Der wundersame Erfolg der Firma Vorwerk erklärt sich in einem Neubaugebiet am Nordrand des Sauerlandes. Dort lebt, in einem kleinen gelben Haus mit anthrazitfarbenen Dachziegeln, umfriedet von einer Thujenhecke und in unmittelbarer Nachbarschaft des Windparks von Ense-Bremen, eine Fee. Ihr Name ist Stefanie Holtz. Sie ist Mitte vierzig, meist gut gelaunt und "Mama von drei wunderbaren Kindern sowie begeisterte zweifache Hunde-Muddi". Zaubern kann sie natürlich auch. Sie ist ja eine Fee.

Zwischen Esstisch und Küchenzeile lümmeln die beiden Rhodesian Ridgebacks der Familie auf hellbeigen Hochglanzfliesen. Im Ofen backt ein Paderborner Landbrot. Es duftet nach zu Hause, und für viele sieht es auch aus wie zu Hause. Millionen Menschen kennen diese Küche wie ihre eigene. Von YouTube. Dort betreibt Holtz unter dem Künstlernamen Thermifee einen Kochkanal und zaubert, was immer Küche und Keller hergeben. "Pflaumen-Schmand-Kuchen war der Anfang von allem", sagt sie in Ruhrpottdeutsch. Seit mehreren Jahren lädt sie alle drei Tage ein neues Kochvideo hoch: Gebrannte Mandeln, 110.514-mal angesehen. 82.792-mal Der wirklich allerbeste Kartoffelbrei. 56.720-fach Bandnudeln an Brokkoli-Schinken-Rahm. Und so weiter.

Dabei ist die Thermifee nicht einmal der Star ihrer eigenen Kochshow. Die Hauptrolle spielt die weiß-silberfarbene Küchenmaschine, mit der Holtz alle ihre YouTube-Gerichte zaubert und die auch ihren Künstlernamen erklärt: der Thermomix.

Ein Thermomix ist eine Art Hexenkessel für Hausfrauen. Ein Mixer mit Heizung, ein Alutopf mit Waage und Touchscreen zum Stückpreis von 1.109 Euro und damit ziemlich teuer. Trotzdem hat der Hersteller Vorwerk allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres eine Million dieser Dinger verkauft, die meisten davon in Deutschland. Küchenmaschinen im Gegenwert von einer Milliarde Euro. Einer Summe, für die man auch eine kleine Verkehrsflugzeugflotte bekäme. Das allein wäre erstaunlich genug. Doch Vorwerk hat dieses betriebswirtschaftliche Wunder vollbracht, ohne Fernsehwerbung zu machen. Ohne Plakate zu kleben. Ohne den Thermomix in Läden zu verkaufen. Und ohne ihn über Internethändler zu vertreiben. Vorwerk schafft das ausschließlich mit Menschen wie Stefanie Holtz, der Thermifee.

Und so schreibt ein 132 Jahre altes Familienunternehmen aus Wuppertal gerade ein Stück zeitgenössische Wirtschaftsgeschichte. Wer schon immer mal lernen wollte, wie man Ideen aus der Wirtschaftswunderzeit ins 21. Jahrhundert rettet, ist hier richtig. Vorwerk verbindet die Welt der Hausfrau clever mit dem digitalen Zeitalter, vereint bodenständigen Maschinenbau mit psychologisch ausgefeilten Vertriebsmethoden und erobert damit einen Haushalt nach dem anderen.

Und etwas Glück ist natürlich auch dabei.

"Wir haben schon mit einem Erfolg gerechnet, dass es so schnell gehen würde, hat uns aber überrascht", sagt Reiner Strecker, persönlich haftender Gesellschafter und einer der Geschäftsführer. Obwohl er schon seit sechs Jahren bei Vorwerk ist, kann er auch nicht richtig erklären, was da gerade geschieht. Vorher hat der Mittfünfziger beim Zigarettenhersteller British American Tobacco gearbeitet und Produkte verkauft, die krank machen. Jetzt macht er auf gesunde Küche. Und auf sauberes Haus, denn Vorwerk stellt ja auch Staubsauger her, Putzroboter und Teppiche. Neuerdings sogar Elektrowerkzeuge mit femininem Touch. Aber der Thermomix ist der Star der Palette und macht ein Drittel des Umsatzes aus.