Die Zukunft der europäischen Sozialdemokratie beginnt auf halber Strecke zwischen Purzl’s Paradiesgartl und dem Café Voodoo. Hier, im Wiener Südwesten, sitzen an einem frühherbstlichen Morgen der österreichische Kanzler Werner Faymann, der schwedische Regierungschef Stefan Löfven und der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel zusammen beim Frühstück. Kaffee, belegte Brötchen, zwei Gewerkschaftsbosse am Tisch und draußen der dicht bebaute Arbeiterbezirk Meidling – mehr brauchen Spitzengenossen nicht, um sich basisnah zu fühlen. Gabriel erzählt in flüssigem Englisch von einem Treffen mit der indischen Energieministerin, da war er noch Umweltminister. "Wenn Ihr euch nicht ändert und die globale Ungleichheit nicht bekämpft", so habe sie ihm gesagt, "dann stehen unsere Kinder bei euch vor der Tür." Es seien zwar keine Inder, die nun kämen. "Aber sie hatte recht."

Die Flüchtlinge sind ein Thema, wie geschaffen für Sozialdemokraten. Die Verarmten, Entrechteten und Geschundenen strömen in ein Europa, in dem Arm und Reich immer weiter auseinanderdriften – und in dem die sozial Schwachen durch die Ankunft der Neuankömmlinge nur noch stärker unter Druck geraten. All das berührt das Selbstverständnis der Sozialdemokratie, definiert ihren Markenkern. Auf sie, so möchte man meinen, kommt es jetzt ganz besonders an.

Doch gerade in diesem Moment macht ihr eine neue linke Kraft den Platz streitig.

Fünf Spitzengenossen haben sich in Wien versammelt, um sich den Herausforderern zu stellen. Martin Schulz, der Präsident des EU-Parlaments, und Manuel Valls, Frankreichs Premier, waren am Abend zuvor auch dabei, da waren sie ganz unter sich, ohne Gewerkschafter, Pressesprecher und Mitarbeiter. Am Tag darauf sind Schulz und Valls bereits abgereist. Doch sie gehören mit Löfven, Faymann und Gabriel zum verschworenen Kern, zur "Fünferbande", wie Gabriel sie nennt. Fünf Sozialdemokraten, die sich an eine Aufgabe wagen, an der andere gescheitert sind: die Sozialdemokratie aus der Regierungsverantwortung heraus zu erneuern. Ist das nun der Weg ins Paradiesgartl – oder nur Voodoo?

Für linke Kritiker dieser fünf beginnt die Zukunft der Sozialdemokratie ganz woanders: bei einem 66 Jahre alten, graubärtigen Briten, der gern Pullover trägt und den immer mehr Menschen allein schon deshalb mit glänzenden Augen betrachten, weil er als neuer Labour-Chef das Gleiche sagt wie vor 40 Jahren Jeremy Corbyn. Bei einem linken Griechen, dessen Widerspenstigkeit den europäischen Partnern gegenüber seine Landsleute mit der Wiederwahl als Regierungschef belohnten: Alexis Tsipras. Und bei dem Chef einer spanischen Gruppierung, von der Europa nicht so recht weiß, ob es sich um eine Bewegung oder eine Partei handelt und die gerade das Land von links aufrollt: Pablo Iglesias, dem Anführer von Podemos. Und viele hoffen, dass aus diesem wilden Mix aus Corbyn, Tsipras und Iglesias etwas Neues entsteht. Etwas, das fasziniert und begeistert und den Traditionssozis raubt, was sie für August-Bebel- und Jean-Jaurès-gegeben halten: den Anspruch, die Welt zu verändern.

Was will die Sozialdemokratie in Zukunft sein? Das ist die Frage, um die es geht. Eine Kraft, die sich dem Machtgebaren von Putins Russland entgegenstellt oder sich ihm beugt? Eine Kraft, die Friedenspolitik als Verpflichtung zu militärischer Abstinenz versteht oder zum militärischen Schutz bedrohter Völker? Eine Kraft, die in dem Moment, in dem mit den Armen auch das Dilemma einer ungleichen Welt vor der Tür steht, internationale Solidarität lebt – oder eine, die sich auf den Schutz ihrer nationalen Klientel zurückzieht?

Die europäische Sozialdemokratie hat – entgegen ihrem Anspruch – die Kluft zwischen Erster und Dritter Welt auch deshalb nie zur Priorität erhoben, weil sie sich stets auf die deutlich kleinere Kluft zwischen Arm und Reich in ihren eigenen Ländern konzentrierte. Jetzt aber stehen die Armen aus dem Rest der Welt plötzlich im eigenen Land. Das neue Flüchtlingsproblem verbindet sich mit der alten Frage nach Gleichheit und Gerechtigkeit. Sozialdemokratisch wäre es, in dieser Situation eine Frage zu stellen, die der größte Teil der europäischen Sozialdemokraten in ihrer Fixierung auf die politische Mitte schon lange nicht mehr gestellt hat: Wie viel holen wir uns eigentlich bei den Reichen?

