Der Fußballplatz ist ein Acker, und der Acker ist schräg. Der Acker ist buckelig. Und obwohl er in England liegt: Von einem englischen Rasen scheint hier, im Norden des Landes, im rauen Sheffield, noch nie jemand was gehört zu haben. Dabei sollte von allen Fußballplätzen der Welt doch dieser den prächtigsten englischen Rasen haben! Er ist der älteste von allen. Der Ursprung dieses Sports. Das erste Fußballspiel nach modernen Regeln fand hier statt, 1857. Ein historischer Ort.

Wie, zum Teufel, kann es sein, dass dieser Platz so heruntergekommen ist?

Versteht er nicht, sagt Robert Zitzmann. Kann er nicht verstehen. Es nieselt an diesem Tag im September. Graue Wolken umhängen die braunen Schornsteinspitzen der braunen Backsteinhäuser, die um den Acker stehen. Zitzmann steht auf dem Acker. Er zeigt auf die Anhöhe, sagt: "Das ist der holy ground des Fußballs. Ohne ihn gäbe es keinen FC Bayern München, keinen Weltmeister und keinen Weltfußballer." Zitzmann nennt den Acker nicht Acker. Er nennt ihn die "heilige Stätte".

Der Feldherr: Robert Zitzmann auf dem Gründungsplatz des Fußballs © Sebastian Böttcher für DIE ZEIT

Es gibt an diesem Ort das, was man sieht. Das ist ein verwittertes Clubhaus. Ein verrostetes Eisenschild, Aufschrift: "Merry Christmas". Ein riesiges Fußballfeld, auf dem nicht mal die Mini-Kicker ein Spiel machen könnten, weil eine Mannschaft immer bergauf laufen müsste. Und es gibt das, was Robert Zitzmann sieht. Den Ursprungsort des Fußballs. Die Geburtsstätte eines Sports, der die Welt prägt wie kein anderer. Ein mythischer Ort. Eine Pilgerstätte.

Damit bald jeder das Gleiche wie Robert Zitzmann sieht, fährt er an diesen Ort, einmal im Monat, mindestens. Zitzmann ist 31 und wohnt in Hamburg. Wenn er kann, fliegt er nach Manchester, nimmt den Zug, eine Stunde und elf Minuten, kommt am Bahnhof in Sheffield an, an dem bald, hofft er, zwei Statuen stehen: eine für William Prest, eine für Nathaniel Creswick, die Gründer des ältesten Fußballvereins der Welt.

Jedes Dorf, das etwas auf sich hält, feiert seine berühmten Einwohner. Und wenn es die nicht gibt, dann wenigstens die Berühmten, die dort mal vorbeikamen: Napoleon ritt hier durch. Goethe schlief hier. In Sheffield? Gibt es nichts. Kein Schild: "Geburtsort des Fußballs". Kein Zeichen. Will die Stadt nicht, ist ihr nicht wichtig.

Dem Mann aus dem fernen Deutschland aber ist das wichtig, seit er vor vier Jahren zum ersten Mal vom Sheffield FC hörte. "Dieser Verein, der ist doch groß!", dachte Robert Zitzmann. "Jedes Kind kennt Christoph Kolumbus und Neil Armstrong, aber niemand weiß, wer das Spiel gegründet hat, das Millionen Menschen auf der ganzen Welt lieben", sagte er sich. Das zu ändern ist sein Plan. Er würde es nur nicht Plan nennen. Er nennt es "Vision".

Zitzmann, studierter Sportökonom, ist fußballverrückt. Sagt er selbst. Deshalb fährt er nach Sheffield. In seiner Freizeit. Im Hauptberuf arbeitet er bei der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt, Abteilung Sport, zuständig für Marketing. Der Job von Menschen, die im Marketing arbeiten, ist es, Geschichten zu erzählen, die Menschen zum Träumen zu bringen. Und weil die Chefs bei Jung von Matt finden: Diese Geschichte aus Sheffield, die kann viele Menschen zum Träumen bringen, unterstützt die Agentur Zitzmann nun bei seinem Privatprojekt. Sie nennen das, was sie machen, ein "Charity-Projekt". Sie verdienen damit gerade nichts, aber wenn diese Geschichte um die Welt geht, ist der Name Jung von Matt mit dabei. Denn der Sheffield FC, das wissen sie, ist eine große Geschichte.

Der Sheffield FC ist die größte Geschichte von Robert Zitzmann.

Mit Richard Tims, dem Präsidenten des Vereins, hat Zitzmann ausgemacht: Tims ist der Chef, der vor Ort lebt und vor allem die Arbeit in Sheffield macht. Robert Zitzmann ist sein Mann in der Welt. Er ist der Vermarkter der Idee, der Trommler, der Überzeuger. Der Mann, der die Vision verkauft. Der Geschichtenerzähler eben.

Seine Geschichte, die geht so: Fußball begeistert, Fußball fasziniert. Milliarden Menschen auf der Welt, die hinter einem Ball herrennen. Wer hat’s erfunden? Sollte jeder wissen. Gehört sich doch so, hat auch was mit Respekt zu tun. Wenn alle, die den Fußball lieben, diesen Verein aus Sheffield ein wenig unterstützen, wenn sie ein wenig Geld geben, kann dieser Ort, dieser Acker, zu einem besonderen Ort werden. Zu einer Pilgerstätte des Fußballs, an die Fans reisen. Und zu einem Ort, an dem große Spieler ihr Abschiedsspiel machen sollen, Lothar Matthäus haben sie schon angefragt. In Sheffield hat alles angefangen, in Sheffield soll die Karriere enden.