In Wien fand ein Lagerwahlkampf neuer Art statt. Auf der einen Seite standen jene, die das Wien "unserer Leut’" bedroht sahen, das christliche Wien, vor dessen Toren schon die Horden von weit, weit hinter der Türkei warteten. Unterstützt würden die von einer fünften Kolonne von Partisanen der Political Correctness werden.

Auf der anderen Seite versammelten sich hingegen die Kämpfer für ein weltoffenes Wien, die dieses durch die Abendländerei einer Truppe von Reaktionären und antiintellektuellen Sektierern bedroht sahen. Die zwei Lager standen einander unversöhnlich gegenüber. Die FPÖ und ihr Frontmann Heinz-Christian Strache wiederholten unermüdlich ihre Parolen, und auf der anderen Seite versuchten drei Parteien, einander mit Anti-Strache-Aussagen zu übertrumpfen.

Gewonnen haben jedenfalls nicht die Abendländer – merk’s, Hans Niessl im Burgenland. Gewonnen hat die lose Allianz aus Sozialdemokraten, Grünen und Neos. Ein Bürgermeister Strache wurde klar verhindert. Und die eigentlichen Verlierer sind jene, welche sich in diesem Lagerwahlkampf nicht positionierten – merk’s, ÖVP.

Die angesagte blaue Oktoberrevolution scheiterte jedenfalls in der Metropole Wien. Straches unbestreitbaren Erfolge beim Einsammeln von Stimmen zeigten auch, dass es die FPÖ noch nicht geschafft hat, sich zu einer Volkspartei zu entwickeln. Stimmengewinne in den Außenbezirken weisen die Freiheitlichen zwar wieder einmal als die erste Arbeiterpartei des Landes aus. Aber in den bürgerlichen Bezirken profitierte die FPÖ kaum von der Schwäche der ÖVP – trotz oder wegen der übergelaufenen Kandidatin Ursula Stenzel.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die Politisierung der Angst, die Instrumentalisierung der vorhandenen und oft auch nachvollziehbaren Zukunftssorgen vor allem der sozial Schwachen, hat sich für die FPÖ trotzdem bezahlt gemacht. Ihre Rolle als urbane Großpartei wurde bestätigt. Allerdings hat diese Politik auch eine Mehrheitskoalition gegen die Freiheitlichen mobilisiert – gebildet aus SPÖ-Treuen, aus grün-bewegten Bobos und aus jungen Aufstiegsorientierten, die mit Sozialismus ebenso wenig am Hut haben wie mit der Wachstumsskepsis vieler Grüner.

So unterschiedlich die drei Parteien auch sind, so gegensätzlich ihre Interessen – in einem sind sie sich einig: Die Strache-FPÖ darf Wien nicht kontrollieren.

Deshalb war die FPÖ am vergangenen Sonntag weniger Volkspartei als die Anti-Strache-Allianz. Um Strache zu verhindern, haben fundamentalistisch angehauchte Grüne und vom individuellen Leistungsgedanken bestimmte Neos-Wähler letztlich alles getan, um Strache zu verhindern. Damit bestätigten sie Häupl – auch wenn viele dies nur deshalb taten, weil der Bürgermeister ein glaubwürdiger Anti-Strache war.

Michael Häupl hat es also geschafft. Seine Ankündigung, er werde jetzt nicht einfach "zur Tagesordnung" übergehen und es müsste "etwas getan" werden, blieb allerdings inhaltsleer. Natürlich sagte er, man müsse mit "den Leuten" reden und ihre Ängste und Sorgen "ernst nehmen". Aber sonst? Da blieb er blass, ja, musste blass bleiben, um sich selbst Spielraum zu erhalten. Eine Festlegung auf die fast sichere Fortsetzung von Rot-Grün – warum sollte er sich das Spiel mit der anderen Variante, nämlich dem knapp möglichen Rot-Schwarz, aus der Hand geben? Die Wiederaufnahme des Baues von Gemeindewohnungen hatte er schon im Wahlkampf bekannt gegeben wie auch den Bau einer neuen U-Bahn-Linie.