Japan ist das einzige Land in der Welt, das niemals von Europäern erobert und in einen kolonialen oder halb kolonialen Zustand hinabgedrückt wurde; das die heute herrschende westlich-globale Kultur nicht aus der Position des Besiegten, sondern auf Augenhöhe übernahm. So hat es sich alles auf seine Weise anverwandelt, je nachdem, wie es den Import verwenden und mit seinen uralten Traditionen verbinden konnte. Darum erweist sich vieles, was uns auf Anhieb vertraut vorkommt, beim zweiten Blick als befremdlich. Das gilt auch für die japanische Literatur. Japan hat viele bedeutende Schriftsteller hervorgebracht, darunter solche, die den Nobelpreis erhielten. Doch wenn man ihre Bücher in Übersetzungen liest, so glatt dies auch vonstatten geht, hat man immer das Gefühl, dass so etwas wie ein offenbares Geheimnis zurückbleibt, etwas, das ein Japaner sofort und ein Westler auf keinen Fall sieht und spürt. Japanische Literatur wirkt auf den Außenseiter so klar und so verschlossen wie ein Zengarten, der bei aller Übersichtlichkeit doch einen Sinn hat, der sich ihm nicht erschließt.

Diese gläserne Mauer hat Haruki Murakami durchbrochen. Murakami ist in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen und hat sich der damals ins Land strömenden amerikanischen Popkultur voller Lust geöffnet. Als junger Mann betrieb er mit seiner Ehefrau ein Jazzcafé, und wenn es spät nachts schloss, dann setzte er sich an den Küchentisch und schrieb. So entstanden seine beiden ersten Bücher: Wenn der Wind singt – das klang ganz japanisch – und Pinball 1973 – daraus spricht die Neugier. Später lebte er in den USA, und als er zurückkam, vermochte er sein Herkunftsland mit den Augen zugleich des Eingesessenen und des Ankömmlings zu sehen. Das macht für den nichtjapanischen Leser seine Bücher so überaus reizvoll, denn so versteht er vieles, wozu er sonst keinen Zugang hätte.

Murakamis Opus magnum trägt den Titel 1Q84 – auch das ist ein Gemisch von Ost und West: Es spielt an auf 1984 von George Orwell, aber die Zahl 9 soll auf Japanisch so klingen wie der Buchstabe Q. Aus drei Teilen besteht es und umfasst insgesamt rund 1500 Seiten. Und es hat drei Hauptprotagonisten, deren Geschichte sich mit langem epischem Atem ent- und verwickelt. Da ist erstens Aomame, hoch spezialisierte Kontraktkillerin, die im Auftrag der rätselhaften "Madame" ihre Opfer mit einer bloßen Nadel beseitigt, wobei nicht mehr Blut fließt als bei einem Mückenstich. Zweitens Tengo, Lektor eines angesehenen Verlags, der sich auf die Spur begibt von drittens Fukaeri, der erst 17-jährigen Autorin eines Buchs, das zum unerwarteten Bestseller der Saison aufsteigen wird: Die Puppe aus Luft. Zu Tengos Erstaunen erweist sich die zurückgezogen lebende Fukaeri als halbe Analphabetin, die das so packende wie amateurhaft verfasste Manuskript einer Freundin diktiert hat; und alles, was sie darin berichtet, stellt sich als autobiografischer Stoff heraus, der zu tun hat mit Fukaeris Vater, dem Leiter einer gefährlichen Geheimsekte (nicht unähnlich derjenigen, die für die Giftgas-Anschläge in der U-Bahn von Tokio verantwortlich war). Hinzu kommt noch Tamaru, Bodyguard und rechte Hand von Madame.

Das Buch hat, was nicht verschwiegen werden soll, auch seine Längen, besonders im letzten Teil, als sich so ziemlich alle Akteure vor der Rachsucht der Sekte verstecken müssen. Versteckt sein und nicht aus der Wohnung gehen dürfen ist nicht eben ein dramatischer Vorgang. Was den Leser über diese langen Strecken dennoch bei der Stange hält, ist weniger der Plot, der abenteuerliche, ja märchenhafte Züge trägt, als die unaufdringliche Kraft der Figuren. Alle sind sie Außenseiter mit wenigen Sozialkontakten, ja man könnte sie geradezu als Autisten bezeichnen. Obwohl sie in dem, was sie machen, absolute Experten sind, die besten ihres jeweiligen Fachs, tragen sie Züge von Waisenkindern – von tapferen Waisenkindern, die wissen, dass sie sich in der Welt allein zurechtfinden müssen und keiner ihnen hilft.

Tengo und Aomame sind gemeinsam zur Schule gegangen, beide wurden sie von den Klassenkameraden geschnitten: Tengo, der mit seinem Vater, einem kauzigen Eintreiber von Rundfunkgebühren, von Haustür zu Haustür ziehen musste; Aomame, deren Mutter Zeugin Jehovas war und ihre Tochter zwang, vor jeder Schulspeisung laut und aufrecht ein Gebet zu sprechen. Nur einmal haben sie sich zusammengetan, als Tengo in einer Konfliktsituation Aomames Hand ergriff; aber das, so versteht der Leser, begründete einen Bund fürs Leben, und mögen sie auch über tausend Seiten getrennt sein und ihre Geschichten, ohne einander zu berühren, in abwechselnden Kapiteln erzählt werden: Das Ende muss sie zusammenbringen. Tamaru wiederum gehört der in Japan verachteten Immigrantengruppe der Koreaner an. Doch in ihrer Einsamkeit stehen sie einander ohne viele Worte bei. Man erstaunt darüber, wie viel emotionales Gewicht Murakamis Dialoge haben, obwohl oder gerade weil von Gefühlen in ihnen gar nicht die Rede ist. Als Aomame zu einem ihrer riskanten Aufträge loszieht, führt sie vorher ein Gespräch mit Tamaru:

"›Übrigens, hast du eine Familie, die im Falle einer Lawine zu benachrichtigen ist?‹

›Nein.‹

›Du hattest nie eine oder du hast eine und doch keine?‹

›Letzteres.‹

›Gut‹, sagte Tamaru. ›Frei zu sein ist das Beste. Ein Gummibaum ist die ideale Verwandtschaft.‹"

Das mag in der Art, wie Dinge geäußert werden, ohne dass man sie äußert, sehr japanisch sein. Aber auch der westliche Leser versteht, was hier vor sich geht. Der Gummibaum als ideale Verwandtschaft, das hat in dieser Zuspitzung etwas sehr Trauriges und etwas sehr Lustiges. So funktioniert, in Ost und West, der Trost von Fremden.