Das Wahljahr 2015 hat beste Chancen, als annus horribilis in die Geschichte von Europas Sozialdemokratie einzugehen: Niederlage reihte sich an Niederlage; nach Griechenland kam Finnland, dann Großbritannien, Dänemark und Portugal. Selbst dort, wo die Genossen den Regierungschef stellen, herrscht Trostlosigkeit: In Frankreich stellt François Hollande den Präsidenten auf Abruf, dem österreichischen Kanzler Werner Faymann laufen die Wähler davon. Allein der schillernde Italiener Matteo Renzi sowie der Schwede Stefan Löfven ragen aus der Tristesse heraus. Doch auch sie können die bittere Erkenntnis nicht versüßen: Europas Genossen sind schwach wie nie.

Die Fünferbande um Gabriel und Valls will das ändern. Vor eineinhalb Jahren traf sich die Gruppe zum ersten Mal, in einer Jagdhütte in den schwedischen Wäldern, in der einst die Überväter Willy Brandt, Olof Palme und Bruno Kreisky das goldene Zeitalter der Sozialdemokratie gefeiert hatten. Zwei weitere Treffen folgten, im französischen Évry und in Wien. Beim SPD-Parteitag im Dezember werden die fünf auf dem Podium Europas Zukunft erörtern. Und sofern es die Terminkalender zulassen, wollen sie zuvor in Goslar zusammenkommen, in Sigi-Town. Fünf Strategiepapiere haben die fünf mittlerweile intern ausgetauscht: zu Wirtschaftswachstum und Innerer Sicherheit (beide Valls), zur Finanzpolitik (Faymann und Gabriel), zum sozialen Europa (Löfven) und zur Flüchtlingspolitik (Schulz). Von einer Wirtschaftsregierung in der Euro-Zone ist die Rede, von einer europaweiten Energiewende, von einer europäischen Fiskal-Union. Und in der Frage, die derzeit alle bewegt, setzen die Genossen einen ersten Punkt: ein europaweit einheitliches Asylrecht. Das wäre ein großer Schritt auf dem Weg zu einer abgestimmten Flüchtlings- und Immigrationspolitik von Portugal bis Polen.

Im Aufschieben wichtiger Vorhaben allerdings haben es die deutschen Genossen zu großer Meisterschaft gebracht. Die SPD hat in 13 der vergangenen 17 Jahre entweder den Kanzler oder den Vizekanzler gestellt. In diese Zeit fallen die Finanz-, Wirtschafts-, Griechenland- und Flüchtlingskrisen. Die lauthals angekündigte Bankenregulierung blieb aus, Banker streichen weiter satte Boni ein, die Risiken bleiben bei den Steuerzahlern. Vom Ende des Merkelschen Spardiktats, Kernforderung des letzten Wahlkampfs, war am Ende auf der Kabinettsbank genauso wenig übrig wie von der Forderung nach linker Solidarität. Zudem hat die SPD bei einem Urversprechen der Sozialdemokratie versagt, nämlich dem nach einem Aufstieg, der auf eigener Leistung basiert: Nicht nur der Unterschied zwischen Arm und Reich ist größer geworden, auch die Gesellschaft ist immer undurchlässiger geworden. Ob Sozialdemokraten regieren, mitregieren oder auf den Oppositionsbänken sitzen, macht letztlich keinen großen Unterschied. Wer einen Unterschied aber nicht deutlich machen kann, weckt weder Fantasien noch Sehnsüchte. Das ist der eigentliche Grund des sozialdemokratischen Elends, in Deutschland und in Europa.

In die Fantasie- und Sehnsuchtslücke stoßen Corbyn, Tsipras und Podemos. Sie verbindet die Absage an eine als ungerecht, oft zynisch empfundene Austeritätspolitik. Die Kritik am Freihandel sowie der Glaube an einen starken Staat. Sonst gibt es nicht viele Gemeinsamkeiten.

Podemos beruft sich auf eine lateinamerikanische Tradition und stellt ihren Chef in eine Reihe mit Che Guevara und Hugo Chávez. Syriza-Chef Tsipras flirtet bisweilen mit Moskau. Corbyn konzentriert sich ganz auf Großbritannien. Ob die drei Einzelspieler bleiben oder zu einer gemeinsamen Kraft zusammenwachsen, ist nicht ausgemacht. Als Projektionsflächen für linke Sehnsüchte funktionieren sie jedenfalls.

Worin die Sehnsucht genau besteht, bleibt zwar vage, doch hindert sie das nicht daran, stärker zu werden. Nicht zufällig ist sie an zwei Orten besonders ausgeprägt: dort, wo sich die Sozialdemokratie unverfroren zum Büttel der Finanzwelt gemacht hat, in Großbritannien also. Und zum anderen dort, wo die Wirtschaftskrise besonders tiefe Wunden geschlagen hat, in Griechenland und in Spanien. Trotzdem ist die Sehnsucht nicht allein mit dem Hinweis auf Arbeitslosigkeit, Altersarmut und Perspektivlosigkeit zu erklären.

