Eine Frage des Gewissens

Warum ein Priester konvertierte

Hinter mir liegen dreißig harte Jahre. Erst jetzt habe ich die Familie, die ich will. Was heißt Familie, Kinder haben wir nicht. Aber wir haben einander. Ich bin jetzt mit Peter verheiratet, und wir leben zusammen. Das hört sich nicht sehr spektakulär an, dass Homosexuelle heiraten, ist ja wirklich keine Besonderheit mehr. Doch bei uns ist es anders: Ich war dreißig Jahre lang katholischer Priester. Heute bin ich ein evangelischer Pfarrer. Unser Zuhause ist ein Pfarrhaus.

Als Peter und ich einander kennenlernten, Anfang der 1980er, waren wir beide Studenten: Ich studierte katholische, Peter evangelische Theologie. Wir sangen gemeinsam im Chor. Die Begeisterung für den Glauben verband uns in der Sache, wir nahmen uns als ökumenische Existenzen wahr. Die Liebe kam erst später. Trotz dieser Liebe wurde ich Priester, ich bin katholisch sozialisiert. Ich musste mich entscheiden, und ich entschied mich für meine Begabung, ein guter Seelsorger zu sein. Ich sah es als meine Verantwortung an, meine Talente zu entfalten. Ich gab dem Dienst in der Kirche den Vorrang vor dem Zölibat.

Eine positive Mutter führt ihr Kind in die Freiheit und Selbstbestimmung. Eine negative Mutter verhindert die Abnabelung ihres Kindes. Sie macht dem Kind, das seinen eigenen Weg sucht, ein schlechtes Gewissen. Wer sich von dieser Mutter lösen will, ist ein "böses Kind". In meinen Augen ist die katholische Kirche solch eine negative Mutter. Sie war auch meine. Dieses ewige schlechte Gewissen ist stärker als jede Vernunft.

So lebte ich dreißig Jahre lang im Widerspruch mit den Vorschriften meiner Kirche. Ich liebte Peter, durfte aber nicht offen mit ihm leben. Was haben wir alles versäumt! Im Grunde wusste meine Gemeinde Bescheid. Jedenfalls ahnte man es. Peter wohnte zeitweise bei mir. Er spielte bei uns Orgel. Es war kein richtiges Versteckspiel, eher ein Verschweigen, ein Nichtdarüberreden. Wir traten als "gute Freunde" auf.

So war das. Der Mensch muss sich dem Gesetz dieser Kirche unterwerfen, auch was seine intimsten Gefühle angeht. Und ohne dass dieser Zwang irgendwie biblisch begründet wäre. Wer scheitert, wird als so defizitär wahrgenommen, dass ihm nur noch die Barmherzigkeit der Institution übrig bleibt. So entsteht ein gewaltiges Gefälle zwischen dem Bischof da oben und dem Wurm da unten, der den Ansprüchen nicht genügt.

Ich arbeitete und arbeitete. Zuletzt hatte ich sieben Gemeinden nebst Kindergärten und Verwaltung. Ich war eine Art mittelständischer Manager. Gleichzeitig fühlte ich mich mehr und mehr missbraucht und verzweckt um einer Ideologie willen. Ich dachte: Eine ganze Generation wird hier verheizt, um eine mächtige Institution zu stabilisieren. Würden alle Homosexuellen ihren Dienst in der Kirche aufgeben, ich glaube, ganze Dekanate stünden leer. Die katholische Kirche wäre gar nicht mehr handlungsfähig.

Irgendwann wurde mein Leidensdruck so groß, dass das Ideal nicht mehr zu retten war. Mein Leben erschien mir als ein einziger Verrat an Gott und den Menschen. Abends saß ich am Schreibtisch und weinte. Ich musste predigen und durfte nicht sagen, wovon ich überzeugt war.

Eine Gewissensentscheidung ist vielschichtig, und manchmal braucht sie lange. Bei mir dauerte es sehr lange, die Doppelbödigkeit meines Lebens zu durchschauen und zu überwinden, aber 2012 klopfte ich bei der evangelischen Kirche in Bayern an und bat darum, als Pfarrer übernommen zu werden. 2013 wurde ich evangelischer Pfarrer. Vorher aber ging ich zu meinem Bischof und stellte ihn vor vollendete Tatsachen. Ich wurde natürlich exkommuniziert. Das war die einzige Reaktionsmöglichkeit, die dem Bischof blieb. Aber das kümmerte mich nicht mehr. Ich war einfach weg.

Heute geht es mir gut. Mein Gewissen ist rein. Im April 2014 haben Peter und ich Hochzeit gefeiert. Eine Pastorin hat uns getraut. Ich bin jetzt Pfarrer einer Dorfgemeinde, Peter ist Theologieprofessor. Gerade kommen wir vom 60. Geburtstag eines Gemeindemitglieds. Natürlich gibt es in der Gemeinde vereinzelt Widerstand gegen unsere Art, Familie zu sein. Aber die allermeisten Christen sagen: Es ist ein Segen Gottes, dass Sie beide da sind! Die Leute sind nicht halb so engstirnig, wie man glaubt.

Wolfgang Schuhmacher ist Pfarrer in der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern