Soll das eine Familie sein? – Seite 1

Eine Frage des Gewissens

Warum ein Priester konvertierte

Hinter mir liegen dreißig harte Jahre. Erst jetzt habe ich die Familie, die ich will. Was heißt Familie, Kinder haben wir nicht. Aber wir haben einander. Ich bin jetzt mit Peter verheiratet, und wir leben zusammen. Das hört sich nicht sehr spektakulär an, dass Homosexuelle heiraten, ist ja wirklich keine Besonderheit mehr. Doch bei uns ist es anders: Ich war dreißig Jahre lang katholischer Priester. Heute bin ich ein evangelischer Pfarrer. Unser Zuhause ist ein Pfarrhaus.

Als Peter und ich einander kennenlernten, Anfang der 1980er, waren wir beide Studenten: Ich studierte katholische, Peter evangelische Theologie. Wir sangen gemeinsam im Chor. Die Begeisterung für den Glauben verband uns in der Sache, wir nahmen uns als ökumenische Existenzen wahr. Die Liebe kam erst später. Trotz dieser Liebe wurde ich Priester, ich bin katholisch sozialisiert. Ich musste mich entscheiden, und ich entschied mich für meine Begabung, ein guter Seelsorger zu sein. Ich sah es als meine Verantwortung an, meine Talente zu entfalten. Ich gab dem Dienst in der Kirche den Vorrang vor dem Zölibat.

Eine positive Mutter führt ihr Kind in die Freiheit und Selbstbestimmung. Eine negative Mutter verhindert die Abnabelung ihres Kindes. Sie macht dem Kind, das seinen eigenen Weg sucht, ein schlechtes Gewissen. Wer sich von dieser Mutter lösen will, ist ein "böses Kind". In meinen Augen ist die katholische Kirche solch eine negative Mutter. Sie war auch meine. Dieses ewige schlechte Gewissen ist stärker als jede Vernunft.

So lebte ich dreißig Jahre lang im Widerspruch mit den Vorschriften meiner Kirche. Ich liebte Peter, durfte aber nicht offen mit ihm leben. Was haben wir alles versäumt! Im Grunde wusste meine Gemeinde Bescheid. Jedenfalls ahnte man es. Peter wohnte zeitweise bei mir. Er spielte bei uns Orgel. Es war kein richtiges Versteckspiel, eher ein Verschweigen, ein Nichtdarüberreden. Wir traten als "gute Freunde" auf.

So war das. Der Mensch muss sich dem Gesetz dieser Kirche unterwerfen, auch was seine intimsten Gefühle angeht. Und ohne dass dieser Zwang irgendwie biblisch begründet wäre. Wer scheitert, wird als so defizitär wahrgenommen, dass ihm nur noch die Barmherzigkeit der Institution übrig bleibt. So entsteht ein gewaltiges Gefälle zwischen dem Bischof da oben und dem Wurm da unten, der den Ansprüchen nicht genügt.

Ich arbeitete und arbeitete. Zuletzt hatte ich sieben Gemeinden nebst Kindergärten und Verwaltung. Ich war eine Art mittelständischer Manager. Gleichzeitig fühlte ich mich mehr und mehr missbraucht und verzweckt um einer Ideologie willen. Ich dachte: Eine ganze Generation wird hier verheizt, um eine mächtige Institution zu stabilisieren. Würden alle Homosexuellen ihren Dienst in der Kirche aufgeben, ich glaube, ganze Dekanate stünden leer. Die katholische Kirche wäre gar nicht mehr handlungsfähig.

Irgendwann wurde mein Leidensdruck so groß, dass das Ideal nicht mehr zu retten war. Mein Leben erschien mir als ein einziger Verrat an Gott und den Menschen. Abends saß ich am Schreibtisch und weinte. Ich musste predigen und durfte nicht sagen, wovon ich überzeugt war.

Eine Gewissensentscheidung ist vielschichtig, und manchmal braucht sie lange. Bei mir dauerte es sehr lange, die Doppelbödigkeit meines Lebens zu durchschauen und zu überwinden, aber 2012 klopfte ich bei der evangelischen Kirche in Bayern an und bat darum, als Pfarrer übernommen zu werden. 2013 wurde ich evangelischer Pfarrer. Vorher aber ging ich zu meinem Bischof und stellte ihn vor vollendete Tatsachen. Ich wurde natürlich exkommuniziert. Das war die einzige Reaktionsmöglichkeit, die dem Bischof blieb. Aber das kümmerte mich nicht mehr. Ich war einfach weg.

