Sie sind gekommen, um nach den "Quellen der Weisheit" zu suchen. Nach der "Stimmigkeit in der Kommunikation und im Leben". 320 zahlende Zuhörer, mit wachen Gesichtern, die Damen im Schnitt Mitte, Ende 40, dezentes Make-up, gebügelte Bluse, die Herren im Slimfitshirt und Anzug, ein paar wenige im Karohemd. Vorne am Overheadprojektor ein kleiner schmaler Mann. Friedemann Schulz von Thun, seit über 40 Jahren Kommunikations-Guru, Psychologe, Entwickler bedeutender Interaktionsmodelle. An sechs Montagen wird er sein Publikum mitnehmen auf eine Reise zum "Wechselwirkungswesen Mensch".

"Kennt mich hier jemand noch nicht?", fragt er und blickt ins Halbrund des ausverkauften Hörsaals. Unerwartet viele Hände gehen nach oben. Dabei sind sie doch unvergessen, die zähen Seminare über sein Nachrichtenquadrat. In der Erinnerung klebt da noch dieses comichafte Bild vom "Vier-Ohren-Modell": ein "Sender", der vier "Schnäbel" hat, und ein "Empfänger" mit seinen "vier Ohren". Für von Thuns Buch "Miteinander reden" war man in der Unibibliothek immer zu spät dran, und die Wartelisten waren von irrealer Länge. Inzwischen gibt es den Klassiker in der 31. Auflage. Damals versuchten wir das "Vier-Ohren-Modell" am nervigen Mitbewohner oder der Fernbeziehung zu testen. Und erkannten schmerzlich, wie viel auf dem Weg zwischen Schnabel und Ohr verloren ging. Nun der echte Schulz von Thun, hinter einem langen Tisch voller Folien, alle handbeschrieben und vom Professor persönlich bemalt. Comicstrips statt PowerPoint.

Was er sagt, klingt plötzlich so schlüssig und weise, irgendwie simpel. Seine Vorlesung zielt mitten ins Leben, thematisiert all die Zwänge und Widersprüche der menschlichen Existenz. Was macht die Suche nach Glück und innerer Stimmigkeit so schwer? Das Streben nach Perfektion tue der Seele nicht gut, sagt Schulz von Thun, und ein Seufzen geht durch die Reihen.

Es gibt Momente, da vergisst er die Rolle des Bescheidwissers, da wird er sehr privat, da ist der Professor plötzlich gerührt, schluckt, kann für einen Moment nicht weitersprechen. 1983 sei es gewesen, da ließ er einen Zug einfach fahren, für eine Frau. "Das war eine Sensation für mich", ruft er. Ein Befreiungsschlag gegen den Zwang. Die Erkenntnis: Termine kann man auch absagen. "Und wann haben Sie sich mal so richtig frei gefühlt?" Eine Frage, die keiner so schnell wieder los wird an diesem letzten Abend.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

In unserer Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

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