Am Ende der Sitzung war niemand mehr auf ihrer Seite. Ohne Gegenstimme entschieden die gewählten Vertreter der Professoren, Studenten und Mitarbeiter der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) am vergangenen Donnerstag: Jacqueline Otten, ihre Präsidentin, muss weg. 19 Monate ist es gerade einmal her, dass sie die Führung an der Hochschule übernahm. Nun droht Otten der Rausschmiss. Ihre Amtszeit könnte damit zum Musterbeispiel werden, wie man als Führungskraft einer Hochschule scheitert. Oder vielleicht doch dafür, wie eine Wissenschaftssenatorin eine Hochschulleiterin rettet.

In der Theorie klang es noch wunderbar. Die Aufgabe der Präsidentin einer Hochschule sei es, die Mitarbeiter partizipativ zu führen, Orientierung zu geben durch Ordnung, Verbindlichkeit und Transparenz, hatte Otten bei ihrer Amtseinführung im April 2014 gesagt. Inzwischen ist es schwer, an der HAW jemanden zu finden, der in ihrem Führungsstil jenen Anspruch erkennt. Leicht trifft man dagegen auf Menschen, die sagen, die Professorin für Modedesign sei überfordert, Hamburgs zweitgrößte Hochschule mit fast 17.000 Studenten und 1100 Mitarbeitern zu leiten.

Otten möchte derzeit nicht mit Journalisten reden, aber wie sie die Dinge wahrscheinlich sieht, lässt sich an einer Pressemitteilung ablesen, die ihre Referenten am Tag nach der Abwahl verbreiteten. Streit um Zahlung von Zulagen für Professuren eskaliert lautet der Titel. Das Präsidium der HAW habe aufgrund rechtlicher Bedenken einem Vorschlag der Professoren nicht zustimmen können, wie künftig die Zulagen für besondere wissenschaftliche Leistungen zu verteilen seien, die Professoren zusätzlich zum Grundgehalt bekommen sollen, heißt es darin. Nun habe der Hochschulsenat der Präsidentin und dem Kanzler der Hochschule das Misstrauen ausgesprochen.

Die Pressemitteilung der Präsidentin war womöglich ein Versuch, die Deutungshoheit über ihre Abwahl in der Öffentlichkeit zu gewinnen. Für Ottens Kritiker ist sie ein Zeichen, dass die Präsidentin kompromisslos ist und immer noch nichts verstanden hat. Für sie ist die Botschaft klar, die Otten sendet: Geldgierige Professoren ekeln Chefs raus. Das ärgert einige Senatsmitglieder noch mehr. Die Frage der Besoldung sei nur der Auslöser für eine längst anstehende Entscheidung gewesen, sagen sie. Schon zuvor habe Otten zu viele wichtige Entscheidungen verschleppt und zudem mit autoritären Direktiven den Senat übergangen. Zum Wohle der Hochschule müsse man sich von ihr trennen.

Weil sich derzeit niemand findet, der Otten verteidigen mag, soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Leitung von Hochschulen ein wenig erfreulicher Job ist – so sagen es zumindest die meisten Hochschulchefs. Auf der einen Seite stehen die Studenten, die sich häufig als Kunden eines Dienstleisters sehen; auf der anderen Seite die Professoren, die nicht weisungsgebunden und dementsprechend schwer zu koordinieren sind. Wichtige Entscheidungen müssen vom internen Parlament der Hochschule, dem Hochschulsenat, abgesegnet werden, außerdem wacht noch ein Hochschulrat über die Arbeit, der teilweise aus Mitgliedern besteht, die von außerhalb kommen. Die Wünsche all dieser Gruppen gilt es in Zeiten schrumpfender öffentlicher Etats zu koordinieren.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Es ist als Hochschulpräsident also recht leicht, sich Feinde zu machen. Die Frage aber bleibt: Wie schafft man es, einen Hochschulsenat mit fünfzehn Mitgliedern einstimmig gegen sich aufzubringen?

Informatikprofessor Thomas Schmidt ist Mitglied des Hochschulsenats und einer derjenigen, die öffentlich Kritik an Otten üben. Auch er sagt, die Zulagenregelung sei nur der Auslöser für die Abwahl gewesen, nicht der Grund. Schließlich sei von der Regelung mehr als die Hälfte der Mitglieder des Senats gar nicht betroffen. Eine Kommission habe einen Vorschlag für die Zulagen erarbeitet, den habe das Präsidium ignoriert. Dann habe es monatelang Vermittlungsversuche unter Moderation des Hochschulrats gegeben, die Lösung sei wiederum ignoriert worden. So ähnlich sei es in einer Reihe von Kommissionen gewesen. "Die verantwortlichen Präsidiumsmitglieder scheinen nicht an einer gemeinsamen, konstruktiven Lösung interessiert."

Zudem gibt es noch einen weiteren, schwerwiegenden Vorwurf: Die HAW hatte im Sommer massive Probleme, Studenten für die Masterstudiengänge zuzulassen. Seit dem vergangenen Herbst hatte mehr als die Hälfte der Mitarbeiter das zuständige Studierendensekretariat verlassen. Seitdem war es Präsidentin und Kanzler nicht gelungen, die Stellen wieder zu besetzen. Die Folge: Offenbar wurden viel zu wenige Studenten zugelassen – fatal für eine Hochschule, deren Budget auch von den Studentenzahlen abhängt.

Noch gibt es keine Zahlen für die gesamte Hochschule, aber Beispiele: Im Informatik-Master wurden statt 45 Studenten nur etwa 30 aufgenommen – bei gleichbleibenden Bewerberzahlen, sagt Schmidt. Und es gibt Einzelfallgeschichten: Beispielsweise sei in seinem Fachbereich ein Student nicht zugelassen worden, der seinen Bachelor mit einer Eins abgeschlossen habe. Ein offensichtlicher Fehler, der bis heute nicht korrigiert sei. "Wir haben uns das auch nicht leicht gemacht, aber wir sehen keine Chance, so weiterzuarbeiten", sagt Schmidt. "Es gibt kein Vertrauensverhältnis mehr."

Es dürfte angesichts solcher Aussagen schwer werden für Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank, in dem Streit zu vermitteln. Sie hat Otten und ihre Kritiker in dieser Woche zu einem vertraulichen Gespräch geladen. Direkten Einfluss hat sie nicht: Die Hochschule ist autonom und entscheidet selbst über die Personalie. Das letzte Wort hat der Hochschulrat, der am kommenden Donnerstag tagt.

Jacqueline Otten lässt derweil die Pressestelle sprechen. Die erklärt, dass die Abwahl formaljuristisch nicht haltbar sei, weil der Punkt vorher nicht auf der Tagesordnung des Senats gestanden habe. Das mag stimmen. Sympathien gewinnt man mit diesem Standpunkt aber nicht zurück.