Es gibt ein albernes Bonmot des Schriftstellers Gregor von Rezzori, wonach ein guter moderner Roman daran zu erkennen sei, dass man an den Titel ein "unter der Bettdecke" anhängen könne. Der Mann ohne Eigenschaften unter der Bettdecke, Der Zauberberg unter der Bettdecke. Auch den Titel des in jeder Hinsicht aus allen Nähten platzenden Romans Parallelgeschichten von Péter Nádas könnte man so verlängern, weil tatsächlich einige Hundert Seiten des Buches im Bett spielen. Mit einer auf alle ästhetischen und moralischen Konventionen pfeifenden Rücksichtslosigkeit nagelt er einige seiner Protagonisten gewissermaßen im Bett so lange fest, bis alles zur Sprache und Anschauung gekommen ist. Wo andere Autoren der Weltliteratur aus Scham und Anstand gnädig die Decke über die Liebenden ziehen und sie "machen" lassen und gerade durch Aussparung die erotische Fantasie anregen, reißt Peter Nadas ihnen das Laken weg und zeigt sie in ihrer elementaren Nacktheit.

Manchmal denkt man, der Autor säße mit einem scharfen Vergrößerungsglas auf der Bettkante, damit ihm auch nicht das kleinste Detail entgehe, und natürlich kann man als Leser die vielleicht spießige Frage nicht unterdrücken, ob hier weniger mehr gewesen wäre. Aber wie bei allen Romanen, die – gewollt oder nicht – es sich zur Aufgabe gemacht haben, die seit Jahrhunderten solide entwickelte Architektur des Romans einzureißen, sind solche Überlegungen müßig. Er wollte es so und nicht anders, basta. Auch Péter Nádas wird wohl kaum an die Höhe seiner Auflage gedacht haben, als er in mühevoller Arbeit seine Parallelgeschichten schrieb, für die er achtzehn Jahre seines Schreiblebens opfern musste. Er hat es einfach getan.

Vier Tage bleiben Gyöngyver und ihr Geliebter Agost im Bett: "Sie hatten keine Übung miteinander, gewannen seltsamerweise auch keine. Worüber sie nicht nur das Zeitgefühl verloren, sondern auch das Interesse an der Außenwelt. Sie wurden füreinander zur einzig möglichen Außenwelt, und gerade deswegen waren sie je einzeln nicht so wichtig, war es nicht nötig, dieses Gesamt aufzuheben. Eigentlich hatten sie kein genaues Bild davon, wo und wie der andere war, denn das Wissen saß in ihren Händen, auf ihren Lippen und ihrer Zunge oder auf den Härchen ihrer Nasenhöhle, sie ahnten eher nur, wo der eine aufhörte und der andere beginnt."

Nádas ist der Ethnologe der Haut. Seine brutalen Geschichten aus dem brutalen 20. Jahrhundert kehren immer wieder zurück zu dieser Urerfahrung, mit der alle kleinen und großen Entdeckungen beginnen. Es gibt keinen anderen Autor, der mit dieser obsessiven Insistenz jede Pore der Epidermis untersucht hat, die dünne Membran zwischen innen und außen. Es gibt eine Beschreibung des Homosexuellenstrichs auf der Margareteninsel in Budapest, wo einer seiner der eigenen Sexualität unsicheren Helden sein Glück versucht. Die sinistre Atmosphäre des damals noch strikt Verbotenen, die Bereitschaft, sich einzulassen, obwohl die Umstände mehr als entsetzlich sind, das Gestöhne hinter den Büschen und der Gestank über dem Ganzen, das Elend, das einen abhalten müsste, aber eben unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt – man kann diese vielen Seiten nur deshalb verkraften, weil sie ein großer Schriftsteller geschrieben hat. Dieser ungarische Schriftsteller steht mehr auf der Seite der Getriebenen von Dostojewski als auf der rationalen Seite Tolstois.

Man muss sich lange in diesem Wörtermeer bewegt haben, um die Genealogie der handelnden Personen, die fast alle ungarisch-deutscher Herkunft sind, einigermaßen nachvollziehen zu können. Aber hat man sich einmal eingelesen, wird auch klar, warum dieser Schwebezustand durchgehalten wird: Dieser Roman ist das Epos der zerbrochenen Identität, insofern ist er auch der letzte authentische Roman Mitteleuropas. Es gibt viele Passagen, die einem den Atem nehmen, aber eine ganz besonders, die hier zitiert sein soll: "Was für ein hoffnungsloser Kerl ich doch bin, wirklich ein blöder kleiner Arsch. Er bedauerte, dass sie ihn nicht erwischt, nicht zu Boden geworfen, es nicht mit ihm gemacht hatten. Jetzt ist es das, was mir leidtut. Aufgeschlitzt, blutig, von ihrem Sperma verdreckt würde er in verschmierten Ausscheidungen liegen, aber wenigstens hätte er mit seiner durchgeschnittenen Kehle alles hinter sich, dieses ganze verschissene, aussichtslose Leben. Dann mochte die Polizei kommen. Er kämpfte mit dem Unbekannten, rang mit sich selbst. Es reicht nicht, dass ich als Jude geboren bin, es reicht nicht, dass ich keine Eltern habe, schwul muss ich auch noch sein. Wozu war er geboren, er verstand es nicht und wusste, dass er sich zum Glücklichsein vom Leben trennen müsste, da es nichts für ihn bereithielt. Und nicht einmal das stimmte. Gerade das war sein Problem, dass er mit seinem Leben in einem Zwischenbereich steckengeblieben war. Wenn er doch wenigstens als Jude geboren wäre, aber seine Mutter stammte aus einer erzkatholischen Familie. Wenn er doch wenigstens wirklich eine Waise wäre, sein Vater war ja tatsächlich von den Kommunisten umgebracht worden, von seinen kommunistischen Genossen, aber seine Mutter hatte ihr leibliches Kind ganz einfach verlassen."

Wir können hier nicht die Netzstruktur dieses Romans nachzeichnen, zu komplex sind die Beziehungen, die diese verlorenen Personen verbinden. Alle sind verloren, die Täter wie die Opfer, keiner entkommt diesem Jahrhundert, das alle hat schuldig werden lassen. Die langen Kapitel über Eugenik, über die Deportation der Budapester Juden, über das NS-Internat Lebensborn, über Mitläufer und Denunzianten – es gibt keine Instanz und keine Institution, welche die Risse in der Mauer des Weltgebäudes und die Beschädigungen der Menschen noch einmal heilen könnte.

Wem soll man dieses bedeutende, ausufernde Buch empfehlen, dessen Lektüre alles andere als leicht und dessen Weltsicht zu wenig Hoffnung Anlass gibt? Vielleicht lesen künftige Generationen gerade dieses Buch als düstere Prophetie dessen, womit sie sich herumzuschlagen haben. Sie werden es nicht bereuen.

Péter Nádas: "Parallelgeschichten", Roman; a. d. Ungar. v. Christina Viragh; Rowohlt, Reinbek 2013; 1728 S., 39,95 €, als E-Book 17,99 €