Sowohl Podemos-Chef Pablo Iglesias als auch Labour-Chef Jeremy Corbyn formulieren einen moralischen Anspruch, den die etablierte Politik gar nicht mehr wagt zu erheben – und das begeistert Europas Jugend.

Dazu passt ein Stil, der authentisch wirkt, ganz im Gegensatz zu all dem plastikhaften und durchinszenierten Modernismus, den die meisten anderen Parteien heute für attraktiv halten. Ein verbeultes Cordsakko oder eine verwaschene Jeans machen zwar noch keine besseren Gesetze, sie signalisieren aber mehr als eine rein äußerliche Unterscheidung – die Aussicht nämlich, dass es eben doch eine andere Politik geben könnte. "A kinder politics", eine freundlichere Politik, so sagt es Jeremy Corbyn.

Auf Glamour müssen die Cordsakko-Träger der kinder politics dennoch nicht verzichten. Nur wird er nicht von PR-Strategen inszeniert – er strahlt von Wirtschaftsnobelpreisträgern und Starautoren ab. Zum Beraterkreis Corbyns zählen sowohl Joseph Stiglitz als auch Thomas Piketty, der Franzose berät Podemos und Syriza. Eine linke Intelligenzija aus aller Genossen Länder liefert den ideologischen Glanz. Sie stellt die großen Fragen: nach den Strukturfehlern des Kapitalismus, nach einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung. Diese Mischung aus Demut und Übermut, eine Art radical chic im Wollpullover, fasziniert selbst Konservative wie den deutschen Historiker Paul Nolte. "Was immer man davon hält", schreibt er, "das ist eine der faszinierendsten politischen Dynamiken der Gegenwart: die Welle einer populistisch-sozialistischen Renaissance der Linken."

Den Neuen mag man vorwerfen, sie bezauberten die Leute bloß stilistisch. Was aber wäre bezaubernd an den Alten? Verblichen ist der Glanz der klassischen Sozialdemokraten; Ende der 1990er Jahre beschritten Gerhard Schröder und Tony Blair einen "Dritten Weg", der Ökonomie und Soziales versöhnen sollte.

Heute reüssiert Corbyn als Anti-Blair. Er möchte den Globalisierungsdruck beantworten, indem er Unternehmen verstaatlicht, Großbritannien aus der Nato und vielleicht aus der EU führt. Er setzt damit auf einen linken Nationalismus – im Gegensatz zum traditionellen linken Internationalismus. Corbyn bewegt sich ins allzu Kleine hinein. Ganz anders Tsipras. Der forderte von Europa eine Politik ein, die zu seinem Sieg in Griechenland passte – Tsipras stürmte ins allzu Große hinaus. In dieser Spannbreite zwischen zu klein und zu groß könnten sich die Neuen verlieren, bevor sie richtig begonnen haben. Zudem müssen sie beweisen, dass linkes Regieren funktionieren kann.

Versprochen haben das schon andere. Zum Beispiel François Hollande. Im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 war er mit einem Programm angetreten, das vieles von dem enthielt, was heute Corbyn oder Tsipras formulieren. Der Sozialist versprach höhere Steuern für Besserverdiener, die Schaffung von Arbeitsplätzen und ein europäisches Investitionsprogramm, das Ende der Austerität. Es ist dann doch anders gekommen. Frankreich hat seine Wirtschaftskrise nicht überwunden; die Sozialisten sind gespalten – und Hollande steht in Europa heute dort, wo sein konservativer Vorgänger Nicolas Sarkozy am Ende auch stand: fest an der Seite Angela Merkels. Die Attraktivität der neuen Sehnsuchtslinken ist nicht zu erklären ohne die Enttäuschung über die real regierende Linke. Und heute, nach dem Untergang der Sowjetunion, kann man in Europa munter linksradikal sein, ohne sich gleich gegen den Stalinismusverdacht wehren zu müssen.

Trotzdem gerät sich die alte Sozialdemokratie immer wieder selbst in die Quere. Und keiner kann das so gut wie der Initiator der Fünferbande, Sigmar Gabriel. Kaum hat sich der SPD-Chef als Muster-Europäer positioniert, geht mit ihm der Populist durch: Wollen die Deutschen den Grexit, drängt Gabriel die Griechen dazu. Haben die Deutschen Angst vor zu vielen Flüchtlingen, fordert er Obergrenzen. Wollen sie mit Russland enger zusammenarbeiten, schlägt Gabriel ein Ende der Sanktionen vor – und stärkt damit eine Position seiner linken Konkurrenz.

Der Kampf zwischen Pragmatikern und Sehnsuchtslinken um die Seele der Sozialdemokratie bleibt so lange offen, wie Gabriel und seine Genossen das vermissen lassen, was Wähler am meisten schätzen: eine feste Haltung. Alles andere ist Voodoo.