Der Mann auf dem Podium im völlig überfüllten Pressezimmer ist enttäuscht. "C’est un dimanche noir! Pour tous les partisans de l’ouverture", schleudert Jean-Pascal Delamuraz, FDP-Bundesrat aus der Waadt, den Journalisten entgegen. Ein schwarzer Sonntag für alle Verfechter der Öffnung.

Der 6. Dezember 1992 ist ein Schlüsselmoment der jüngeren Schweizer Geschichte. An diesem Sonntag lehnt das Stimmvolk den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) hauchdünn ab. Die Abstimmungskampagne war ein Kampf einer gegen alle; Christoph Blocher gegen das Establishment. Der Startschuss zu einem fulminanten Aufstieg der SVP, die ihren Wähleranteil von 1991 bis 2011 mehr als verdoppelt. Von 11,9 auf 26,6 Prozent. Und es ist der Beginn einer großen Erzählung, die bis heute von links bis rechts wiedergekäut wird:

Die Schweiz schottet sich ab – nach und nach, von Europa und der Welt.

Doch das EWR-Nein, der SVP-Durchmarsch oder die am 9. Februar 2014 angenommene Masseneinwanderungsinitiative sind nur die eine Hälfte der Geschichte. Die andere lautet: Das Land hat sich in den letzten 25 Jahren radikal der Welt geöffnet. Politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Ein paar Fakten:

Die Schweiz ist heute Mitglied in (fast) allen wichtigen internationalen Organisationen. Sie hat ihr Verhältnis zur Europäischen Union in bilateralen Verträgen geregelt und beteiligt sich an der Partnership for Peace der Nato. Sie tut dies in den meisten Fällen: durch den Willen des Volkes.

Auf einem Barometer der ETH-Konjunkturforscher gehört das Land heute zu den 15 am stärksten globalisierten Ländern der Welt. Die zwanzig größten und umsatzstärksten Firmen, deren Aktien an der Schweizer Börse gehandelt werden, machen gerade mal acht Prozent ihres Umsatzes in der Schweiz. Gleichzeitig investieren ausländische Firmen deutlich mehr in der Schweiz als noch vor einem Vierteljahrhundert.

In keinem anderen europäischen Land – außer dem Ministaat Luxemburg – leben prozentual mehr Ausländer. Ende 2014 waren es 24,3 Prozent, also fast ein Viertel der Bevölkerung. Und diese Menschen sind nicht nur stille Schaffer, nein, sie stehen auf den Kommandobrücken: In den Geschäftsleitungen der 120 größten Schweizer Unternehmen sitzen 42 Prozent Ausländer.

All das ist bekannt. Nicht nur den Ökonomen, Historikern und Wirtschaftsführern. Auch Politiker von links bis rechts betonen bei jeder Gelegenheit mit Stolz, wie weltoffen die Schweiz sei. Es ist also eine Binsenwahrheit, wenn der Historiker André Holenstein in seinem Buch Mitten in Europa (Hier und Jetzt, 2014) über den Kleinstaat schreibt: "Sein hohes Wohlstandsniveau basiert auf seiner Integration in die europäische und globale Wirtschaft."

Doch ins Selbstverständnis der Schweizerinnen und Schweizer ist diese Verflechtung mit der Welt bis heute nicht gedrungen.