Neulich auf der Party war es mal wieder so weit. "Was macht ihr so beruflich?", werden wir gefragt. Sekunden später bin ich von Menschen umringt. Und der Liebste steht alleine da.

Der Liebste ist Ingenieur. Er entwickelt neue Techniken für Wasserpipelines, genauer: die Software dazu. Dafür bekommt er ein Gehalt, für das ich zwei Redakteursstellen gleichzeitig haben müsste. Auch über die Frage, wer den sinnvolleren Job hat, ließe sich durchaus streiten: Ich, deren Texte nach ein paar Tagen im Altpapier oder in den Weiten des Web verschwinden. Oder er, der dazu beiträgt, dass auch Wüstenbewohner verlässlich mit Wasser versorgt werden.

Und doch: Er muss nur dieses Wort sagen, "Ingenieur" – und schon erstarren die Gesichtszüge der Leute. Frauen, die ihm eben noch zuzwinkerten, wenden sich ab. Männer unterdrücken ein Gähnen. Während ich sofort mit Fragen gelöchert werde – die letzte Recherche, die weiteste Reise, und was sagt du zu Merkel und den Flüchtlingen? –, heißt es bei ihm nur: "Aha, Ingenieur, interessant, du, ich geh mal mein Glas nachfüllen." Oder sie halten ihn für eine Art Klempner und fragen, wie sie ihre kaputte Waschmaschine wieder in Gang kriegen. Und will ihm eine Frau ein Kompliment machen, sagt sie: "Du siehst gar nicht aus wie ein Ingenieur."

Ingenieur, das ist ungefährlich so hip wie Finanzbeamter oder Proktologe. Was auch erklären könnte, warum es nach wie vor wenige Ingenieurinnen gibt. Da mögen Berufsberater noch so sehr für technische Fächer trommeln. Natürlich möchten Frauen zur Männermacht aufschließen. Aber lieber auf Gebieten mit mehr Glamour.

Logisch ist das alles nicht. Ein Kunststudent, der im Schlabberhemd herumläuft, gilt als Feingeist, dem banalen Alltag entrückt. Beim schlecht gekleideten Ingenieur murmelt sofort wer: "Karohemd und Samenstau, der studiert Maschinenbau." Der Werber, der ein Produkt vermarktet, gilt als cool. Aber nicht der Ingenieur, der es entwickelt. Und Informatiker gelten nach wie vor als Nerds, die in virtuellen Welten hausen und sich Frauenkörpern allenfalls per Mausklick nähern. Dabei hängen die meisten von uns Nichtingenieuren und -ingenieurinnen längst selbst mehr vorm Rechner als über Büchern und gehen ohne Smartphone nicht einmal zum Bäcker. Und mit dem Berufsalltag hat das Klischee des introvertierten Tüftlers ohnehin wenig zu tun: Der Liebste etwa arbeitet eng vernetzt in internationalen Teams. Da klingelt dann morgens um sieben das Diensthandy, und ein indischer Ingenieur ist dran. Und öfter auch eine indische Ingenieurin. Frauen und Technik, das ist anderswo offenbar weniger ein Problem.

Zugegeben: Früher hatte auch ich diese Bilder im Kopf. Nie wäre ich nach dem Abi auf die Idee gekommen, Ingenieurin zu werden. Dabei mochte ich Mathe und Chemie, fand es albern, wenn Mädchen so tun, als kapierten sie Physik nicht. Aber bei Wörtern wie Maschinenbau oder Elektrotechnik winkte ich ab. Nie habe ich auch nur geprüft, was genau sich hinter diesen Fächern verbirgt. Sie klangen nach zu viel Bodenhaftung in einer Lebensphase, in der man in neue Welten entschweben möchte. Und ein wenig wie Verrat an dem Ideal, dass Bildung mehr sein sollte als Wissen, das der Wirtschaft nutzt.

Entsprechend entgeistert war ich, als ich den Liebsten kennenlernte. Hätten wir uns, statt auf einer Party auf einer Onlinepartnerbörse getroffen – ich hätte ihn wohl weggeklickt. Und auch so war ich erst skeptisch. Toller Typ, dachte ich – aber muss der ausgerechnet Ingenieur sein? Hätte es nicht wenigstens Meeresbiologie sein können? Das klingt zumindest nach Tiefsee und Abenteuer.

All dies ist einige Jahre her. Aber das Image der Ingenieure hat sich kaum gebessert, wie Zeitungs- und Internettexte belegen. Das mag auch an unserem verengten Bildungsbegriff liegen. Noch immer gilt der als Intellektueller, der bei einem Glas Rotwein Heidegger zitiert und die Ilias auf Altgriechisch aufsagt. Und nicht der, der den Aufbau der Flugzeugturbine erklären kann. Mit der Welt von heute und ihren Bedürfnissen hat das wenig zu tun. Heidegger, Goethe, Schiller – alle lange tot. Heute sind es eher die Ingenieure, die (wenn sie nicht gerade Abgaswerte fälschen) den Ruf Deutschlands in der Welt hochhalten.