Hedonisten!

Früher dachte ich, Kinder seien kein Problem. Ich war ja selbst gern eines gewesen und hatte lange, bis ich fast dreißig war, nie Schreckenswörter wie "Rollenkonflikt", "Doppelbelastung", "Kind oder Karriere" gehört. Dann kam ich in die Redaktion der ZEIT.

Wir, drei gleichaltrige Kollegen, standen auf dem Redaktionsflur, und der verheiratete Kollege mit den kleinen Kindern beklagte den demografischen Wandel. Dann schimpfte er über den Hedonismus der Kinderlosen. Wir anderen beiden, kinderlos, müssen skeptisch geblickt haben, denn er schimpfte immer lauter und rief schließlich: "Ihr habt es gut, ihr könnt machen, was ihr wollt und jederzeit zur Disco gehen!" Ich war da lange in keiner Disco mehr gewesen. Jetzt kam mir erstmals der Verdacht, das Glück der gepriesenen Kleinfamilien könne die reine Sehnsucht sein.

Heute lebe ich noch immer in keiner Kleinfamilie, sondern einfach mit dem Mann, den ich damals schon liebte. Wir sind unverheiratet und haben kein Kind. Das war nicht geplant, ehrlich gesagt, es war gar nichts geplant. Unser Leben war ausgefüllt mit Liebe und Arbeit, manchmal gab es auch Anlaß zur Trauer. Wir haben gemerkt, dass man das zu zweit ganz gut übersteht. Dass die Liebe hilft.

Mittlerweile glauben wir, dass wir Glück haben. Trotzdem sind wir nach den Maßstäben der katholischen Familiensynode in Rom, aber auch der säkularen Familiendebatten ein typisches Problempaar. Nicht ganz so problematisch wie Singles, aber doch Hochzeits- und Reproduktionsverweigerer. Der Vorwurf des Hedonismus ist zwar heute weniger populär als vor 15 Jahren – den Kollegen Kommentatoren wurde es wohl irgendwann peinlich, ihr eigenes Kinderhaben in einen Akt des Altruismus umzudeuten. Selbst in Rom beschimpfen nur noch die letzten Hardliner unverheiratete Paare als dekadent. Doch der übertriebene Schwung, die Verbissenheit, mit der oft noch Ehe und Kinder gelobt werden, bleibt mir verdächtig.

Vielleicht liegt es daran, dass ich im Ostdeutschland der siebziger und achtziger Jahre großgeworden bin, aus konservativer Sicht eine familienpolitisch prekäre Zeit. Viele Kinder gingen in den Kindergarten. Fast alle Mütter waren berufstätig. Es gab sogar alleinerziehende berufstätige Väter – meinen zum Beispiel. Nach dem Tod meiner Mutter wurde er von Bekannten halb besorgt, halb inquisitorisch befragt, ob er das denn schaffe, ob er die kleine Tochter nicht lieber weggeben wolle. Ich selber wurde viele, viele Jahre später noch immer mitleidig angeschaut: Armes Kind!

Doch das arme Kind und der alleinerziehende Vater kamen ganz gut klar. Freundliche Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins taten ein Übriges. Nie fühlte ich mich als Teil einer unheilen Familie. Nie wäre mir später als Erwachsener der Gedanke gekommen, Liebe beruhe auf Vollständigkeit oder Familienglück auf Heirat. Als Teenager las ich gespannt John Updikes Ehepaare, einen klassischen Familienkatastrophenroman.

Jetzt bin ich Mitte vierzig und besitze einen Ring mit der lateinischen Inschrift: Totus tuus ego sum. Sie war mal Motto eines Papstes: Ich bin ganz dein. Der Ring war ein Geschenk meines Liebsten, ein bisschen ketzerisch, ein bisschen pathetisch und durchaus mit Sinn für Transzendenz. So wie das moderne Zusammenleben auch. Sind zwei schon eine Familie? Kommt darauf an, was für die Beteiligten zählt: Kind? Hochzeit? Liebe? Für mich ist die Antwort klar.

Evelyn Finger leitet das Ressort Glauben & Zweifeln