In der Regenbogenfamilie

Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich einmal Vater werde – oder sagen wir, so etwas Ähnliches. Denn nicht ich bin der leibliche Vater, sondern mein Mann Andreas. Ich bin nur der soziale Vater der Kinder, oder eine Art Patenonkel – aber beide Worte treffen die Wirklichkeit nicht. Auch der korrekte Fachbegriff für einen Menschen, der lebt wie ich, "Co-Vater" (also ein schwuler Mann, dessen Partner Kinder hat), klingt irgendwie künstlich und gestelzt.

Doch selbst wenn es für mich nur künstliche Bezeichnungen gibt – mein Gefühl für unsere beiden Kinder Annemarie und Tom ist tief und echt. Wenn ich sie spielen sehe, überschwemmt mich eine unbeschreibliche Woge des Glücks. Sie sind so schön und so fröhlich. Ich habe sie sehr lieb.

Ihre Namen stehen an unserer Haustür. Andreas holt sie jeden Donnerstagmittag von der Grundschule und aus dem Kindergarten ab. Und dann bleiben sie bis Samstagabend (manchmal auch bis Sonntagmorgen) bei Andreas und mir. In ihrem zweiten Zuhause.

Danach bringen wir sie wieder zu ihren Müttern, das heißt zu ihrer leiblichen Mutter Julia und deren Ehefrau (und Co-Mutter) Elisabeth. Die beiden Frauen sind lesbisch und leben in derselben Stadt wie wir. Annemarie und Tom haben also vier Eltern, zwei schwule Männer und zwei lesbische Frauen. Als sie geboren wurden, beugten sich jeweils vier glückliche Erwachsene über den Säugling. Es war erhebend.

Andreas und ich sind schon sehr lange ein Paar. Julia und Elisabeth auch. Andreas und Julia wiederum kennen sich noch aus der Studienzeit und sind sehr alte Freunde. Deshalb konnten sie miteinander auch offen über ihren Schmerz sprechen, dass sie als homosexuelle Menschen niemals Kinder haben würden. Am Anfang war es nur ein Gedankenspiel, es gemeinsam doch zu versuchen. Aber nach fast zwei Jahren in einer Silvesternacht (ich glaube, es war 2003 auf 2004) fassten sie den konkreten Beschluss, Eltern zu werden und zusammen ein Kind zu haben. Schon der erste Versuch der künstlichen Befruchtung war erfolgreich. Neun Monate später kam Annemarie. Einige Jahre später folgte Tom. Bei dieser zweiten Geburt war Andreas dabei und hielt Julia die Hand.

Andreas kommt aus einer wunderbar intakten Familie. Die drei Geschwister wurden nach Kräften geliebt – und gefördert, obwohl die Eltern nicht viel Geld hatten. Andreas wusste, ohne Kinder würde ihm etwas fehlen. Und jedes Kind dieser Welt könnte sich glücklich schätzen, einen Vater wie Andreas zu haben, es gibt keinen besseren.

Schon vor Annemaries Geburt gingen wir alle vier zum Notar und setzten die Eckpunkte fest. Demnach sind Andreas und Julia die "richtigen", Elisabeth und ich die sozialen Eltern der Kinder. Manchmal fahren wir zusammen in Urlaub – zwei Männer, zwei Frauen, zwei Kinder. Nach Sylt oder an die Ostsee. Meist aber teilen wir uns die Ferien auf. Manchmal gehen wir auch auf Feste für sogenannte Regenbogenfamilien, also Familien mit lesbischen Müttern und/oder schwulen Vätern oder Quartetten so wie uns. Familienmodelle, die keine rechten Vorbilder haben.

In letzter Zeit ziehen Julia und Andreas auch häufiger zu zweit mit ihren beiden Kindern los. Annemarie hat im Grunde nämlich eher klassisch-bürgerliche Vorstellungen von einer Familie und möchte mit Mama und Papa auftreten. Dann gehen sie ins Marionettentheater oder in den Zoo, und kein Beobachter ahnt, dass die vier alles andere sind als eine normale Familie.

Thorsten F. lebt in einer deutschen Großstadt und möchte unbekannt bleiben – der Kinder wegen