Heute geht es mir gut. Mein Gewissen ist rein. Im April 2014 haben Peter und ich Hochzeit gefeiert. Eine Pastorin hat uns getraut. Ich bin jetzt Pfarrer einer Dorfgemeinde, Peter ist Theologieprofessor. Gerade kommen wir vom 60. Geburtstag eines Gemeindemitglieds. Natürlich gibt es in der Gemeinde vereinzelt Widerstand gegen unsere Art, Familie zu sein. Aber die allermeisten Christen sagen: Es ist ein Segen Gottes, dass Sie beide da sind! Die Leute sind nicht halb so engstirnig, wie man glaubt.

Wolfgang Schuhmacher ist Pfarrer in der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern

Die Sehnsucht nach der kleinen Familie

Kategorien des Glücks

"Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich." Wäre es heutzutage nicht richtiger, diesen weidlich zitierten Anfang von Tolstois Anna Karenina umzudrehen: Alle unglücklichen Familien sind einander ähnlich; jede glückliche Familie ist auf ihre Weise glücklich? Sind denn glückliche Familien nicht derart selten, dass jede von ihnen ein schöner Sonderfall ist? Während unglückliche Familien der Normalfall sind und alle Normalfälle einander ähnlich.

Der Begriff Familie hat in meinen Augen nur einen Sinn, wenn man ihn so versteht wie Tolstoi: Vater, Mutter, Kind – und dazu die Großeltern, Geschwister, Schwager und so fort. Die Familie also als zentrales Element der Generationenfolge, wozu gehört, dass die Zeugungs- und Verwandtschaftsverhältnisse klar geregelt sind. Jedes Individuum dieses Kollektivs kann angeben, von wem es abstammt und mit wem es wie verwandt ist.

Jeder weiß, dass dieses Bild, das in den Galerien abendländischer Kunst zu bewundern ist, nicht mehr als ein schönes Ideal bedeutet. Die Gegenwart kennt derart viele Varianten des Zusammenlebens und des Kinderhabens, dass heute kein Roman mehr mit Tolstois Sentenz beginnen könnte; und auch der Blick in die Geschichte, etwa in die Heiratspolitik der Dynastien, zeigt, dass die klassische Familie allzu oft nur eine wünschenswerte Form gewesen ist und keineswegs immer und überall die Realität.

Nun ist das Ideal eben dadurch definiert, dass es sich in der Wirklichkeit selten vorfindet. Die Frage ist nur, ob es noch gelten soll. Der Schutz von Ehe und Familie, den das Grundgesetz fordert, bezieht sich auf die alte Vorstellung von Vater, Mutter, Kind. Gleichgeschlechtliche Lebensformen, Familienimitationen dank neuer Reproduktionstechniken konnten damit nicht gemeint sein.

Wer den Familienbegriff derart ausdehnen will, dass er alle denkbaren Konstellationen umfasst, muss den Artikel 6 entweder gewaltsam uminterpretieren oder die Verfassung ändern. Wenn die Mehrheit es will, wird man es tun. Doch wäre damit das Ideal der Familie nicht verschwunden, so wie auch das Ideal des rechtsstaatlichen Gewaltmonopols nicht beseitigt wäre, wenn anarchische Verhältnisse einträten.

Es ist aber keineswegs so, dass das Bild der glücklichen Familie aus den Köpfen verschwunden wäre. Ich beobachte im Gegenteil eine zunehmende Heiratslust, verbunden mit Kirchgang, Hochzeitskleid und größeren Festivitäten. Ja, dieser Trend ist bloß ein Phänomen in der bürgerlich konservativen Mittelschicht und nicht eine massenhafte Erscheinung. Auch verkündet der Gang zum Traualtar keineswegs eine Rückkehr zu Kirche und Religion. Allerdings verrät er den Wunsch nach Verbindlichkeit, nach Treue und Dauer.

Dass dieser Wunsch nicht immer in Erfüllung geht – ich bin sicher, dass die jungen Brautpaare sich dessen bewusst sind. Sie sehen ja, wie das alte Familienbild allseits infrage gestellt wird, und manche kommen selber aus unglücklichen Familien. Wenn sie sich also zur feierlichen Hochzeit entschließen, so bedeutet das nur, dass sie eine Ausnahme wollen. Und wann, wenn nicht in diesem Augenblick, darf man sich als Ausnahme empfinden? Das Ideal ist naturgemäß die Ausnahme. Es anzustreben, kann kein Fehler sein.

Ich selbst bin glücklich verheiratet – in dritter Ehe. Ich kenne also den schwankenden Grund von Vorsätzen und Grundsätzen aus eigener Erfahrung. Anderen ergeht es nicht besser, und ich verstehe die Tendenz, der Unerreichbarkeit des Ideals dadurch auszuweichen, dass man alle Lebensformen, die irgendwie auf Liebe und Fürsorge beruhen, als Familie bezeichnet. Eine Person, die sich rührend um sich selber kümmert und beim Blick in den Spiegel zwei nette Menschen erkennt – wer wollte ihr das Recht absprechen, sich Familie zu nennen?

Vermutlich ist die Kategorie des Glücks ganz untauglich, um Sinn und Zweck einer Familie zu beschreiben. War die Ehe meiner Eltern glücklich? Ich zweifle daran, zögere aber mit einem Urteil. Es steht mir wohl auch nicht zu. Glück ist flüchtig. "Fortuna lächelt, doch sie mag / nur ungern voll beglücken: / Schenkt sie uns einen Sommertag, / so schenkt sie uns auch Mücken", schrieb Wilhelm Busch.

Ulrich Greiner ist Autor im Feuilleton der ZEIT

Wie es sich allein mit Kindern lebt

Unordentliches Theater

Alleinerziehend! Wie ein Schlag traf mich das Wort, nachdem der Kindesvater ausgezogen war. Eine sogenannte Freundin, natürlich kinderlos, stellte mich einer Tischrunde von Frauen vor: "Und dies ist S., die alleinerziehend ist." Schock und Schreck. Es war dieser Ton, gesättigt von der Genugtuung, dass unser Beispiel einer glücklichen Kleinfamilie endlich abgeräumt war, dazu ein neuer Sound von Herablassung.

Alleinerziehend erwischt die meisten auf dem falschen Fuß. Der Beginn des Alleinerziehens ist oft das Ende einer zermürbenden Auflösung aller einstigen Hoffnungen, Sehnsüchte, Gefühle. Im besten Fall hat man sich auseinandergelebt. Im schlimmsten Fall gab es Betrug und Verrat, alle emotionalen Kräfte sind zerrieben, auch das Vertrauen. Das bräuchte man aber dringend für dieses Experiment, das gerne als "gemeinsame Elternschaft" beschworen wird. Dessen Objekte sind dem Geschehen ausgeliefert. Eine ebenfalls alleinerziehende Freundin berichtete von gellenden "Papa!!!"-Schreien aus dem Kinderzimmer.

Kinder wollen, dass Papa und Mama da sind. Für viele Kinder bricht aber ein Vagabundenleben an. Jedes zweite Wochenende umziehen! Eltern, die sich fortschrittlich wähnen, teilen sich die Kinder wochenweise, über Jahre konnte ich in der Nachbarschaft beobachten, zu welchen Verhandlungen das führt. Hast du an Bio für Donnerstag gedacht? Was ziehst du am Mittwoch bei Lilis Geburtstag an? Nimm Gummistiefel mit! Nein, Papa hat keine Zeit, dich Freitag zu Marle zu fahren ...

Die meisten Erwachsenen würden es ablehnen, in einer Stadt an zwei Orten zu wohnen, die Kinder müssen. Gegen diese Organisiererei sind alle Zerrereien um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie Pillepalle. Es ist wenig tröstlich, dass die Partnerschaftsstreitereien jetzt Makulatur sind, wer die Spülmaschine leert oder das Fahrrad repariert oder schon wieder die Wäsche aufgehängt hat. Alleinerziehend heißt: alles alleine machen. Leider fehlen den meisten wichtige Ressourcen: Zeit und Geld.

Für rund 500 Euro Unterhalt im Monat kann man sich sein Kind von einer Alleinerziehenden betreuen lassen, es ist die preisgünstigste Art, in Deutschland Kinder zu haben. Dieses Billigunterhaltsmodell fühlt sich auch so an. Die Hälfte der Alleinerziehenden leben mit ihren Kindern in Armut.

