Wenn ein Baby zu Tode geschüttelt wird, ist das ein intimes Verbrechen. So gut wie nie gibt es Zeugen, fast nie ein Geständnis. Meist ist das einzige Beweismittel die körperliche Hülle des Kindes, äußerlich manchmal unversehrt. Es ist dann ein Rechtsmediziner, der nach Spuren sucht, nach winzigen Blutgerinnseln an dieser oder jener verborgenen Stelle im Innern des Gehirns. Er muss herausfinden, welchen Weg sich die Wut eines Erwachsenen durch den Körper des Babys gebahnt hat, durch die harte und die weiche Hirnhaut bis tief hinein in die Kapillaren, die Nerven, die Zellen. Der Rechtsmediziner muss wissen, wie sich die Spuren des Schüttelns unterscheiden von solchen, die eine Krankheit hinterlässt oder ein Unfall.

Es ist eine hohe Kunst, die Schuld des Schuldigen zu beweisen. Genauso wie die Unschuld des Unschuldigen. Alles hängt vom Können und von der Sorgfalt des Mediziners ab – und von seinem Kenntnisstand. Manchmal kann auch der beste Rechtsmediziner nicht sicher sein. Was vor ein paar Jahren noch als Beweis für ein Schütteltrauma galt, ist es heute nicht mehr. Die Wissenschaft hat neue Zusammenhänge entdeckt. Es gibt neue Sicherheiten und neue Ungewissheiten.

Ungewissheiten aber sind nicht jedem Richter recht, wenn der Tod eines Kindes nach Erklärung verlangt – und nach Strafe.

Der 20. Juni 2010 ist ein Sonntag, und für Julia Amrau* sieht es nicht nach einem ereignisreichen Tag aus. Julia Amrau, zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt, ist Supermarktverkäuferin. An jenem Tag ist sie mit ihrem Baby allein zu Hause. Der Vater des Kindes, ihr Freund, ist in der Nacht zum Angeln aufgebrochen. Das Baby heißt Nils, es ist sieben Monate alt. Ein pflegeleichter Junge, der gerade gelernt hat, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen.

Den Vormittag verbringt Julia Amrau damit, mit Nils zu spielen. Gegen 12 Uhr, so wird sie später zu Protokoll geben, legt sie ihren Sohn auf das Schlafzimmerbett, 1,80 mal 2 Meter groß, 45 Zentimeter hoch. Nils liegt in der Mitte, auf dem Rücken. Julia Amrau geht in die Küche der Wohnung, nur ein paar Schritte. Sie stellt den Wasserkocher an, geht zurück ins Schlafzimmer, ein Blick auf das Baby, das sich nicht gedreht hat und immer noch in der Mitte des Bettes liegt. Zu Nils sagt sie: Ich koche dir deinen Brei, ich bin gleich zurück.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Im Protokoll, das Julia Amraus Aussage wiedergibt, steht, dass in der Küche schon die Schüssel mit dem Pulver vorbereitet ist, Julia Amrau muss nur noch das Wasser hineinfüllen. Da hört sie aus dem Schlafzimmer das Baby brüllen. Diesmal, sagt sie, rennt sie zurück ins Schlafzimmer. Sie findet Nils auf dem Laminatboden am Fußende des Bettes.

Etwas Ähnliches hat Julia Amrau schon einmal erlebt. Zwei Monate zuvor ist Nils von der Couch gefallen. Er schrie, der Schreck war schnell vergessen.

Julia Amrau, so erzählt sie selbst, nimmt ihren Sohn auf den Arm, versucht, ihn zu beruhigen, gibt ihm von dem Brei, doch er nimmt nur ein paar Löffel. Er scheint unzufrieden. Magst du lieber eine Milch?, fragt sie. Auch von der Milch nimmt er nur wenig. Sie zieht ihn an und setzt ihn in den Kinderwagen. Vielleicht beruhigt ihn ein Spaziergang. Julia Amrau kommt keine 400 Meter weit. Nils hat alles ausgespuckt, den Brei, die Milch. Sie bringt ihn wieder in die Wohnung, eine Nachbarin hilft ihr, das Kind und die vollgespienen Sachen zu tragen.

Nils ist jetzt sehr bleich. Julia Amrau ruft ihren Vater an, der Unfallchirurg ist. Nils’ Großvater und die Großmutter brauchen bloß ein paar Minuten, schon stehen sie in der Tür. Der Großvater untersucht seinen Enkel, tippt auf einen Magen-Darm-Infekt. Vom Sturz aus dem Bett erzählt Julia Amrau ihm nichts. Die Großeltern gehen wieder, kurz darauf kommt Julia Amraus Freund, Nils’ Vater, vom Angeln zurück. Sie sagt zu ihm, Nils sei nicht gut drauf. Das Baby wirkt schlapp und fühlt sich seltsam kalt an. Jetzt wird Julia Amrau hektisch. In der Mikrowelle wärmt sie ein Kirschkernkissen für Nils. Das Kissen hat die Form eines Teddys. Als es ihr nicht warm genug erscheint, legt sie den Teddy noch mal für ein paar Sekunden in die Mikrowelle. Dann noch einmal. Julia Amrau legt den warmen Teddy auf den kalten Babykörper und stellt das Babyphon neben das Kinderbett. Durch den Lautsprecher hört sie Nils immer wieder wimmern, alle paar Minuten geht sie zu ihm.

Es ist 17.20 Uhr, als das Babyphon schweigt. Nils gibt keine Geräusche mehr von sich. Überhaupt keine.

Es folgen: Notarzt, Reanimation, Krankenhaus. Am nächsten Tag um 13.57 Uhr stirbt Nils in der Klinik.