Hans-Werner Sinn hat in der ZEIT Nr. 41 argumentiert, dass der Flüchtlingsstrom begrenzt werden muss, weil er das Land sonst überfordert. Diese Woche entgegnet David Folkerts-Landau, dass die Flüchtlinge Deutschlands Zukunft sichern.

Deutschland dürfte in diesem Jahr die USA als Einwanderungsland Nummer eins ablösen. Damit befindet sich das Land inmitten einer historischen Weichenstellung, deren Tragweite wohl mit der Wiedervereinigung verglichen werden muss. Es wäre falsch, nicht besorgt zu sein. Jede Gesellschaft tut sich mit einer großen Einwanderungswelle zunächst schwer – insbesondere Länder, die wie Deutschland ein stabiles sozioökonomisches Gefüge und eine starke Ordnungsliebe haben. Zuwanderung untergräbt die alte Ordnung und verändert unser Leben nachhaltig. Wir werden aus der Komfortzone gedrängt.

Zuwanderung schafft, wie Freihandel, Gewinner und Verlierer. In beiden Fällen fließt der Nutzen zunächst eher dem Faktor Kapital als der Arbeit zu, da zusätzliche Hände den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt verschärfen. Gesellschaftliche Errungenschaften wie soziale Sicherung und Bildungssystem geraten zunächst unter Druck, da Zuwanderer Leistungen benötigen, ohne gleich entsprechende Steuern und Versicherungsbeiträge zu erbringen. Daher müssen wohl einige der Regeln am Arbeitsmarkt und der sozialen Sicherung überprüft werden. Erschwerend kommt hinzu, dass Zuwanderung in Wellen hereinbricht und nicht in einem geordneten Strom verläuft. Auf Deutschland werden daher gewaltige Integrationsanstrengungen zukommen.

Weit stärker ins Gewicht fallen allerdings die enormen politischen und ökonomischen Vorteile der Zuwanderung. Diese hat das Potenzial, unsere Wirtschaft nicht nur zu erneuern, sondern über Generationen hinweg Wohlstand zu sichern. Nur durch massive Zuwanderung wird es Deutschland gelingen, langfristig seinen Lebensstandard und einen Platz unter den drei bis vier wichtigsten Ländern in der Welt zu sichern. Die Kosten der Integration sind also eine kluge Investition in die Zukunft.

So stehen Länder mit hohen Immigrationsanteilen besser da als Staaten mit weniger Zuwanderern. Kulturell diversifizierte Gesellschaften sind lebendiger, sozial flexibler, innovativer, anpassungsfähiger und wandlungsbereiter. Solche Volkswirtschaften weisen dadurch eine größere soziale und wirtschaftliche Mobilität auf, was Produktivität und Produktionswachstum fördert. Immigranten stellen eine Bereicherung dar: Sie suchen etwas Besseres, sehnen sich nach Freiheit und wissen, dass sie sich all das erst erarbeiten müssen.

Deutschland hat eine erfolgreiche Einwanderungsvergangenheit

Gerade Deutschland braucht Zuwanderer. Wir stehen vor einem ernsthaften Problem der Überalterung. Wenn sich nichts ändert, erwartet uns eine Zukunft mit weniger Arbeitskräften und mickrigen Wachstumsraten. Die Älteren werden an politischer Macht und Einfluss gewinnen. Deutschland wird zu einem statischen, risikoscheuen und in sich gekehrten Land. Besitzstände zu wahren wird wichtiger sein als Neues zu schaffen.

Als alternde Gesellschaft läuft Deutschland Gefahr, den Anschluss zu verpassen. Wer wird dafür sorgen, dass neue Branchen entstehen? Die globale Technologiebranche ist eine junge Industrie, die von jungen Menschen geschaffen wurde und deren Produkte von jungen Menschen nachgefragt werden. Der Börsenwert der drei größten Technologiekonzerne der Welt übertrifft zusammengenommen den Wert aller Dax-Unternehmen.

Auch ohne Zuwanderung würde es Deutschland noch eine ganze Weile gut gehen. Nicht zuletzt weil unser Mittelstand die weltweit wachsende Mittelschicht weiterhin mit hochwertigen Konsum- und Investitionsgütern versorgen wird. Doch ist es gerade dieser vermeintliche Mangel an Dringlichkeit, der bei Politikern und Bürgern die Illusion nährt, den Status quo beibehalten zu können.

Ohne nennenswerte Nettozuwanderung würde die Zahl der Erwerbstätigen über die nächsten zehn Jahre um rund 4,5 Millionen schrumpfen. Das Wirtschaftswachstum würde von derzeit im Schnitt 1,5 auf rund 0,5 Prozent sinken. 2030 wäre voraussichtlich ein Zustand der Stagnation erreicht. Unser heutiges Wohlfahrtssystem kann jedoch bei einer alternden Bevölkerung nur aufrechterhalten werden, wenn die Wirtschaft längerfristig um mehr als zwei Prozent im Jahr wächst. Sonst sind in den sozialen Sicherungssystemen, insbesondere im umlagefinanzierten Rentensystem, Leistungskürzungen unvermeidlich.

Allein um die derzeitigen Wachstumsraten zu halten, muss die Zahl der Zugezogenen auf ein Fünftel der Bevölkerung anwachsen. Das wird unsere Willkommenskultur bis aufs Äußerste belasten. Doch auch die Massenauswanderung irischer Bauern nach Amerika Mitte des 18. Jahrhunderts traf dort auf heftigen Widerstand. Gleichwohl war ihr langfristiger wirtschaftlicher Nutzen immens. In den Jahren von 1830 bis 1910, in denen Immigranten ein Drittel des Bevölkerungswachstums in den USA ausmachten, wuchs die Wirtschaft geschätzt um 280 Prozent schneller als ohne Einwanderer.

Auch Deutschland hat eine erfolgreiche Einwanderungsvergangenheit. Trotz der enormen Zerstörungen der Kriegsjahre bestand die Bevölkerung der Bundesrepublik 1950 zu nahezu einem Fünftel aus Flüchtlingen und Vertriebenen. Über die folgenden 50 Jahre entfielen mehr als 80 Prozent des Bevölkerungswachstums in Deutschland auf Nettomigration. Deutschlands Erfahrungen mit der Zuwanderung belegen, dass unser Land über eine belastbare institutionelle Infrastruktur, einen verlässlichen Rechtsstaat verfügt und die Bereitschaft besitzt, sich kulturell zu öffnen.

Die Zuwanderung wird Deutschlands wirtschaftliche Vorreiterrolle in Europa – nachdem die Anlaufschwierigkeiten überwunden sind – über Jahrzehnte festigen. Wenn das Land mit gutem Beispiel vorangeht, wird es auch seine europäischen Nachbarn überzeugen können, ihre Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit zu verbessern und ihre sozialen Sicherungssysteme nachhaltiger zu gestalten. Deutschland hält die Chance in den Händen, seinen Ruf als globales wirtschaftliches "Powerhaus" zu festigen und kann längerfristig wieder zu dem wissenschaftlichen und kulturellen Zentrum werden, das es einmal war. Mit ihrem Bekenntnis zur Zuwanderung könnte Angela Merkel einer der großen Staatsführer werden, die Deutschland weit über die eigene Generation hinaus verändert haben.

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