In diesem Land wurden fette Steuer-Boni an die nicht berufstätige Gattin des Bürgertums verteilt, doppelter Harz-IV-Satz fürs Zuhausebleiben. Zusammen mit nicht bezahlten Krankenkassenbeiträgen und Sozialbeiträgen sowie nicht erwirtschafteten Steuern kann man sich die Fehlbeträge errechnen, die auch bewirkt haben, dass Kindergärten und Schulen, OECD-gerügt, zu wenig Stunden anbieten, zu wenig Unterricht. Bei Alleinerziehenden verdichtet sich das unheilvoll. Sie müssen ja jede freie Stunde ihrer Kinder organisieren, betreuen oder für Betreuung sorgen, sie müssten wirklich volle Kanne Geld verdienen, um das zu bezahlen, was sie nicht können, weil sie eben Kinder haben.

Sie sollen zugleich natürlich ein schönes Zuhause schaffen, zugewandt, anregend, liebevoll sein, an den Klavierunterricht denken, für das kleine Kind freitags im Kindergarten ein Frühstück machen und für das große Kind das Theaterstück proben und, natürlich, immer entspannt sein. Eben die ganze Mutti machen. Von den Gattinnen werden sie mit Argusaugen beäugt. Die kinderlosen Freunde betrachten fassungslos das unordentliche Theater.

Und die Kinder?

Als wir den Kindern erklärten, was passiert war, brüllte einer: "Aber ihr predigt doch immer, man solle sich vertragen!"

Susanne Mayer ist Redakteurin im Feuilleton der ZEIT

Wie es sich ohne Kinder lebt

Hedonisten!

Früher dachte ich, Kinder seien kein Problem. Ich war ja selbst gern eines gewesen und hatte lange, bis ich fast dreißig war, nie Schreckenswörter wie "Rollenkonflikt", "Doppelbelastung", "Kind oder Karriere" gehört. Dann kam ich in die Redaktion der ZEIT.

Wir, drei gleichaltrige Kollegen, standen auf dem Redaktionsflur, und der verheiratete Kollege mit den kleinen Kindern beklagte den demografischen Wandel. Dann schimpfte er über den Hedonismus der Kinderlosen. Wir anderen beiden, kinderlos, müssen skeptisch geblickt haben, denn er schimpfte immer lauter und rief schließlich: "Ihr habt es gut, ihr könnt machen, was ihr wollt und jederzeit zur Disco gehen!" Ich war da lange in keiner Disco mehr gewesen. Jetzt kam mir erstmals der Verdacht, das Glück der gepriesenen Kleinfamilien könne die reine Sehnsucht sein.

Heute lebe ich noch immer in keiner Kleinfamilie, sondern einfach mit dem Mann, den ich damals schon liebte. Wir sind unverheiratet und haben kein Kind. Das war nicht geplant, ehrlich gesagt, es war gar nichts geplant. Unser Leben war ausgefüllt mit Liebe und Arbeit, manchmal gab es auch Anlaß zur Trauer. Wir haben gemerkt, dass man das zu zweit ganz gut übersteht. Dass die Liebe hilft.

Mittlerweile glauben wir, dass wir Glück haben. Trotzdem sind wir nach den Maßstäben der katholischen Familiensynode in Rom, aber auch der säkularen Familiendebatten ein typisches Problempaar. Nicht ganz so problematisch wie Singles, aber doch Hochzeits- und Reproduktionsverweigerer. Der Vorwurf des Hedonismus ist zwar heute weniger populär als vor 15 Jahren – den Kollegen Kommentatoren wurde es wohl irgendwann peinlich, ihr eigenes Kinderhaben in einen Akt des Altruismus umzudeuten. Selbst in Rom beschimpfen nur noch die letzten Hardliner unverheiratete Paare als dekadent. Doch der übertriebene Schwung, die Verbissenheit, mit der oft noch Ehe und Kinder gelobt werden, bleibt mir verdächtig.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Ostdeutschland der siebziger und achtziger Jahre großgeworden bin, aus konservativer Sicht eine familienpolitisch prekäre Zeit. Viele Kinder gingen in den Kindergarten. Fast alle Mütter waren berufstätig. Es gab sogar alleinerziehende berufstätige Väter – meinen zum Beispiel. Nach dem Tod meiner Mutter wurde er von Bekannten halb besorgt, halb inquisitorisch befragt, ob er das denn schaffe, ob er die kleine Tochter nicht lieber weggeben wolle. Ich selber wurde viele, viele Jahre später noch immer mitleidig angeschaut: Armes Kind!

