Die Müllers und wir

Im Oktober 1992 betrat ich eine fremde Vierzimmerwohnung in Hamburg. Am Küchentisch saß ein junger Arzt aus der Uniklinik. Er hieß Müller und hatte Kaffee gekocht. Er suchte einen Mitbewohner, deshalb war ich gekommen. Wenig später zog ich bei ihm ein.

Im Oktober 2015 leben wir immer noch zusammen, Müller und ich. Jetzt in einem Haus, das uns gemeinsam gehört – ebenso wie Müllers Ehefrau und meinem Mann. Denn wir haben beide inzwischen geheiratet. Die Müllers und wir haben insgesamt drei Kinder. Die Müllers zwei, wir eines. Neuerdings leben auch meine Schwester und mein Patenkind bei uns. Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Oder eine Wohngemeinschaft. Unsere umfasst inzwischen neun Personen.

Wohngemeinschaft? Sagen wir lieber: meine Familie. Wir feiern zusammen Weihnachten. Fahren oft zusammen in Urlaub. Machen Ausflüge oder liegen im Garten und trinken Aperol Spritz. Wir haben es gemütlich und viel Spaß miteinander – auch nach 23 Jahren. Der letzte Streit liegt mindestens 10 Jahre zurück.

Viele Jahre lang hat Frau Müller mein Kind unter ihre Fittiche genommen, wenn ich als Reporterin auf Reisen war. Sie liebt dieses Kind, als sei es ihr eigenes. Als es noch zur Grundschule ging, glaubte das Kind, seine Löckchen nicht von der eigenen Mama, sondern von Frau Müller geerbt zu haben. Eine Vererbungslehre der besonderen Art. Ohne Frau Müller wäre ich im Leben wohl nicht weit gekommen. Ohne die anderen aber auch nicht.

Sie sind meine Herde, mein Rudel. Ihnen kann ich erzählen, was ich erlebe. Ihnen vertraue ich an, was mich drückt. Ihnen höre ich zu. Mit ihnen fasse ich Beschlüsse. Von ihnen kriege ich Gegenwind (nicht zu knapp). Sie treiben mir den Egoismus aus. Sie sind meine Ratgeber und meine Helfer in der Not. Sie verteidigen mich, und ich kämpfe für sie. Wir sind unverwundbar. Niemand kann uns etwas anhaben.

Hat einer von uns Gäste, sind auch alle anderen eingeladen. Deshalb haben wir einen sehr, sehr langen Tisch. Es ist ein offenes Zuhause. Wir kochen und essen täglich gemeinsam, aber jeder sitzt freiwillig am Tisch. Niemand macht mir Vorwürfe, wenn ich keine Lust habe, spät nach Hause komme oder tagelang verschwunden und auf Reisen bin. Niemand ist beleidigt, wenn ich mich von unterwegs nicht melde. Niemand telefoniert oder schnüffelt hinter mir her. Und ich halte es genauso. Ich bin frei. Wir sind frei. Und trotzdem geborgen. Fehlt einer, wissen alle: Der kommt wieder.

Mein Mann und ich fragen uns manchmal, ob wir wohl noch verheiratet wären, lebten wir im Eigenheim in einer klassischen Kleinfamilie. Wahrscheinlich nicht. Allein die Vorstellung solcher Enge lässt uns schaudern. Müller sagt immer: "Von einem lässt man sich viel schneller scheiden als von vielen."

Sabine Rückert ist stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT