Alexander Haissl hat eine Zahl berechnet, die vielen Leuten in Berlin Angst macht. Haissl ist Automobilanalyst bei der Investmentbank Credit Suisse, und wenn seine Zahl stimmt, dann könnte der VW-Skandal weit größere Dimensionen annehmen als bislang vermutet. Dann würde aus einem wirtschaftlichen Problem auch ein politisches: Dann müsste womöglich der Staat Volkswagen retten.

Noch setzt die Politik auf Durchhalteparolen. Die Probleme in Wolfsburg würden den Ruf der deutschen Industrie "nicht beschädigen", sagt Kanzlerin Angela Merkel. Und Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, meint, Volkswagen sei ein "starkes Unternehmen", das die Krise in jedem Fall überleben werde.

Wenn sie sich da nur nicht täuschen.

Der Konzern hat zwar vergleichsweise viel Geld auf die Seite gelegt. Volkswagen besitzt Barreserven von rund 17 Milliarden Euro – das ist mehr, als die Lufthansa an der Börse wert ist. Hinzu kommen weitere fünf Milliarden aus dem Verkauf von Beteiligungen an Suzuki. Macht zusammen rund 22 Milliarden Euro.

Dennoch könnte es knapp werden – zumal das Unternehmen nach Ansicht von Analysten einen Teil seiner Barvorräte auf dem Konto belassen sollte, um zahlungsfähig zu bleiben. Vor allem die Belastungen aus Strafzahlungen und Sammelklagen lassen sich nur sehr schwer prognostizieren. Deshalb hat Credit-Suisse-Analyst Haissl verschiedene Szenarien untersucht. Wenn alles gut läuft für Volkswagen, kostet der Skandal den Konzern "nur" 23 Milliarden Euro – wenn es schlecht läuft, aber satte 78 Milliarden Euro. Es gebe "ein Risiko für die Bilanz von Volkswagen", weil die Barvorräte "wahrscheinlich nicht ausreichen, um die Kosten zu decken", so Haissl.

Ob es so weit kommt, hängt am Ende vor allem vom Faktor Zeit ab. Wenn sich die Schadenersatzprozesse hinziehen und die Strafzahlungen erst zu einem späteren Zeitpunkt anfallen, sind sie für das Unternehmen eher verkraftbar. Wenn das Geld relativ schnell überwiesen werden muss, dann wird es für Volkswagen gefährlich.

An den Finanzmärkten wächst bereits die Skepsis: Die Rating-Agentur Standard & Poor’s hat am Montag dieser Woche die Bonitätsbewertung für die Finanzdienstleistungssparte von Volkswagen nach unten korrigiert. Volkswagen muss also höhere Zinsen bezahlen, wenn sich das Unternehmen Geld borgen will – und damit verschlechtern sich schlimmstenfalls die Finanzierungskonditionen, die den Kunden beim Autokauf angeboten werden können. Das wiederum könnte sich negativ auf den Absatz auswirken.

Mit anderen Worten: Wolfsburg hat ein Problem – und damit auch Berlin.

Ist eine Kapitalerhöhung nötig?

VW wäre zwar nicht insolvent. Das Volkswagen-Reich ist groß, und durch den Verkauf einzelner Marken oder Unternehmensbeteiligungen könnte der Konzern viel Geld einnehmen. Allein durch den Verkauf von Bugatti, Bentley, Lamborghini und Ducati ließen sich nach Schätzungen der NordLB bis zu zehn Milliarden Euro erlösen. Doch Volkswagen ist ein hochintegrierter Konzern. Die Entwicklungsabteilungen arbeiten eng zusammen. Der Technik-Baukasten des Golf etwa ist die Basis für viele Modelle von Audi, Škoda oder Seat.

Wenn ein solches Unternehmen zumindest teilweise zerlegt wird, besteht immer die Gefahr, dass das Ganze leidet. Und wenn Volkswagen schrumpfen muss, würde das weltweit als herber Rückschlag für den Automobilstandort Deutschland empfunden werden. Das setzt der Geldbeschaffung durch den Verkauf von Beteiligungen Grenzen. Laut Credit Suisse jedenfalls besteht ein "erhebliches Risiko", dass der Konzern frisches Kapital benötigt.

Damit kommt der Staat ins Spiel. Denn Volkswagen ist kein normales Unternehmen. Das Land Niedersachsen hält – gesetzlich festgelegt – 20 Prozent der Aktien. Knapp zehn Milliarden Euro könnte der Konzern über die Platzierung von Wertpapieren ohne Stimmrecht einsammeln. Danach müssten normale Aktien ausgegeben werden – und dann muss das Land mitziehen, sonst sinkt sein Anteil am Unternehmen. Aber weil Niedersachsen wie viele andere Bundesländer notorisch klamm ist, wäre möglicherweise auch der Bund gefragt. Bloß wie?