Doch das arme Kind und der alleinerziehende Vater kamen ganz gut klar. Freundliche Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins taten ein Übriges. Nie fühlte ich mich als Teil einer unheilen Familie. Nie wäre mir später als Erwachsener der Gedanke gekommen, Liebe beruhe auf Vollständigkeit oder Familienglück auf Heirat. Als Teenager las ich gespannt John Updikes Ehepaare, einen klassischen Familienkatastrophenroman.

Jetzt bin ich Mitte vierzig und besitze einen Ring mit der lateinischen Inschrift: Totus tuus ego sum. Sie war mal Motto eines Papstes: Ich bin ganz dein. Der Ring war ein Geschenk meines Liebsten, ein bisschen ketzerisch, ein bisschen pathetisch und durchaus mit Sinn für Transzendenz. So wie das moderne Zusammenleben auch. Sind zwei schon eine Familie? Kommt darauf an, was für die Beteiligten zählt: Kind? Hochzeit? Liebe? Für mich ist die Antwort klar.

Evelyn Finger leitet das Ressort Glauben & Zweifeln

Lebenslänglich Wohngemeinschaft

Die Müllers und wir

Im Oktober 1992 betrat ich eine fremde Vierzimmerwohnung in Hamburg. Am Küchentisch saß ein junger Arzt aus der Uniklinik. Er hieß Müller und hatte Kaffee gekocht. Er suchte einen Mitbewohner, deshalb war ich gekommen. Wenig später zog ich bei ihm ein.

Im Oktober 2015 leben wir immer noch zusammen, Müller und ich. Jetzt in einem Haus, das uns gemeinsam gehört – ebenso wie Müllers Ehefrau und meinem Mann. Denn wir haben beide inzwischen geheiratet. Die Müllers und wir haben insgesamt drei Kinder. Die Müllers zwei, wir eines. Neuerdings leben auch meine Schwester und mein Patenkind bei uns. Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Oder eine Wohngemeinschaft. Unsere umfasst inzwischen neun Personen.

Wohngemeinschaft? Sagen wir lieber: meine Familie. Wir feiern zusammen Weihnachten. Fahren oft zusammen in Urlaub. Machen Ausflüge oder liegen im Garten und trinken Aperol Spritz. Wir haben es gemütlich und viel Spaß miteinander – auch nach 23 Jahren. Der letzte Streit liegt mindestens 10 Jahre zurück.

Viele Jahre lang hat Frau Müller mein Kind unter ihre Fittiche genommen, wenn ich als Reporterin auf Reisen war. Sie liebt dieses Kind, als sei es ihr eigenes. Als es noch zur Grundschule ging, glaubte das Kind, seine Löckchen nicht von der eigenen Mama, sondern von Frau Müller geerbt zu haben. Eine Vererbungslehre der besonderen Art. Ohne Frau Müller wäre ich im Leben wohl nicht weit gekommen. Ohne die anderen aber auch nicht.

Sie sind meine Herde, mein Rudel. Ihnen kann ich erzählen, was ich erlebe. Ihnen vertraue ich an, was mich drückt. Ihnen höre ich zu. Mit ihnen fasse ich Beschlüsse. Von ihnen kriege ich Gegenwind (nicht zu knapp). Sie treiben mir den Egoismus aus. Sie sind meine Ratgeber und meine Helfer in der Not. Sie verteidigen mich, und ich kämpfe für sie. Wir sind unverwundbar. Niemand kann uns etwas anhaben.

Hat einer von uns Gäste, sind auch alle anderen eingeladen. Deshalb haben wir einen sehr, sehr langen Tisch. Es ist ein offenes Zuhause. Wir kochen und essen täglich gemeinsam, aber jeder sitzt freiwillig am Tisch. Niemand macht mir Vorwürfe, wenn ich keine Lust habe, spät nach Hause komme oder tagelang verschwunden und auf Reisen bin. Niemand ist beleidigt, wenn ich mich von unterwegs nicht melde. Niemand telefoniert oder schnüffelt hinter mir her. Und ich halte es genauso. Ich bin frei. Wir sind frei. Und trotzdem geborgen. Fehlt einer, wissen alle: Der kommt wieder.

Mein Mann und ich fragen uns manchmal, ob wir wohl noch verheiratet wären, lebten wir im Eigenheim in einer klassischen Kleinfamilie. Wahrscheinlich nicht. Allein die Vorstellung solcher Enge lässt uns schaudern. Müller sagt immer: "Von einem lässt man sich viel schneller scheiden als von vielen."

