Am Abend, bevor es passierte, griff Salambek M. zur Whisky-Flasche. Die Geschworenen und den Richter wird das nicht überrascht haben. Menschen wie er fristen ihr Dasein am Rand der Gesellschaft, ein Konflikt mit dem Gesetz scheint da ins Bild zu passen. Der aus Tschetschenien stammende Mann hatte Vorstrafen, war ein Spieler. Und er brauchte Geld. Wegen Verlusten geriet er mit seiner Lebensgefährtin Ute G. in Streit. "Sie hat mir ein paar Watschen gegeben", sagt er vor Gericht aus. Er habe sich gewehrt, sie mit einer Hand am Hals gehalten. "Und dann ist sie plötzlich bewusstlos geworden." Er habe sie noch auf das Bett gelegt und sei dann mit dem Auto aus Graz weggefahren.

Als Eduard Peter Leinzinger am Vormittag des 14. Jänner 2014 am Tatort eintraf, lag die nackte Leiche quer am Bett in Bauchlage. Die Staatsanwaltschaft hatte den Professor für Gerichtsmedizin an der Universität Graz zum Sachverständigen bestellt. Er stellte eine geradlinige Hautvertrocknung stirnmittig fest, wie durch ein Aufschlagen auf der Bettkante hervorgerufen. Blutunterlaufungen an Schulter und Hals zeugten von Gewalteinwirkung. Bei der Obduktion zeigte sich: Beide Lungenflügel waren überbläht, typisch für einen Erstickungstod. Sein Fazit: Salambek M. habe das Opfer gewürgt, heftig am Kopf gezerrt, auf das Bett gepresst und dadurch erstickt. Besondere Erkrankungen seien nicht festzustellen gewesen. Der Mann wurde wegen Mordes verurteilt und sitzt in der Justizanstalt Stein. Ein Gutachten schickte ihn hinter Gitter.

Doch was, wenn Leinzinger falsch lag? Liane Hirschbrich, die Verteidigerin des Verurteilten, zweifelte schon während des Verfahrens an seiner Version der Wahrheit. Nur gehört wurde sie nicht. Ein Privatgutachten, das sie nach der Verurteilung einholte, gibt ihr inhaltlich recht. Da Leinzinger dazu nicht Stellung bezog, wurde er seines Amtes enthoben. Nun entscheidet das Landesgericht Graz über eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Das wäre ein Paukenschlag und neue Nahrung für die alte Debatte über die Qualität von Gerichtsgutachten. Und der Fall trifft einen weiteren neuralgischen Punkt, der derzeit unter Juristen heiß diskutiert wird. Im Vergleich zu anderen europäischen Rechtsordnungen herrscht in österreichischen Strafverfahren nämlich noch immer keine Waffengleichheit zwischen Anklage und Verteidigung. Das widerspricht den Menschenrechten und macht auch große Wirtschaftsstrafverfahren juristisch angreifbar.

Historisch gesehen, genießen vom Gericht bestellte Sachverständige Deutungshoheit in Österreich. Sie analysieren, entscheiden und werden kaum hinterfragt – das hat eine lange Tradition.

"Nichts anderes als ein Skandal ist das, was hier passiert ist", sagt die genauso engagierte wie angriffslustige Strafverteidigerin Hirschbrich. Tatsächlich stieß sie mit ihrer forschen Art auf breiten Widerstand, als sie versuchte, das Gutachten Leinzingers in Zweifel zu ziehen. Sie suchte jemanden für ein Gegengutachten, doch es hagelte nur Absagen. Die Branche ist klein, und kein Kollege hackt dem anderen so schnell ein Auge aus. Also begann sie in der Hauptverhandlung selbst, Leinzinger harte und kritische Fragen zu stellen, wofür sie einen Rüffel des Gerichts kassierte. Ute G. habe doch schweres Asthma gehabt, betonte Hirschbrich, die sich durch deren Krankenakte wühlte. Ob das nicht etwas mit ihrem Erstickungstod zu tun haben könnte? Nein, beharrte Leinzinger. Der Fall sei ein lehrbuchmäßiges Beispiel für gewaltsames Ersticken, erklärte er. Die Geschworenen befanden den Angeklagten für schuldig.

In der Praxis gibt es so etwas wie eine Zweiklassenjustiz

Hirschbrich war fassungslos. Sie wandte sich an Deutschlands profiliertesten Experten für den Tod durch Ersticken: an den Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, den Autor der Lehrbücher zum Thema. Dieser erklärte sich zu einem neuen Gutachten bereit, das es in sich hat: Der Halsbefund sei auffällig symptomarm, zum Teil sogar symptomlos, und die Stauungsblutungen lägenweit unterhalb der vermuteten Angriffsebene. "Isoliertes Würgen oder Drosseln ist daher ausgeschlossen." Ein Ersticken auf der Matratze sei rein spekulativ und "ohne morphologisches Korrelat" – sonst hätten Fasern der Bettwäsche im Mund des Opfers festgestellt werden müssen. Die Möglichkeit des Erstickens durch einen Asthmaanfall sei möglich – ja sogar sehr wahrscheinlich – und wäre durch eine histologische Untersuchung der Lunge festzustellen gewesen. Kurzum: Das Papier erschüttert die Argumente der Anklage in ihren Grundfesten. Trotzdem reagierte die Staatsanwaltschaft auf Hirschbrichs Antrag auf Wiederaufnahme ablehnend. "Sie können sich vorstellen warum", sagt sie. "Das würde heißen, der Vizepräsident der Gesellschaft für Gerichtliche Medizin hätte ein falsches Gutachten erstellt."

Wenn Hirschbrich über Mängel im Rechtssystem spricht, spült die Emotion die Argumente vor ihr her. Sie kritisiert die nach wie vor gängige Praxis, den im Vorverfahren von der Staatsanwaltschaft bestellten Gutachter, der dabei für die Klägerseite ermittelt, auch im Hauptverfahren zu übernehmen. Bei Befangenheit kann die Verteidigung dessen Bestellung zwar beeinspruchen, aber nicht ablehnen. Im März kippte der Verfassungsgerichtshof diese Regelung. Sie widerspricht dem in Artikel 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention verankerten Recht auf "Waffengleichheit" vor Gericht.

Dazu kommt, dass in Strafverfahren restriktive Beschränkungen für den Umgang mit Privatgutachten gelten. Die Verteidigung kann zwar eine Expertise einholen, der Privatgutachter darf dem gerichtlichen Sachverständigen auch Fragen stellen. Aber ob sein Gutachten in der Hauptverhandlung verlesen wird, entscheidet das Gericht.