"Nein, gemessen an anderen großen Rädern, die wir gerade drehen – nehmen wir nur die Energiewende –, muss uns dieses nicht schrecken. Zumal die deutsche Haushaltsführung seriös genug ist, um uns vorzuwarnen, sollten wir wirklich einmal zu großzügig geworden sein. Bis dahin freilich ist es noch weit."

So stand es im April in der ZEIT. Es ging um die Frage, was wir den Flüchtlingen schulden und was denen, die schon hier leben. Darf man Zuwanderung begrenzen? Muss man, geht das überhaupt? Das war damals eine eher hypothetische Frage, wir haben sie in zwei Fraktionen durchgespielt, intern "Fundis" und "Realos" genannt. Inzwischen ist die Wirklichkeit fast schon weiter, als wir damals dachten.

Die aktuellen Probleme und Ängste hätten "wirklichkeitsfremde Abgrenzungswünsche" und "Gewaltfantasien" geweckt, hat unser Kollege Bernd Ulrich in seinem Text Naivität des Bösen in der vorigen Ausgabe (ZEIT Nr. 41/15) geschrieben. Und nicht alles, was schmutzig sei, sei Realpolitik. Stimmt. Aber umgekehrt gilt auch: Nicht alles, was Realpolitik ist, ist deshalb schon schmutzig.

Entscheidend ist nicht, was der eine oder die andere für schmutzig hält, entscheidend sind auch nicht Mutmaßungen darüber, ob wir das schaffen oder nicht (wann hätten wir "es" eigentlich geschafft?). Entscheidend ist vielmehr: Was hilft bei der Integration der Flüchtlinge, bei der Begrenzung der Zuwanderung, bei der Bekämpfung der Angst, die sich gerade breitmacht? Und was hilft nicht?

1. Es gibt eine Obergrenze

Seit Tagen tobt eine Debatte darüber, wie viele Flüchtlinge Deutschland maximal im Jahr aufnehmen könnte. Eine halbe Million, achthunderttausend, eine Million? Politiker winden sich, wenn sie eine exakte Zahl nennen sollen. Manche, wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, wollen in Wahrheit nur die Aussage: Jetzt ist es genug, wir können keinen mehr reinlassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Das Grundrecht auf Asyl kenne keine Obergrenze, erwidert die Kanzlerin kühl. Das ist zwar juristisch korrekt, aber es heißt eben auch nicht, dass Deutschland jeden Zuwanderer aufnehmen muss. Denn zum einen haben viele derer, die jetzt kommen, keinen Anspruch auf Asyl. Und zum anderen gibt es keine Verfassungspflicht, Unmögliches zu leisten. Noch ist es nicht so weit, aber Deutschland operiert im Moment am Rande der Überforderung.

Natürlich gibt es eine Obergrenze dessen, wie viele ein Land aufnehmen kann. Jedenfalls wenn jeder Neuankömmling einen warmen Platz zum Schlafen haben soll, wenn man verhindern will, dass Ghettos und Parallelgesellschaften entstehen. Das alles kostet enorm viel Kraft. Und es kostet viel Geld. Für zusätzliche Lehrer, Ärzte, Sozialarbeiter, Dolmetscher, für Sprachkurse und neue Stadtviertel. Wer jetzt schon wie die Kanzlerin erklärt, das alles werde aus dem laufenden Etat zu bezahlen sein, der garantiert im Grunde nur eines: dass die Aufnahmefähigkeit früher erschöpft ist.

Trotzdem ist die Debatte um eine fixe Obergrenze sinnlos. Denn was würden wir machen, wenn die Obergrenze erreicht ist?

2. Grenzen helfen. Und sie sind wichtig

Die Grenze konstituiert den Staat. Nicht allein, aber ein Staat ohne Grenzen funktioniert nicht. Der Staat darf die Grenzen nicht aufgeben. Denn ein Staat, der die Grenzen nicht mehr sichern kann, verliert das Vertrauen seiner Bürger. Und damit sein Fundament. Auch viele ehemals Linke fordern nun mehr Polizisten und rufen nun nach einem starken Staat. Aber ein Staat, der seine Grenzen nicht kontrollieren kann, ist kein starker Staat.

Kurioserweise jedoch wird in Deutschland kaum darüber diskutiert, wie man die Grenzen sichern könnte, sondern vorwiegend darüber, was nicht geht. Die Kanzlerin erklärt in Luther-Pose: keine Zäune, keine Mauern! Die SPD will keine Transitzonen, wie sie die Union gerade erwägt: Solche "Massenlager" seien verfassungswidrig. Eine abschreckende Behandlung von Flüchtlingen dürfe es nicht geben, schreibt Bernd Ulrich. Nur: Wer will das denn? Von den ernst zu nehmenden politischen Verantwortlichen jedenfalls niemand.

Deutsche Beamte dürfen nicht mit Gummiknüppeln auf unbewaffnete Flüchtlinge losgehen oder gar auf sie schießen, um sie an der Einreise zu hindern. Aber der Verzicht auf das letzte Mittel zwingt nicht zum Verzicht auf alle Mittel. Was also könnte man tun?