, kann man messen, und je mehr gezählt, gemessen, katalogisiert und kartografiert wird, umso mehr enträtseln sich alle Geheimnisse. Die Menschheit gehe einer hellen Zukunft des Wissens entgegen – das jedenfalls glaubt Humboldt. Auch Gauß hielte das für möglich, wären nur die Zeitgenossen nicht so unerträglich dumm.

Mit postmoderner Ironie betrachtet Kehlmann diesen Optimismus. Und in der Tat hat die Besessenheit der beiden etwas Wahnsinniges. Sind nicht beide auf bezeichnende Weise deutsch, nämlich prinzipienfest bis zum Umfallen und systematisch bis ins Unmenschliche?

Kehlmann sammelt Anekdotisches und spitzt es auf seine unnachahmliche Weise zu. Die Pointen, die er dabei gewinnt, sind legendär. Man erinnere sich an Humboldts grotesken Versuch, sein liebstes Gedicht, Goethes Wandrers Nachtlied ("Über allen Wipfeln ist Ruh ..."), ins Spanische zu übersetzen.

Der entscheidende Kunstgriff des Romans, dass er die Personen nur in indirekter Rede sprechen lässt, hat einen doppelten Effekt. Einerseits gewinnen dadurch die zuweilen drastischen Szenen ein irreales Schillern, und man sieht gewissermaßen zwischen den Zeilen das Lächeln Kehlmanns. Und andererseits hat man nie den Eindruck, einen jener historischen Romane zu lesen, die so tun, als wäre ihr Autor bei der Besteigung des Chimborazo (Humboldt) oder der Entdeckung der Normalverteilung (Gauß) dabei gewesen.

Nein, Kehlmann war nicht dabei, und dies ist kein historischer Roman, sondern ein virtuoses Spiel mit Dichtung und Wahrheit. Die historischen Fehler, die dem Buch vorgeworfen werden, hat Kehlmann in poetischer Freiheit absichtsvoll eingebaut.

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt, Rowohlt, Reinbek 2005; 304 S., 19,90 €