Mal eine Frage: Haben Sie in diesem Jahr Flüchtlingen geholfen? Haben Sie ihnen Kleider gespendet, Geld, vielleicht auch Zeit? Falls ja, befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Denn die Deutschen sind ein Volk der Hilfeleistenden in diesen Wochen. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage hat sich fast die Hälfte der Bundesbürger seit Jahresbeginn aktiv an der Flüchtlingshilfe beteiligt. Wer kann, der hilft, quer durch die Bevölkerung. Allein in den Hamburger Messehallen haben an manchen Wochenenden tausend Freiwillige Kleider sortiert.

Eine andere Frage: Haben Sie in diesem Jahr Obdachlosen geholfen? Haben Sie ein paar Euro oder einen Becher warmen Kaffee in eine bittende Hand gegeben? Haben Sie in irgendeiner Form eine Obdachloseneinrichtung unterstützt? Sehr wahrscheinlich haben Sie das nicht.

Während sich für Flüchtlinge ganze Messehallen mit Kleiderspenden füllen, an Bahnhöfen Essen verteilt wird und Tennishallen als Schlaflager dienen, werden andere Bedürftige, so scheint es, vergessen. Die Aufmerksamkeit der Deutschen ist begrenzt.

Ein Beispiel: Im Keller des ehemaligen Hafenkrankenhauses im Hamburger Stadtteil St. Pauli können Menschen, die kein Dach über dem Kopf und auch sonst nichts haben, kostenlos frühstücken, zu Mittag essen, duschen, sie können Klamotten bekommen, ärztliche Versorgung, ein offenes Ohr.

Doch für die Geschäftsführerin des Cafés mit Herz, Margot Glunz, wird die fehlende Aufmerksamkeit der Deutschen allmählich zum Problem. 14.000 Euro im Monat braucht Glunz, um ihr Café am Laufen zu halten. Das Geld bekommt sie ausschließlich aus Spenden. Seit einigen Wochen aber kommt bei Glunz außer der Spende eines Unternehmens kein Geld mehr an. Gar keins. Wenn das so weitergehe, sagt sie, sei an Weihnachten "Feierabend".

Nicht nur ihr geht es so. Egal, wo man dieser Tage nachfragt, das Szenario ist dasselbe: Gefangenenhilfe, Kinderhospize, Tierheime – überall sind die Spenden radikal eingebrochen.

Es geht dabei nicht darum, die eine Hilfe gegen die andere aufzuwiegen. Am wenigsten können die Flüchtlinge selbst dafür, dass sie Hilfe brauchen. Und die Deutschen? Sie wollen helfen, mit aller Kraft und Konsequenz, und dann ist es doch auch wieder nicht richtig. Jedenfalls nicht nur. Es ist ein Dilemma.

Neu ist das Phänomen nicht. Bei jeder größeren Katastrophe verhalten sich die Deutschen ähnlich: Sie spenden kollektiv alles an dieselbe Stelle und vernachlässigen die anderen. Die Deutschen, das kann man sagen, sind Hype-Spender. Bei dem Tsunami 2004 waren sie das, bei den Flutkatastrophen 2002 und 2013, bei dem Erdbeben in Haiti 2010. Dieses Mal jedoch gibt es einen Unterschied. Naturkatastrophen sind zeitlich begrenzt – doch kein Mensch weiß, wie lange noch Flüchtlinge nach Deutschland kommen und auf Hilfe angewiesen sein werden.

Die Ursache für das schwarmhafte Spendenverhalten, sagt Jürgen Schupp, der sich als Sozialwissenschaftler mit der Psychologie des Spendens beschäftigt, liege schlicht in der Macht der Nachrichtenbilder. "In dem Moment, wo das Leid in die Wohnstuben kommt, fangen die Menschen an zu spenden", sagt er. Gewissermaßen, um das Leid wieder aus dem Wohnzimmer herauszubekommen. Obdachlose hingegen kommen nur sehr selten in Form von Nachrichtenbildern zu uns ins Wohnzimmer, sie sitzen am Straßenrand, unter Brücken und auf Parkbänken. Orte, die sich leichter ausblenden lassen als das Fernsehprogramm oder die Titelseite einer Zeitung.

In Deutschland beginnt jetzt wieder die Spendenhauptsaison, sie dauert bis Weihnachten. Viele Organisationen sammeln mehr als ein Drittel ihres Budgets in dieser Zeit ein, manche sogar noch deutlich mehr. Der Deutsche ist sozusagen Gutmensch von Oktober bis Weihnachten.

Und was er in dieser Zeit nicht spendet, spendet er oftmals gar nicht. Für viele Organisationen geht es deswegen in den nächsten Wochen um alles. Auch für Margot Glunz und ihr Café mit Herz.

Flüchtlinge - An der Tafel haben alle Platz