Was passiert, wenn man erwachsen wird in diesen Zeiten? Wenn man nicht weiß, wo man hinschauen soll, weil es überall brennt: Griechenland, Ukraine, Naher Osten? Man könnte Einzelgänger werden oder Pessimist, Weltverneiner oder Eskapist.

Stattdessen geschieht etwas Verblüffendes: Die 12- bis 25-Jährigen sind optimistischer, idealistischer und politischer als die Generation davor. 62 Prozent der Jungen, heißt es in der neuen Shell-Studie, sind sicher, dass sie eine gute Zukunft haben. 52 Prozent sind optimistisch im Hinblick auf die Gesellschaft. Dass sie sich selbst gut entwickeln, davon waren auch die Jahrgänge davor überzeugt. Dass es dem Land gut gehen soll, ist neu. Die "Allroundoptimisten" gewinnen hinzu. Bislang sagten die Jungen: "Ich schaffe das." Heute sagen sie: "Wir schaffen das." Gleichzeitig haben die Kinder heute weniger Sorgen vor Krankheit, schlechter Wirtschaftslage und Arbeitsplatzverlust als ihre Vorgänger. Eine neue Generation entsteht. Ihre Unbesorgtheit, ja Sorglosigkeit sticht so hervor, dass man sie auch "die sorglose Generation" nennen könnte.

Ihr Entstehen war unwahrscheinlich.

Erstens: Sie kannte immer nur Krise. Die Sorglosen wurden in eine Zeit hineingeboren, in der Krise der Normalzustand war.

Zweitens: Sie begegnet einer Welt voller Apokalyptiker. Das Lieblingsthema der öffentlichen Debatte ist der Untergang: Es wird immer schlimmer; die Probleme lassen sich nicht bewältigen. Wie soll man da Optimist werden?

Drittens: Sie ist so gut vernetzt wie nie zuvor. Man könnte meinen, dass die deutsche Inselhaftigkeit den Optimismus erzeugt hat: Deutschland war friedlich und prosperierte, während die Welt drum herum durchdrehte. Doch die junge Generation ist gut vernetzt. Sie hat Freunde überall. Viele von ihnen haben in diesen Tagen zum ersten Mal vom Konzept der Grenzen innerhalb Europas gehört. Der Optimismus wuchs, obwohl diese Generation von ihren Freunden wusste, wie schwierig die Lage ist.

Viertens: Die Mär von der Entpolitisierung der Jüngeren sah eine neue politische Generation schlicht nicht vor. Die 68er galten als die letzte große politische Generation, seither ging’s bergab. Die Babyboomer zeichnete bloß aus, dass sie immer zu viele waren. Die Generation Golf war unverkrampft materialistisch. In der Generation Y, der Vorgängergeneration der Sorglosen, überwogen die Selbstoptimierer, ehrgeizig und unpolitisch, schlau und faul. Wie kann es sein, dass darauf Optimisten folgen?

Je unwahrscheinlicher der Optimismus, umso naiver mag er wirken. Jetzt sorglos zu sein – blendet das die Welt nicht aus? Doch wer die Unsicherheit als Grundzustand einmal angenommen hat, für den verschieben sich die Maßstäbe. Halt gibt dann das Gefühl, dass es doch immer gut gegangen ist – und dass man mittun kann. Solch anpackende Zuversicht kann revolutionär sein.

Was die Jungen in Zukunft bewältigen müssen

Diese Krisengeneration hält einer ganzen Gesellschaft den Spiegel vor, weil sie zeigt, dass nicht zwangsläufig die Krise den Pessimismus schafft, sondern dass der Pessimismus die eigentliche Krise ist. Damit stellt sie die Apokalyptiker infrage mit ihrer Fama vom Ende der Welt, wie wir sie kennen.

Zum anderen weist sie auf die älteren Generationen zurück: Müssten die nicht auch zuversichtlicher sein? Und politischer?

Allerdings fragt sich auch, wie nachhaltig diese neue Haltung der Jungen ist. Schließlich wird die "sorglose Generation" so viele Aufgaben zu bewältigen haben wie kaum eine Gruppe zuvor. Sie wird über Jahrzehnte versuchen müssen, die Flüchtlinge in Deutschland zu integrieren. Sie wird auch klarkommen müssen mit den Hinterlassenschaften der vorherigen Generationen: mit der Unwucht, die die Babyboomer ins Sozialsystem bringen, die massenhaft in Rente gehen, wenn die Sorglosen ihren Studienabschluss haben; dem Materialismus der Generation Golf; dem Anspruchsdenken der Generation Y.

Wird also der Optimismus anhalten? Die Shell-Studie wurde bis März erhoben, bevor Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, vor dem epochalsten Einschnitt der vergangenen Jahrzehnte, mit dem die Krisen von der Peripherie ins Zentrum rückten. Doch man kann optimistisch sein in Hinblick auf den Optimismus. Wer unter widrigen Umständen Optimist wird, der bleibt auch einer. Hoffentlich.

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