Hielt man früher gern auf Ordnung, auf Disziplin und auch auf Treue, so sind nun seit einer Weile andere Sekundärtugenden gefragt, allen voran: Wandlungsfähigkeit. Immerzu, so das Mantra der Gegenwart, müsse der Mensch sich neu erfinden. Daher war es für Daniel Richter ein Glück, als ihm irgendwann nichts mehr einfiel. Er, einer der bekanntesten deutschen Maler, fühlte sich von der eigenen Kunst gelangweilt. Und er tat, was in solchen Fällen zu tun ist, er genügte der spätkapitalistischen Pflicht und erfand sich neu. Die Ergebnisse gibt es jetzt in Frankfurt zu besichtigen – ein Kabinettstück herrlich bunter Selbstwidersprüche.

Nun haben es ja die Maler nicht leicht, auch die erfolgreichen nicht. Immerhin aber stehen ihnen die Autokonzerne zur Seite, Škoda etwa, ein Unternehmen, das sich für den runderneuerten Richter so sehr begeistern kann, dass es als Sponsor auftritt und den Maler wie sein Maskottchen präsentiert. In seiner Kunst will sich, heißt es im Katalog, das unternehmerische Credo aufs Schönste erfüllen: "Niemals stillstehen, ständig in Bewegung bleiben."

Škoda wisse, "wie spannend Wandel ist" – und Richter weiß es selbstverständlich auch. Hello, I love you heißt seine Ausstellung.

Gut, über solche Tändeleien ließe sich hinwegsehen. Wenn nicht dieser Künstler, trotz aller Wandlungen, noch immer als ungebärdig gelten wollte, als aufmüpfig, widerborstig. Und nicht als ein Maler, der sich schmuck vermarkten ließe. Im Katalog heißt es, Richters Bilder seien "subversiver denn je". Was aber könnte das, Škoda-gestützt, bedeuten?

Noch immer zehrt Richter von seinem Ruf als irgendwie linker, irgendwie kritischer Kämpfer gegen das Establishment. Oft hat er die Schlachten der Straße ins Bild gesetzt, Punks, Flüchtlinge, eine geisterhafte Staatsgewalt. Doch nun hat er sein altes Personal vertrieben, das Erzählerische, Allegorische, jedes entzifferbare Oben und Unten – alles weg. Sogar den Pinsel hat er eingepackt. Gemalt wird jetzt mit Händen und Fettstift.

Daniel Richter hat sich neu erfunden: als ein Maler, der das Politisieren sein lässt. Der sich auf kunterbuntes Durcheinander verlegt, auf Liniengewölk, auf zartes Wischwisch und deftiges Gekrakel, gern von ein paar Zufallströpfchen übersät. Subversiv ist diese Kunst insofern, als Richter nicht länger der Herrscher im eigenen Bilderreich sein will. Er fasst die Formen nicht, er lässt sie frei. Er führt den Strich nicht, sondern gibt die strenge Kontrolle preis. Die Malerei soll walten – und sonst niemand. Ein fast schon anarchistischer Angang.

Natürlich kann das nicht gut gehen, das weiß Richter auch. Damit sich die Leinwand nicht umstandslos mit graubraunem Matsch füllt, folgt er ein paar Grundregeln. Mal überzieht er Bilder mit durchsichtiger Lasur und arrangiert darauf ein pastelliges Geschiebe frei geformter Schollen und Würste – was sich meist als ziemlich langweilig erweist. Für eine zweite Serie schmückt er Leinwände mit farbigen Querstreifen, und vor dieser Tapete toben sich wüste Kompositionen aus, verschlungene, verkeilte, zerrissene Formen. Hier meint man ein Knie auszumachen, dort grapscht eine Geisterhand durchs Bild, irgendwo glotzt ein hohläugiger Schädel.

So ganz mochte Richter eben doch nicht auf seine Figuren verzichten, nur dass sie jetzt nichts mehr aufführen, sondern als schillernde Restmenschen auftreten, grob zerlegt wie Hähnchen.

Im Katalog heißt es, bei der ersten Bilderserie handele es sich um Anspielungen auf territoriale Konflikte. Für die zweite habe sich Richter von pornografischen Bildern inspirieren lassen. Der Maler selbst will von dem einen so wenig wissen wie von dem anderen. Motive seien ihm gleichgültig, denn: "Malerei ist ja nicht interessant, weil da was drauf ist." Wichtig sei allein die Haltung, die in den Bildern aufscheine.

Das hört sich zunächst nach jener Selbstverachtung an, die viele Maler noch immer umtreibt. Spätestens in den achtziger Jahren kam es schwer in Mode, alles Wahrhaftige und Geglückte von den Leinwänden zu tilgen, meist durch spöttisch vorgetragene Lieblosigkeit. Überdeutlich ist Richter dieser Rotzigkeitsästhetik verhaftet, nur dass sie bei ihm eben nicht mehr nichts bedeuten soll, sondern eigentlich alles. Eben das, was er Haltung nennt und ebenso gut Tugend nennen könnte.

Kurios ist das schon, denn wenn seine Bilder etwas auszeichnet – die milde dahintreibenden Formen der Serie I wie die wüst kollidierenden der Serie II –, dann ist es Haltlosigkeit. Das Auge verliert sich rasch, weil es auf diesen Leinwänden nichts gibt, was die Spannung halten und die Aufmerksamkeit binden könnte. Die Flächen bleiben beziehungslos. Die aufgesetzten schwarzen Linien verlieren sich im Irgendwo. Mag der rhetorische Aufwand auch gewaltig sein – lautes Farbgerassel, hektische Formaufwallung –, am Ende dringt bei aller Erregung wenig durch.

Am Ende ist diese Malerei vor allem deshalb ermüdend, weil hinter Richters Haltlosigkeit ein Wille zur Inklusion aufscheint, neben der Wandelbarkeit eine der beliebtesten Tugenden der Gegenwart. Stets geht es um ein Sowohl-als-auch: Seine Bilder sind Malerei, aber dank der vielen Linien eben auch Zeichnung. Sie sind abstrakt und zugleich figürlich. Sie geben sich Regeln für den Hintergrund und sind vordergründig ungeregelt. Zelebrieren sich als Artefakte und wollen doch die Rahmen sprengen, die Richter sorgsam hat fügen lassen. Diese Kunst ist über- und unterladen.

Im besten Fall lässt sich das als eine Haltung des Non-Finito verstehen. In Richter Malerei zeigt sich die Welt als glücklich unvollendet, noch formbar, ungezwungen und offen. Nur ist gerade Offenheit in der Kunst meist ein anderes Wort für blanke Leere. Und die gefällt dann vor allem den Autokonzernen.

Bis zum 17. Januar in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt. Der Katalog kostet 28 Euro (www.schirn.de)