Unordentliches Theater

Alleinerziehend! Wie ein Schlag traf mich das Wort, nachdem der Kindesvater ausgezogen war. Eine sogenannte Freundin, natürlich kinderlos, stellte mich einer Tischrunde von Frauen vor: "Und dies ist S., die alleinerziehend ist." Schock und Schreck. Es war dieser Ton, gesättigt von der Genugtuung, dass unser Beispiel einer glücklichen Kleinfamilie endlich abgeräumt war, dazu ein neuer Sound von Herablassung.

Alleinerziehend erwischt die meisten auf dem falschen Fuß. Der Beginn des Alleinerziehens ist oft das Ende einer zermürbenden Auflösung aller einstigen Hoffnungen, Sehnsüchte, Gefühle. Im besten Fall hat man sich auseinandergelebt. Im schlimmsten Fall gab es Betrug und Verrat, alle emotionalen Kräfte sind zerrieben, auch das Vertrauen. Das bräuchte man aber dringend für dieses Experiment, das gerne als "gemeinsame Elternschaft" beschworen wird. Dessen Objekte sind dem Geschehen ausgeliefert. Eine ebenfalls alleinerziehende Freundin berichtete von gellenden "Papa!!!"-Schreien aus dem Kinderzimmer.

Kinder wollen, dass Papa und Mama da sind. Für viele Kinder bricht aber ein Vagabundenleben an. Jedes zweite Wochenende umziehen! Eltern, die sich fortschrittlich wähnen, teilen sich die Kinder wochenweise, über Jahre konnte ich in der Nachbarschaft beobachten, zu welchen Verhandlungen das führt. Hast du an Bio für Donnerstag gedacht? Was ziehst du am Mittwoch bei Lilis Geburtstag an? Nimm Gummistiefel mit! Nein, Papa hat keine Zeit, dich Freitag zu Marle zu fahren ...

Die meisten Erwachsenen würden es ablehnen, in einer Stadt an zwei Orten zu wohnen, die Kinder müssen. Gegen diese Organisiererei sind alle Zerrereien um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie Pillepalle. Es ist wenig tröstlich, dass die Partnerschaftsstreitereien jetzt Makulatur sind, wer die Spülmaschine leert oder das Fahrrad repariert oder schon wieder die Wäsche aufgehängt hat. Alleinerziehend heißt: alles alleine machen. Leider fehlen den meisten wichtige Ressourcen: Zeit und Geld.

Für rund 500 Euro Unterhalt im Monat kann man sich sein Kind von einer Alleinerziehenden betreuen lassen, es ist die preisgünstigste Art, in Deutschland Kinder zu haben. Dieses Billigunterhaltsmodell fühlt sich auch so an. Die Hälfte der Alleinerziehenden leben mit ihren Kindern in Armut.

In diesem Land wurden fette Steuer-Boni an die nicht berufstätige Gattin des Bürgertums verteilt, doppelter Harz-IV-Satz fürs Zuhausebleiben. Zusammen mit nicht bezahlten Krankenkassenbeiträgen und Sozialbeiträgen sowie nicht erwirtschafteten Steuern kann man sich die Fehlbeträge errechnen, die auch bewirkt haben, dass Kindergärten und Schulen, OECD-gerügt, zu wenig Stunden anbieten, zu wenig Unterricht. Bei Alleinerziehenden verdichtet sich das unheilvoll. Sie müssen ja jede freie Stunde ihrer Kinder organisieren, betreuen oder für Betreuung sorgen, sie müssten wirklich volle Kanne Geld verdienen, um das zu bezahlen, was sie nicht können, weil sie eben Kinder haben.

Sie sollen zugleich natürlich ein schönes Zuhause schaffen, zugewandt, anregend, liebevoll sein, an den Klavierunterricht denken, für das kleine Kind freitags im Kindergarten ein Frühstück machen und für das große Kind das Theaterstück proben und, natürlich, immer entspannt sein. Eben die ganze Mutti machen. Von den Gattinnen werden sie mit Argusaugen beäugt. Die kinderlosen Freunde betrachten fassungslos das unordentliche Theater.

Und die Kinder?

Als wir den Kindern erklärten, was passiert war, brüllte einer: "Aber ihr predigt doch immer, man solle sich vertragen!"

Susanne Mayer ist Redakteurin im Feuilleton der ZEIT