Jetzt hat er also Kirchenfenster bemalt. Das fehlte noch im Lebenslauf. Immerhin ist Michael Triegel der bekannteste religiöse Künstler Deutschlands. Da sind Kirchenfenster im Portfolio Pflicht. Sogar den Papst – den deutschen, nicht den aus Südamerika – hat Triegel schon gemalt. Der nannte ihn dafür "seinen Raffael". Das war ironisch gemeint, zeigte aber: Wer den Papst malt, wird fortan an den Großen gemessen, an Raffael und Tizian. Und genau so malt Triegel auch: Aufwendig und realistisch wie die alten Meister, er verbeugt sich tief vor dem Handwerk und der Tradition. Dieses Erfolgsrezept hat den 46-Jährigen so berühmt gemacht, dass er heute neben Neo Rauch einer der wichtigsten Vertreter der hoch gehandelten Neuen Leipziger Schule ist. Die ist bekannt dafür, sich gern mal der totalitären Symbolsprache zu bedienen, um damit etwas Neues und sehr Deutsches zu schaffen, das modern und zugleich altbekannt aussieht.

Diese Mischung aus Alt und Neu macht Triegel für die katholische Kirche interessant. Darüber hinaus hat sich keiner der zeitgenössischen Künstler bislang getraut, so demonstrativ mit dem Katholizismus zu flirten wie er. Dabei war Triegel lange nicht einmal in der Kirche. Die Taufe des Atheisten aus dem Osten, der zum Papstmaler wurde, geriet Ostern 2014 deshalb zum Medienereignis. Es war eine der wenigen guten Nachrichten für die katholische Kirche während der Krise um den Protzbau zu Limburg.

Nun also die Kirchenfenster. Zu sehen sind sie in Köthen. Nur noch ein Achtel der Menschen dort in Sachsen-Anhalt ist in der Kirche, nur ein Drittel des Achtels ist katholisch. Gerade dort hat die Kirche also gute Nachrichten bitter nötig.

In der Köthener Schlosskirche sieht die gute Nachricht auf dem Ostfenster so aus: Gelbgrau auf blau schwebt der vom Kreuz genommene Jesus in den Armen der in Andacht versunkenen Maria. "Ich suche eher das Geheimnis und weniger das Wort und die Klarheit", behauptete Triegel einmal. Dafür aber macht er in Köthen bei seiner Einführung ins Werk ganz schön viele Worte. Über sein nicht weniger blaues Westfenster sagt er etwa: "Wir sehen die Aufnahme Mariens in den Himmel, die Marienkrönung durch die Trinität, flankiert von Adam und Eva (...) Adam schraubt sich in der Bewegung der Figura Serpentinata von der ihn bindenden Erde empor und wendet sich hoffend zum Licht." Und bevor sich die Köthener fragen können, was noch gleich eine verschraubte Figura Serpentinata war, ist der für die Segnung der Bilder aus Magdeburg angereiste Bischof Gerhard Feige bereits begeistert. Im Tandem mit dem Künstler interpretiert er jede Geste, jeden Schatten, jedes Detail, sogar das Wurmloch im Apfel der Erkenntnis. Doch welche Form von Kunst und Katholizismus wird hier eigentlich an die Köthener gebracht?

Um dem auf die Spur zu kommen, muss man nur dem Blick der Gäste folgen, zu denen Triegel in der Schlosskirche redet: rauf zu Maria, runter zu Triegels Ehefrau in Reihe eins; rauf zu Eva, runter zu Triegels Tochter gleich neben ihrer Mutter. Und schließlich rauf zu Jesus Christus und runter zu dem Mann am Rednerpult, der dort im dunkelblauen Anzug und grünen Hemd samt grüner Krawatte und grünem Einstecktuch steht. Ja, ganz recht: Der Jesus Christus in der Schlosskirche zu Köthen trägt das fünftagebärtige Antlitz von Michael Triegel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 42 vom 15.10.2015.

So viel ist an diesem Nachmittag die Rede vom Künstler als demütigem Werkzeug Gottes; und dennoch will es partout keiner sehen, dass dort oben in Überlebensgröße Michael Triegel als Erlöser schwebt. Nur Bischof Feige ahnt wohl etwas. Er predigt: "Hinter vorgehaltener Hand wurde vorhin schon kritisiert, dass Michael Triegel den Figuren auf den Fenstern optische Ähnlichkeiten zur eigenen Familie gegeben hat. In der Tat: Es sind keine idealisierten Körperhüllen, die wir hier sehen, sondern der Künstler hat jene gemalt, die er selbst aus tiefstem Herzen liebt." Und wen scheint der Künstler, folgt man dem Blick der Köthener, am meisten zu lieben? Natürlich sich selbst.

Aber vielleicht ist ja alles auch ganz anders. Seinem Einstecktuch zum Trotz soll Michael Triegel ein bescheidener Mann auf Gottsuche sein. Das zumindest sagen nicht nur Menschen, die ihn kennen, das sagt auch seine Kunst über ihn – zumindest die, die seine ungläubig-suchende Phase vor der Taufe im vergangenen Jahr dokumentiert. Das berühmte Abendmahl aus dem Jahr 1994 etwa: Wie bei Leonardo da Vinci sitzt Jesus da an einem langen Tisch. Doch bei Triegel ist der Messias so allein, wie man nur an einem Tisch allein sein kann. Diesem Jesus sein Gesicht zu verleihen, zu diesem Bekenntnis war Triegel 1994 noch nicht bereit.