Sabine Rückert ist stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT

Zwei Mütter, zwei Väter, zwei Kinder

In der Regenbogenfamilie

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal Vater werde – oder sagen wir, so etwas Ähnliches. Denn nicht ich bin der leibliche Vater, sondern mein Mann Andreas. Ich bin nur der soziale Vater der Kinder, oder eine Art Patenonkel – aber beide Worte treffen die Wirklichkeit nicht. Auch der korrekte Fachbegriff für einen Menschen, der lebt wie ich, "Co-Vater" (also ein schwuler Mann, dessen Partner Kinder hat), klingt irgendwie künstlich und gestelzt.

Doch selbst wenn es für mich nur künstliche Bezeichnungen gibt – mein Gefühl für unsere beiden Kinder Annemarie und Tom ist tief und echt. Wenn ich sie spielen sehe, überschwemmt mich eine unbeschreibliche Woge des Glücks. Sie sind so schön und so fröhlich. Ich habe sie sehr lieb.

Ihre Namen stehen an unserer Haustür. Andreas holt sie jeden Donnerstagmittag von der Grundschule und aus dem Kindergarten ab. Und dann bleiben sie bis Samstagabend (manchmal auch bis Sonntagmorgen) bei Andreas und mir. In ihrem zweiten Zuhause.

Danach bringen wir sie wieder zu ihren Müttern, das heißt zu ihrer leiblichen Mutter Julia und deren Ehefrau (und Co-Mutter) Elisabeth. Die beiden Frauen sind lesbisch und leben in derselben Stadt wie wir. Annemarie und Tom haben also vier Eltern, zwei schwule Männer und zwei lesbische Frauen. Als sie geboren wurden, beugten sich jeweils vier glückliche Erwachsene über den Säugling. Es war erhebend.

Andreas und ich sind schon sehr lange ein Paar. Julia und Elisabeth auch. Andreas und Julia wiederum kennen sich noch aus der Studienzeit und sind sehr alte Freunde. Deshalb konnten sie miteinander auch offen über ihren Schmerz sprechen, dass sie als homosexuelle Menschen niemals Kinder haben würden. Am Anfang war es nur ein Gedankenspiel, es gemeinsam doch zu versuchen. Aber nach fast zwei Jahren in einer Silvesternacht (ich glaube, es war 2003 auf 2004) fassten sie den konkreten Beschluss, Eltern zu werden und zusammen ein Kind zu haben. Schon der erste Versuch der künstlichen Befruchtung war erfolgreich. Neun Monate später kam Annemarie. Einige Jahre später folgte Tom. Bei dieser zweiten Geburt war Andreas dabei und hielt Julia die Hand.

Andreas kommt aus einer wunderbar intakten Familie. Die drei Geschwister wurden nach Kräften geliebt – und gefördert, obwohl die Eltern nicht viel Geld hatten. Andreas wusste, ohne Kinder würde ihm etwas fehlen. Und jedes Kind dieser Welt könnte sich glücklich schätzen, einen Vater wie Andreas zu haben, es gibt keinen besseren.

Schon vor Annemaries Geburt gingen wir alle vier zum Notar und setzten die Eckpunkte fest. Demnach sind Andreas und Julia die "richtigen", Elisabeth und ich die sozialen Eltern der Kinder. Manchmal fahren wir zusammen in Urlaub – zwei Männer, zwei Frauen, zwei Kinder. Nach Sylt oder an die Ostsee. Meist aber teilen wir uns die Ferien auf. Manchmal gehen wir auch auf Feste für sogenannte Regenbogenfamilien, also Familien mit lesbischen Müttern und/oder schwulen Vätern oder Quartetten so wie uns. Familienmodelle, die keine rechten Vorbilder haben.

In letzter Zeit ziehen Julia und Andreas auch häufiger zu zweit mit ihren beiden Kindern los. Annemarie hat im Grunde nämlich eher klassisch-bürgerliche Vorstellungen von einer Familie und möchte mit Mama und Papa auftreten. Dann gehen sie ins Marionettentheater oder in den Zoo, und kein Beobachter ahnt, dass die vier alles andere sind als eine normale Familie.

Thorsten F. lebt in einer deutschen Großstadt und möchte unbekannt bleiben – der Kinder wegen