ZEIT: Mit 30 haben Sie sich von Ihrem Mann getrennt und die Kinder allein erzogen. Wie haben Sie das geschafft?

Pressler: Wir mussten von irgendwas leben, also habe ich zusammen mit einem Freund einen Jeansladen in Schwabing gegründet. Später hatte ich mit einer anderen alleinerziehenden Frau eine Wohngemeinschaft. Eine war immer zu Hause bei den Kindern. Das funktionierte, aber die finanzielle Verantwortung war sehr belastend. Damals bin ich wirklich erwachsen geworden.

ZEIT: Als Sie sechs oder sieben Jahre alt waren, erfuhren Sie von Ihrer Pflegemutter, dass Sie Jüdin sind. Anfangs haben Sie sich geschämt. Wann wurde das Thema wichtig für Sie?

Pressler: Als ich Kind war, habe ich alles, was an meinen sozialen Verhältnissen kaputt war, auf das Jüdischsein geschoben. Ich hatte ja nur den schlechten Klang im Ohr, den das Wort Jude damals hatte. Auch als Autorin habe ich jüdische Themen erst gemieden. Bis Anne Frank kam. Der S. Fischer Verlag wollte, dass ich die historisch-kritische Ausgabe ihrer Tagebücher übersetze, und natürlich habe ich sofort Ja gesagt, denn das war ja eine Ehre. Die Beschäftigung mit ihr und ihrer Familie hat mich verändert. Meine Tochter war damals im gleichen Alter wie Anne, und ich dachte immer: Die hätte es auch sein können.

ZEIT: Sie haben sich danach immer wieder mit religiösen Themen und jüdischen Figuren befasst, wie in Shylocks Tochter oder Nathan und seine Kinder.

Pressler: Mir geht es dabei aber nicht um Religion. Mich interessiert die Geschichte, und Religion ist wichtig, um die Geschichte zu verstehen. Heute spielt sie ja im allgemeinen Bewusstsein keine große Rolle mehr, zum Glück. Mein Traum wäre ja die totale Säkularisierung.

ZEIT: Die junge Protagonistin in Ihrem letzten Roman Wer morgens lacht schilt sich selbst für ihre Sentimentalität. Viele Ihrer Figuren sind hart zu sich selbst. Warum?

Pressler: In Bezug auf das eigene Leben darf man sich Sentimentalität nicht zugestehen. Sie trübt den klaren Blick, und man belügt sich selbst.

ZEIT: Wie waren Sie denn als Jugendliche?

Pressler: Ich war sehr auffällig, bin oft angeeckt. Jeden Tag bin ich zu spät in die Schule gekommen, habe meine Hausaufgaben nicht gemacht, war frech. Einmal hatte ich im Zeugnis 30 Einträge, also Verwarnungen. Ich muss ziemlich furchtbar gewesen sein.

ZEIT: War Ihnen damals klar, dass Sie begabt sind?

Pressler: Nein. Obwohl ich wusste, dass ich in Deutsch hervorragend bin. Wenn wir in der Schule einen Aufsatz schreiben mussten, habe ich zwei geschrieben, und einen davon an andere Schüler gegen Fresspaketanteile verkauft. Dabei habe ich noch aufgepasst, dass ich eine Eins kriege und der andere eine Zwei. Ich konnte auch alle Lehrer sofort einschätzen. Nach der ersten Stunde wusste ich genau, was für eine Art Aufsatz sie wollten. Und die hab ich ihnen geschrieben.